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Cum-Ex und hopp

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Drei Tage (Theater-)Kunst gegen Mammon in der Naxoshalle.

Drei Tage lang suchte das Festival „What a Mess/ It’s Cum Ex“ den Aufschrei zum Thema Cum-Ex-Geschäfte zu erzeugen, der real ausblieb. Leute mit parasitärem Geschäftsmodell bereicherten sich 25 Jahre lang an nie gezahlten Steuern, die sie sich x-fach „zurück“-zahlen ließen. Seit 2015 aufgedeckt, kam es erst jetzt zum ersten Prozess. Der Schaden für die Steuerzahler: 55 Milliarden Euro, ein Dauer-Melken von im Schnitt 2,2 Milliarden jährlich.

Einer Stadt wie Frankfurt steht dies Festival mit Kulturdezernentin Ina Hartwig als Schirmherrin und Bankenstiftungen im Rücken wohl an. Nach all den Finanzkrisen von 2007 und 2010 und den Sachbüchern und Bühnenstücken dazu stellt sich heute wohl Erschöpfung ein, was den Schrei dämpft. Nun also dies Festival mit seinem Dramenpreis, bei mehr als neunzig Einsendungen.

Als Sieger gingen „Hält uns wach“ von Laura Immler und Hannes Köpke alias Rita Grechen (Regie: Maxime Mourot), „Kein Schafspelz kein Wolf“ von Julian Mahid Hossain (Malin Lamparter) und „Am Wulst der Zeit“ von Till Wiebel (Jette Büshel) hervor, die in weniger als zwei Stunden in der Naxoshalle zur Kollektiv-Premiere kamen. An der Umsetzung wirkten Regiestudenten der Hessischen Theaterakademie mit. Das hätte „studentisch“ ausfallen können, doch erwiesen sich Spiel und Inszenierung fast überraschend reif und konsequent in ihrer Herstellung reizvoller szenischer Konstellationen, dem verspielt-gekonnten Umgang mit Sprache und den darstellerischen Leistungen. Lisa Henrici etwa, die wie Andreas Jahnke an allen Stücken mitwirkte, zeigte beachtliche Spannbreite. Auch Birgit Heuser von Willy Pramls Theater gefiel sehr.

Zu den Stücken. „Hält uns wach“ besteht aus drei „Akten“ in drei Textspalten und -modi, mit dem Sprechtext als Mittler zwischen Motto-artigen Texten links und der überwältigenden Dauer-Regieanweisung in Anflügen von Becketts „Verwaiser“ rechts. Oder die drei Instanzen stürzen in explodierende Majuskel-Cluster zusammen. Der Sprechtext ist in archetypischen Situationen entpersonalisiert, mit eigenem „Theater“-Ort der Selbstreflexion. Dokumentarisches Interesse scheint etwa dann auf, wenn sich der „Topjurist“ ein Gewissen macht und vor der Familie im Heiner-Müller-Grotesk-Sound weich wird: „HIER KINDER ICH HABE FÜR EUCH DEN STAAT AUSGEPLÜNDERT/ danke Papi/ wir halten das Unternehmen in Ehren/ GUTE NACHT“. Im „Theater“ stoßen Chor (Steuerzahler) und Gegenchor zusammen: „Die sich nehmen was sie wollen/ Weil sie ihn nie unterschrieben/ den Gesellschaftsvertrag“.

Julian Mahid Hossains „Kein Schafspelz kein Wolf“ kam mit viel Schäfchenwolle, klaren Figuren, witzig-maßlosen Regieanweisungen und sexuellen Beitönen leichter rüber. Wiebels „Am Wulst der Zeit“ dann spießte die Verdrängung auf und erging sich im Pathos des Vagen, was Beckett-Töne aufrührte. Vom Startpunkt „größer als Weihnachten“ ging es bis zum Rätsellöser, wobei der sprachspielerische Narzissmus („Hier wählt niemand. Niemand hat eine Wahl. Niemand hat einen Wal...“) unter Sprechritualen auf den Auftritt des „Breis“, um den alle herumreden, hinarbeitete. Einer pompösen Schweigeminute in Szene 7 folgte Peter-Pan-haft die Suche nach dem verlorenen „inneren Feuer“.

Sollten wir Imbisse in Schlimmbisse umbenennen? Mit solchen Fragen klang alles aus. Otto-Normal-Prekariatsmitglied aber bleibt nur, sich vor Cum-Ex-Profiteuren aufzustellen und wie Brechts unwürdige Greisin mit ihrem späten Nein zu sagen: „Dein Geld ist meins.“

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