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„Così fan tutte“ in Schwetzingen: Der süße Schreck

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Von: Judith von Sternburg

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Despina wird von ihren Chefinnen gescheucht: Seunghee Kho, Csilla Csövari, Shachar Lavi (v.l.). Bild: Maximilian Borchardt
Despina wird von ihren Chefinnen gescheucht: Seunghee Kho, Csilla Csövari, Shachar Lavi (v.l.). Bild: Maximilian Borchardt © Maximilian Borchardt

Und wenn man sich noch eins fest vornimmt für die endende Spielzeit: „Così fan tutte“ in Schwetzingen.

Das ist nicht zuletzt ein Abend, an dem das Publikum lachen kann wie in einer Screwball-Komödie, die „Così fan tutte“ allen Abgründen zum Trotz auch ist. Darum spielen Ferrando und Guglielmo Federball (schlecht, total schlecht), die Schläger werden in der quicklebendigen Eingangsszene zu Gitarren, Geigen, Mikrofonen, Degen, Schießgewehren, sieh an, so schnell kann das eine aggressive Note bekommen.

Hier wird kein Unfug ausgelassen und man sieht das im Grunde nicht zum ersten Mal, aber Juraj Hollý und Ilya Lapich sowie Bartosz Urbanowicz als Strippenzieher Don Alfonso machen das so perfekt auf den Punkt, so auf Draht, so hingegeben komödiantisch, dass der Unfug sich von seiner besten Seite zeigt: die hohe Kunst des Quatschs. Witze mit Worten, für die Mozarts genialer Librettist Lorenzo Da Ponte zuständig ist, Witze im bewegten Bild, für die die Regisseurin Tatjana Gürbaca und Ausstatterin Ingrid Erb zuständig sind. Die Schwestern, die gleich durch den Kakao gezogen werden, Dorabella, Shachar Lavi, und Fiordiligi, Seunghee Kho, tragen diesmal elegante weiße Zweiteiler, die Röcke mit langen Schleppen, über die man sich zunächst vielleicht wundert. Es ist aber einiges mit ihnen anzufangen. Despina, Csilla Csövari, versucht zum Beispiel, die beiden damit in einem akrobatischen Akt zusammenzuhalten. Je alberner und gewissermaßen zufälliger es auf der Bühne zugeht (und das gilt übrigens eh nicht nur für die Bühne), umso akkurater, akribischer und durchprobierter muss es gestaltet sein. Da es ganz unwahrscheinlich ist, dass ein Sechs-Personen-Opernensemble ad hoc aus Erzkomödiantinnen und Erzkomödianten besteht, muss man sich die Regisseurin als Perfektionistin vorstellen.

Das funktioniert hervorragend, obwohl „Così fan tutte“ eine durchaus unbehagliche Geschichte ist. Sie ist penetrant misogyn, eigentlich penetrant misanthropisch. Don Alfonso, wenn man kurz einmal allen Humor verliert, ist ein oberlehrerhafter Sarastro und unbefriedigter Knilch. Kluge Inszenierungen beziehen das natürlich ein, Gürbaca aber nicht derb, sondern zart. Nuancenreich interessiert sich auch Urbanowiczs Alfonso für die Frauen, für die er allerdings nur am Rande vorhanden ist. Abgründig neben dem wirklich nicht ernstzunehmenden pädagogischen Programm ist aber mehr noch die Tatsache, dass Alfonso auf einer viel tieferen Ebene richtig liegt. Dort betrifft sie nicht nur Frauen, die Liebe in ihrer behaupteten Beständigkeit zeigt sich ja insgesamt als Unsicherheitsfaktor Nummer eins im Leben. Man kann Da Pontes und Mozarts Personal, wie es bei Gürbaca und Erb auch selbstverständlich geschieht, absolut im Hier und Jetzt spielen lassen, und die Scham über die eigene Treulosigkeit, überhaupt über die Tatsache, sich so leicht verunsichern zu lassen, hat nichts von ihrer Triftigkeit verloren. Zumal alle vier nicht mehr wissen, wo oben und unten ist. Das kann nicht gut ausgehen, geht es auch nicht. Aber interessant geht es aus.

Einen Blick in den Abgrund ermöglichen sparsam eingesetzte Zitate an der Rückwand. Wer solche Ideen aus der Dramaturgie-Abteilung gar nicht leiden kann, gibt womöglich trotzdem zu, dass es diesmal genialisch gemacht ist. Scharfe Zusatzkommentare, in denen Heiner Müllers „Quartett“ unschwer zu erkennen ist.

Selbst der erste Satz, „Die Schrecken der Oper sind süß“, stammt von dort, ein Denksportsatz, wenn man ihn ernst nimmt, und das sollte man zweifellos. Nachher zum Beispiel auch die berühmt gewordene Wendung: „Die Qual zu leben und nicht Gott zu sein“, wobei Don Alfonso genau in Blickrichtung der Zeilen steht. Was mag er dabei denken, der Möchtegern. Und die Luft vibriert, wenn dieser Satz erscheint: „Die Beute hat Gewalt über den Jäger.“ Denn Gürbaca gelingt es, entspannt Menschen zu zeigen, aber sie verlieren völlig den Boden unter den Füßen, die Frauen und die Männer und das Publikum gewissermaßen auch. Die argen Dinge des Lebens unter Menschen sehen auf der Bühne aus wie ein Spiel. Aber wir schlucken.

Sehr ansprechend die Umgebung. Erb zeigt hinten ein Seestück mit bewegten Wellen, davor ein dreiwändiges Papierhäuschen, in dem jene lebhafte See – die mittlere Welle wie von ungefähr vulkanförmig – nun gerahmt und domestiziert noch einmal hängt. Das Papierhäuschen, das Heim der beiden Schwestern, wird den Abend nicht überstehen, erst gerupft, dann abgebaut. Einen Verkleidungskarneval mit Schäferinnen, napoleonischen Soldaten und allem Tand, der sonst nicht auf die Bühne darf, veranstaltet vor allem der Chor (Dani Juris) mit trefflichen Kurzauftritten. Das Theater im Schwetzinger Schloss, ein echtes Mozart-Zeit-Theater, ist optisch und akustisch prädestiniert, das großartige junge Sextett kann sich aufs Feinste und Leichteste über das schlanke Orchester setzen, alles völlig drucklos: Gábor Káli formt im Minigraben einen knackigen Klang, kompakt und knallfrisch.

Das Nationaltheater Mannheim, das dieses Wunderwerk zustande brachte – während im Haupthaus dieser Tage ein kompletter „Ring“ Premiere feiert, die Tausendsassa –, will alle drei Mozart-Opern, also auch „Die Hochzeit des Figaro“ im nächsten und „Don Giovanni“ im übernächsten Jahr, auf die Schwetzinger Bühne bringen – wie schon in „Così fan tutte“ in Kooperation mit dem Nationaltheater Prag. Die Latte liegt hoch, wie man so sagt unter sportiven Menschen. Prächtig außerdem die ukrainische Fahne auf dem Schwetzinger Schloss.

Nationaltheater Mannheim im Schlosstheater Schwetzingen: 18., 21., 25., 27. Juli. www.nationaltheater-mannheim.de

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