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„Cyberexorcism“ im LAB: Hier ein Tik. Dort ein Tok

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Von: Sylvia Staude

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Entspannt beim „Cyberexorcism“. Núria Guiu
Entspannt beim „Cyberexorcism“. Núria Guiu © Núria Guiu

Núria Guius „Cyberexorcism“ beim Tanzfestival Rhein-Main

Auch TikTok erlaubt inzwischen längere Videos, aber vor allem kennt man die 15-Sekunden-Clips. Die Mini-Sequenzen, mit denen Núria Guius jetzt im Rahmen des Tanzfestivals Rhein-Main im Frankfurt LAB gastierendes Stück „Cyberexorcism“ eröffnet, sind oft nicht einmal so lang. Ein paar Gesten, ein wenig Powackeln, schon friert der Tänzer ein, bricht die Musik ab. Er nimmt sein Mobiltelefon, geht an einen anderen Platz auf der Bühne, wieder eine ultrakurze Sequenz. Seine vier Kolleginnen und Kollegen sitzen erstmal rum, geben sich uninteressiert. Oder positionieren sich, blicken in eine imaginäre Kamera.

Ist das der neue Volkstanz?

Die katalanische Choreografin Núria Guiu und ihr Ensemble beschäftigten sich mit dem „neuen digitalen Volkstanz“ auf TikTok; Guiu diagnostiziert, dass es sehr wohl auch im Virtuellen ein Miteinander gebe, dass es aber mittlerweile an anderen Orten stattfinde – und indem man sich ein Like schickt.

In der LAB-Halle hängen im hinteren Drittel große Tücher mit ganz unterschiedlichen Motiven, von einem Spaghettiesser (Gesicht mit Nudeln, die wie ein Wasserfall aus dem Mund hängen) bis zur Marmorskulptur und Erdaufnahme vom All aus. Tänzerinnen und Tänzer tragen kurios-kunterbunte Freizeitklamotten (Bühne, Kostüme: Lola Belles, Victor Colmenero), wechseln öfter, machen später mit Hilfe der Tücher eine Modenschau, während in rhythmischer Endlosschleife eine raue Stimme „Gucci Gucci Prada Prada“ brummt. Immer wieder auch wird vom Ensemble eine Zeile aus einem Lady-Gaga-Song intoniert (mit unterschiedlichem Geschick): „Caught in a bad romance“.

Die fünf haben Spaß, sind lässig, sexy, hüpfen mal gemeinsam, nehmen dann wieder jeder und jede für sich Posen ein. Die Choreografie wirkt zwanglos, zusammengewürfelt, obwohl die Bewegungen schnell und präzise sind. Das Bild von der Erde wird runtergelassen, Theaternebel zischt auf die Bühne.

Und das Stück fühlt sich bald lang an, obwohl es nur eine Stunde dauert. Denn die hübsche Zwanglosigkeit hat keinen Kern, keine Schärfe, über die fünf sympathischen jungen Leute wird nichts erzählt, „bad romance“ hin oder her, auch nicht darüber, was es mit der neuen Art des Beisammenseins auf sich hat. Sollen wir uns vorstellen, dass sie befreundet sind? Dass sie sich nur vom Video und übers gegenseitige Liken kennen?

Scharenweise Teenies sind in der Vorstellung. Aber ob sie sich von diesem „Cyberexorcism“ fürs Theater gewinnen lassen? Einige machen Aufnahmen, mag sein, sie stellen es bei TikTok rein.

Tanzfestival Rhein-Main: bis 13. November. www.tanzfestivalrheinmain.de

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