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Kurzer Traum vom Glück: Elsa, Lohengrin, Schneekugel im Opernhaus Dortmund. 

„Lohengrin“

Daniel Behle als Lohengrin in Dortmund: Immer sollst du ihn befragen

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Daniel Behles ausgezeichnetes Debüt als Lohengrin am Theater Dortmund.

Zu den bescheidenen Wünschen im Leben mag seit ein paar Jahren gehören, Daniel Behle einmal als Lohengrin in der gleichnamigen Oper Richard Wagners zu hören. Seine Stimme geht so sehr dorthin, ihre Leichtigkeit, Genauigkeit, sanfte Kraft, die hier zwar nicht über die lange Strecke strapaziert wird – weshalb erfolgreiche Siegfrieds am Schützer von Brabant heillos scheitern können –, aber punktuell auf Vordermann sein muss: in gleißenden Höhen, jenen Sphären, in denen ein Gralsritter erst zu sich selbst kommt. Anders als ein Mensch, selbst wenn er ein Tenor ist.

Der 45-jährige Daniel Behle – sprechen wir nicht davon, wie viele Jahre, Jahrzehnte er jünger aussieht, sprechen wir jedenfalls nur ganz kurz davon – jetzt also als Lohengrin: Das Theater Dortmund sicherte sich das verheißungsvolle Debüt, anscheinend knapp vor den Stuttgartern, die das ihrerseits angekündigt hatten (und wo Behle demnächst auftreten wird). Ein verheißungsvolles Debüt, das die Verheißung erfüllen, übertreffen kann. Makellos die Höhen, in denen nichts verschwimmt und nichts versteckt werden muss, die Töne wie eine Perlenkette, die technische Präzision der Intonation und Artikulation so glasklar wie beim Liedgesang. Der Kraftakt wird tatsächlich zum erzählenden Lied. Dafür muss und sogar: sollte eine Stimme nicht stählern klingen. Welch ein Glück, dass Elsa ihn nachher gegen sein Verbot befragt und Lohengrin vom Gral erzählen muss.

Eine Spur von Übersorgfalt in der Artikulation wirkt eher ansprechend – Lohengrin ist streng, und Fehlerlosigkeit hat stets einen Zug ins Streberhafte –, außerdem dürfte sich das noch legen. Eine Kühle, die eingebildet sein kann, passt zur transzendenten Herkunft. Lohengrin schwankt ja zwischen der Sehnsucht nach häuslicher Liebe und einer von ganz oben anbefohlenen Pflichterfüllung, aber selbst im Schwanken ist er übernatürlich dezent. Dem wurde Behle voll gerecht, auch als Typus, in dem ferner ein Hauch von Buster Keaton mitschwingt.

In der Inszenierung von Ingo Kerkhof im Opernhaus Dortmund taucht er hemdsärmlig und mit einiger Verzögerung aus dem dunklen Hintergrund auf. Eine verunglückte Szene nicht, weil weit und breit kein Schwan zu sehen ist, sondern weil das Tableau der übrigen Solisten eine teils missmutige, teils zagende, teils bloß unverbindliche Haltung präsentiert, während uns von hinten der Chor regelrecht anschreit in einer jedenfalls in der besuchten Vorstellung nicht gut austarierten Wucht.

Rund um Behle nämlich Licht und Schatten. Die Dortmunder Philharmoniker unter Gabriel Feltz suchen und finden das Zupackende im Romantischen. Sie mystifizieren sogar die hier schleunige Ouvertüre nur in Maßen. Das Kernige steht ihr aber nicht schlecht, zumal die Bühne schon zu sehen ist und Elsa bei finsteren Träumen in ihrem bieder eingerichteten Kämmerlein liegt. Dirk Beckers Bühne zeigt ein Stoppelfeld, das auf Wiedervorlage für alle möglichen Opern und Sprechtheaterstücke verwendet werden könnte. Die Kammer zur Linken ist nachher merkwürdigerweise auch das Schlafzimmer der Telramunds.

Zur Sache
Theater Dortmund: 14. Dezember, 22. März, 10. April, 22. Mai. – Eine Vorstellung am 12. Januar wurde wegen einer für diesen Tag terminierten Bombenentschärfung inzwischen abgesagt. Daniel Behle singt am heutigen Samstag und dann noch einmal am 22. Mai – Letzeres im Zuge des neuen Festivals „Kosmos Wagner“ vom 21. bis 24. Mai. www.theaterdo.de

Oper Stuttgart: Hier ist Behle als Lohengrin bei einer Aufführungsserie von Árpád Schillings dunkler, reizvoller Inszenierung aus dem Herbst 2018 zu erleben – am 12., 15., 19. Januar. www.oper-stuttgart.de

Ein aufwendiger Umbau in der Pause zeigt das Brautgemach Lohengrins und Elsas sodann als unerwartet großen Saal, dessen Funktion vor allem ist, hinter einer halbdurchsichtigen Wand ein doublettiertes Paar ähnlich, aber nicht genau so sich bewegen zu lassen. Einiger Aufwand für einen geringen Ertrag.

Das gilt ebenso, das gilt sogar noch mehr für die an sich schöne Videoarbeit von Philipp Ludwig Stangl. Zwei brave Kinder essen ihre Suppe. Das müssen Elsa und ihr inzwischen verloren gegangener Bruder Gottfried sein: Gottfried, dessen Verschwinden der Auslöser der Handlung ist und der diesem Szenario zufolge nicht so viel jünger wäre als sie, wie es üblicherweise gezeigt wird. Im Suppentopf findet sich auf einmal ein Federball (vom Federball zum Schwan sind es keine Lichtjahre), mit dem lustig gespielt wird, bevor er wieder im Topf verschwindet. Dafür lassen sich Kerkhof und Stangl viel Zeit. Dass auch Lohengrin nachher wie von ungefähr einen Federball zur Hand hat, ist allerdings eine Überraschung. Sind er und Gottfried ein und dieselbe Person?

Es ist sicher die Schwäche von Kerkhofs Erzählung, ein offenes und interessiertes Publikum auf den Leim gehen zu lassen – bei einer Handlung, die Überschreibungen an sich auch gut verträgt, und einer Musik, die psychologische Ambivalenzen vermittelt. Was genau meint Lohengrin, wenn er singt, dass er Elsa liebe? Und was kann Elsa damit anfangen? In Dortmund reagiert sie an dieser Stelle schroff, aber auch diese Fährte wird nicht verfolgt.

Gewiss ist lediglich, dass Kerkhof sie als Träumerin zeichnet, gar als Narkoleptikerin, die die Schlummersucht in inadäquaten, oft bedrängten Augenblicken überkommt: Darauf würde man sich gerne einlassen. Recht nützlich auch die calvinistisch gedeckten Kostüme von Jessica Rockstroh und die Lichtarbeit von Florian Franzen. Es ist meistens nicht stimmungs-, nur in vielem sinnlos.

Auch Elsa ist eine interessante Debütantin, die Schwedin Christina Nilsson (Jahrgang 1990!). Sie spielt somnambul bis ins Törichte, ihr Sopran dabei schlank, groß, ohne Schärfe. Joachim Goltz als solider Telramund und Sabine Hogrefe als Ortrud – die an diesem Abend ad hoc eingesprungen ist und sich mit zerbinettahafter Sicherheit in die Situation findet – sind ein weniger düsteres als mürrisches Paar. Finster besprechen sie sich bei einer Zigarette danach im Schlafzimmer.

Durchschlagend Shavleg Armasi als Heinrich. Eine Abwechslung Morgan Moody als Herrufer mit strohblonder Sturmfrisur (!): ein jovial auftretender, aber ambitionierter PR-Mann des Königs. Im Unausgewogenen des Ganzen brachte das zwar nicht viel, aber vergessen wird man ihn nicht.

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