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„Così fan tutte“: Mainz, wie es sehr gut singt und über alles lacht

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Von: Bernhard Uske

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Das Quartett auf dem Weg zum Altar. Foto: Andreas Etter
Das Quartett auf dem Weg zum Altar. Foto: Andreas Etter © Andreas Etter

Hinter dem Regie-Klamauk wartet die Musik von „Così fan tutte“.

Was im Leben andere weinen macht, ist für ihn ein Grund zum Lachen. Drohn auf dieser Welt Gefahren bang, wahrt er seinen heiteren Sinn.“ Zu diesen letzten Worten von „Così fan tutte“ marschiert ein Queer- bzw. Durchschnitt zweibeiniger LGBTQIA+-Prototypen auf die Bühne des Großen Hauses des Mainzer Staatstheaters. Dort hatte Mozarts Oper Premiere: ein bisschen schwul, ein bisschen lesbisch, ein bisschen zoophil und objektophil.

Vorher gab es schon bei den beiden auf ihre Treue geprüften cis-männlichen und cis-weiblichen Paaren Fiordiligi-Guglielmo sowie Dorabella-Ferrando diverse Kleidertauschaktionen und neckische Kostümierungen, die etwa den Darsteller des Guglielmo gleich einem deus ex machina gehüllt in ein Ganzkörperherzkostüm mit Gesicht und heraushängender Zunge präsentierten. Und an dem sich Dorabella, die sich zwischenzeitlich nur noch unterwäschebewehrt zeigte, oral zu schaffen macht. Zur Hochzeit steht denn auch auf blauen Kuben, die wie Bauklötzchen für frühkindlichen Spracherwerb Buchstaben zeigen (zusammengeschoben mal „Bett“, „Love“, „Trieb“ ergebend) finaliter: „so machen wir’s“ – ein immerwährendes, bescheidenes Kostümfest. Die Bühne ist zu diesem Zeitpunkt von allerlei umherliegenden und auch zertretenen Luftballonherzen sowie Kartonagen vollgemüllt, die vorher ein ständig Pakete (wohl für den zu gründenden Hausstand der Hauptfiguren) herankarrender DHL-Bote in seiner rot-gelben Arbeitskluft zustellt.

Zeitgeist und Gehampel

Vielfalt sieht anders aus als die Abziehbilder einer mitläuferischen Zeitgeistigkeit und Pseudoaktualisierung – insofern waren die beiden blauen Mülltonnen, in denen die dem Geschlechterrollentausch und den Identitätswechselbemühungen im Wege stehenden Attribute kostümlicher und sonstiger Art verschwanden, ein unfreiwilliger Hinweis, wohin auch die fade und plakative Szenerie mit ihrem besonders im zweiten Teil nervenden Gehampel und kindischem Gefuchtel zum großen Teil gehört hätten.

Eine einzige Szene war es wert, erinnert zu werden: jener düstere, rauchgeschwängerte Raum der Gewissensqual Fiordiligis, in dem eine Gevatterin Tod im Hochzeitskleid als Alter Ego zu den Klagen mit glasharmonikal anmutenden Akkorden aufspielte. Die heile Gegenwelt (in Hochzeitsweiß) war mit Kinderwiege und „Traumhaus“-Illustriertenlektüre dann wieder nur Klischee.

Mainz wie es singt und lacht! Und es lacht selbst bei den letzten Kalauern. Aber es singt gut, ja sogar sehr gut. Das instrumentale und stimmliche Niveau ließ oft das Grobsinnliche (Schampusflasche am Hals, Beine breit) völlig vergessen. Am Bewegendsten sang Selene Zanetti als Fiordiligi. Eine genau durchgeführte, fein abgestimmte Vokal-Dramaturgie, die leicht und doch voll, auch getragen war und genau die Kräftebemessung bei den beiden extrem fordernden Arien ihrer Partie im Blick hatte. Kaum stand ihr Karina Repovas Dorabella nach: schärfer intonierend, heraustretender mit ihrer Stimme und sehr agil. Die beiden Verlobten der Bräute wurden gesungen von der feinen, melodiöse Bögen bestens nachzeichnenden Stimme Myungin Lees (Ferrando) und dem einen markanten, wenngleich gerundeten Ton anschlagenden Brett Carter (als Guglielmo). Die Zofe Despina war durch Julietta Aleksanyan fest und hell timbriert, während Don Alfonso, der Spielemacher, in Pablo Ruiz einen nicht chargierenden und bestimmenden Bewegungs- und Tönebildner hatte.

Es war der Regie Cordula Däupers gegeben, an einigen Punkten den Klamauk hintanzustellen und einfach Ruhe zu geben. Das ließ dann das einzige Kapital dieser Inszenierung sich akkumulieren und hinter dem Regiekonstrukt den Klangkörper Mozarts in seiner ganzen Realität erleben. Jenes phänomenale Gemisch aus tändelndem Geplapper, scharfer, fast bellizistischer Diktion und transzendierender Emphase in höchster Sublimität. Was dem Philharmonischen Staatsorchester Mainz unter der Leitung Daniel Montanés vortrefflich gelang.

Staatstheater Mainz: 9., 14., 23. Oktober. www.staatstheater-mainz.com

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