+
Die Transsibirische Eisenbahn kurz vor der Abfahrt im Bockenheimer Depot.

Theater

Und dann tauchten noch diese Eisbären auf

  • schließen

"Das Ministerium der verlorenen Züge": Viktor Bodó macht in Frankfurt Quatsch, aber technisch ausgereiften.

Zu viel gelacht, um diesen Abend schnell abzutun. Dabei lässt er auch keinen dummen Witz aus, und am Anfang ist es ganz grausig, wenn Torsten Flassig das Publikum penetrant aufgeräumt und „unecht“ (Grundgütiger, ja, wir sind im Theater) als Reiseleiter begrüßt. Aber dann wird es schon interessanter, wenn er am Bahnsteig zurückbleibt, hoppla, während Melanie Straub so lange neben dem Zug herrennt, bis sich die Türhüterin, also die Schaffnerin, Katharina Linder, ihrer erbarmt und sie noch in den Waggon zerrt. Dann wird es noch etwas interessanter, als er nachher wieder auftaucht, aber es gibt keine Rolle für ihn.

Spätestens seit Pirandello kann sich ein Publikum darüber nicht mehr wundern, aber wie so oft im Leben wundert man sich doch, hat jedenfalls seine Freude daran. Der Rollenlose jammert ausführlich – alles hier ist laut und deutlich, keine Versteckspiele – und schmeißt sich an den Mann ran, der sich die Handlung (die Handlung?) auszudenken scheint: Moritz, Sebastian Reiß. Schon streitet er mit einer seiner Figuren. Nelly Politt war eben noch der Enkel eines merkwürdigen stillen Mannes, Peter Schröder, der aus dem fahrenden Zug sprang. Jetzt ist sie ein kluges Mädchen, das weiß, dass man die Türhüterin, also die Schaffnerin, bestechen kann, wenn man ihr die überteuerte Stoffbaikalrobbe abkauft.

Der Zug als geschlossenes System

Die Dinge entwickeln sich hier nicht subtil, eher als Klamotte, als hyperoberflächliche, also schon reflektierte, aber absichtlich unreflektiert wirkende Klamotte. Ein Zug ist dafür ein guter Ort, ganz von dieser Welt und doch für die Dauer der Fahrt ein in sich geschlossenes System, sehr geschwind und beliebt und trotzdem irgendwie ex-modern. Letzteres zumindest, wenn es sich um ein Modell handelt, wie es im Bockenheimer Depot vorgeführt wird. Es gibt Gründe anzunehmen, dass Waggons und Abteile der Transsibirischen Eisenbahn ungefähr so aussehen wie Juli Balázs sie hier hat einrichten lassen. Unklar hingegen bleibt, warum man allen Ernstes auf jener längsten Eisenbahnstrecke der Welt unterwegs gewesen sein muss, um sich „Das Ministerium der verlorenen Züge“ auszudenken.

So war es aber. Das Schauspiel Frankfurt beauftragte den international gerne gebuchten ungarischen Regisseur Viktor Bodó – der schon 2011 mit seinem Blick auf Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ in Mainz Spaß machte – und seine Mitarbeiter, den Autor Péter Kárpáti und ein Kamerateam, auf diese Reise zu gehen und daraus ein Stück zu machen.

Dies ist das Stück. Ein so genanntes kunterbuntes Trüppchen Figuren, modisch auf dem Stand des Zuginterieurs (Kostüme: Ildi Tihanyi), und ein kleiner russischer Chor inklusive Zupfinstrumente steigt in die Bahn, deren Außenhaut nach oben gezogen werden kann.

Nun sieht man den Gang mit Schiebetüren, bevor dahinter die liebevoll nachgebauten Abteile auftauchen. Durch die Fenster gondelt in perfekter Illusion die Landschaft vorüber, Vorstadt, Wälder, der Baikalsee. Über dem Zug eine Leinwand, auf der Großaufnahmen zu sehen sind, die Ágnesh Pákozdi live vornehmlich von den Gesichtern der Darsteller macht. Das wirkt nicht gedoppelt, ist eher ein – von Pákozdi diskret und kletterbereit durchgeführtes – Spiel mit Bodós komödiantischer Überdeutlichkeit. Es wird grimassiert, nicht nur, wie im Falle der ad hoc auftauchenden und verschwindenden Schönen, Luana Velis, zur Vorbeugung vor Doppelkinnbildung.

Eine Klamotte, in der Tat

Denn im Zug vertreiben sich die Menschen die Zeit auf unterschiedliche Weise. Die Vorbereiteten essen hartgekochte Eier, die Unvorbereiteten kaufen schamlos teure Twix. Die einen wollen nur rauchen (André Meyer und Nicolas Matthews als sympathisches Clownspaar), die anderen kreativ sein, streiten, ihre Geschichte erzählen.

Geschichten aber können sich hier nur selten wirklich entfalten – wie schön ist es, wenn Peter Schröder einmal in Ruhe über unterschiedliche Zugratterarten doziert, und der Zug dann einfach abhebt. Das Versäumen dieser Erzählgelegenheit, die Bodó vielleicht einfach zu naheliegend war, gehört zu den Überraschungen, sozusagen auch zum Luxus angesichts der ausführlichen Recherche. Stattdessen entwickelt sich, nein zeigt sich eine zweistündige, unterhaltsame Szenenfolge, die Klamauk (Putin ruft an, aber nur die Souffleuse geht ran), Klischees (Baikalseeromantik, Wodkabesäufnis) und Quatsch (Auftritt zweier Eisbären, Zündung der Samowarrakete) nicht meidet. Der ästhetisch-technische Aufwand ist dabei deutlich größer als die intellektuelle Ambition.

Auf die verzichtet „Das Ministerium der verlorenen Züge“ aber so offenherzig, dass man sich schon wieder gerne einlässt auf die kleinen skurrilen Angebote: Es gibt nicht nur den flauen Witz, wir (die Zuschauer) säßen wie die Sardinen in der dritten Klasse, sondern das Saallicht geht auch an, als die Figuren ein Päuschen wollen. Da sehen sie uns und erschrecken sehr. Eine Tribüne voller Zuschauer ist bizarrer und aufdringlicher als ein paar Leutchen im Zug.

Eine Klamotte, in der Tat. Bodó lässt nicht nur Filme mitlaufen und mitfilmen, er schickt auch die Spieler in Zeitlupen und kann die Rücklauftaste drücken, so dass Melanie Straub ganz fantastisch das Schumann-Lied „Seit ich ihn gesehen“ rückwärts singt. Dass sich die Uhrzeit beim Passieren der Zeitzonengrenzen in der Transsib nicht ändert, gibt Anlass zur visuellen Darstellung von Zeitverzerrungen.

Die Herrin über Schokoriegel

Ein Coup der Aufführung ist aber Katharina Linder als Schaffnerin Olga Fjodorowna, die melancholische und erbarmungslose, technokratische und mythische (ewige), unterkühlte und leidenschaftliche Herrin über Schokoriegel und Rauchmöglichkeiten. Sie bietet mehr Doppeldeutigkeit als das ganze Unterfangen zusammen. Auf seine Weise ein riskantes Theater der ausgefeilten Harmlosigkeit, aber auch ein Antiwichtigtuereitheater, aber nun ist es auch genug damit.

Schauspiel Frankfurt im Bockenheimer Depot: 4., 11., 13., 16., 17., 21., 27., 28. Dezember.
www.schauspielfrankfurt.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion