Don Alfonso zwischen den todunglücklichen Frauen: Elsa Dreisig, Johannes Martin Kränzle, Marianne Crebassa (v.l.)
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Don Alfonso zwischen den todunglücklichen Frauen: Elsa Dreisig, Johannes Martin Kränzle, Marianne Crebassa (v.l.)

Salzburger Festspiele

„Cosi fan tutte“ in Salzburg: Wie man schön schnell sein Glück ruinieren kann

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Mozarts „Cosi fan tutte“ in Salzburg: Christof Loy, Joana Mallwitz und ein fulminantes Ensemble triumphieren in allen Belangen.

Così fan tutte“ in Salzburg kann als – gewissermaßen auch erschreckendes – Beispiel dafür dienen, dass eine Mozart-Oper im Idealfall das Gegenteil einer Materialschlacht ist. Ein kleines, hochkonzentriertes Opernwunder wurde aus der besonderen Situation des eingeschnurrten Jubiläumsprogramms geboren.

Regisseur Christof Loy hätte zum hundertjährigen Bestehen der Festspiele die gegenwärtig unvorstellbare Choroper „Boris Godunow“ inszeniert, Dirigentin Joana Mallwitz die „Zauberflöte“ in der opulenten Bebilderung von Lydia Steier geleitet. Nun steckten die beiden, wenn man derzeit so sagen darf, die Köpfe zusammen und erstellten eine klug auf knapp zweieinhalb (pausenlose) Stunden gekürzte Fassung, in der einem nichts abgeht. Stattdessen wird die manchmal zähe Entwicklung flott gemacht.

Johannes Leiacker baute ein einfaches, äußerst wirkungsvolles Bühnenbild in Schneeweiß: Zwei Türen in der weit nach vorne geschobenen Wand, davor führen Stufen zum kleinen, dadurch besonders nah und integriert wirkenden Orchester. Barbara Drosihns schlicht elegante, schwarz-weiße, aber vor allem schwarze Kostüme – Farbe bekommen sie nur beim ansonsten wenig popanzhaften Verkleidungsspiel der Männer – setzen sich vor der gleißend hellen Fläche wie ausgeschnitten ab. Alles lenkt auf die Menschen, die sich hier in einer ausgetüftelten Balance zwischen der nuancierten Zappelei innerer Unruhe und einer auf der Bühne selten erreichten Natürlichkeit, Alltäglichkeit bewegen. Wie hätte in einer solchen Umgebung wohl Handkes „Zdenek Adamec“ gewirkt? Was soll man dazu sagen, wenn Spielende in der Oper Spielenden im Sprechtheater den Schneid abkaufen?

Zumal der Abend sängerisch eine Offenbarung ist, im Einzelnen und im Harmonieren miteinander. Elsa Dreisig ist eine traumhaft individuelle Fiordiligi-Stimme, nicht einfach nur glockenhell oder quecksilbrig, sondern von beträchtlicher Verbindlichkeit und auch Tragik. Noch mehr als das Spiel kann die Stimme vermitteln, wie hier ein Mensch, Komödie hin oder her, in die Enge getrieben wird. Der Mezzo von Marianne Crebassa als Dorabella ist das wirklich tief grundierte Gegenstück. Diese Frauen sind so weit von einer Rokoko-Oberfläche entfernt wie möglich. Dass Drosihn und Loy ihnen Kleiderschnitte und Bewegungen wie in einer halbwegs intelligenten US-Fernsehserie mitgeben, funktioniert ausgezeichnet.

Lea Desandres Despina ist dazu optisch eine Art Audrey Hepburn. Das Neckische dieses Dienstmädchens, dem Loy einen hinreißenden Auftritt mit lautstarkem Quirl in leerer Metallschüssel gönnt (geradezu blechtrommelartig), tritt zurück hinter ihrem Geschäftssinn, einem Geschäftssinn, den ihr das Leben beigebracht hat. Auch Desandre weiß ihre Rolle in ihrem glasklaren, unzwitschrigen, kühlen Gesang widerzuspiegeln.

Bei den Männern passen sich der geschmeidige, hervorragend kontrollierte Ferrando-Tenor von Bogdan Volkov (im „Godunow“ wäre er der ganz anders geartete Gottesnarr gewesen) und der mächtige, elegante Bariton von Andrè Schuen als Guglielmo perfekt ein. Auch sie sind glaubhaft jung. Wie sie gerade in ihrer Gockelhaftigkeit harmloser (dümmer) wirken als die Frauen, passt dazu, dass sie es sind, die sich von Don Alfonso nun in eine idiotische Wette locken lassen. Das wird ihr Leben verändern.

Don Alfonso aber, Johannes Martin Kränzle, ist das darstellerische Zentrum in Loys Geschichte, in der sich dabei eigentlich keiner recht um ihn kümmern mag. Seinen Bariton lässt er empfindlich, verletzlich klingen, überhaupt hält er sich stimmlich zurück. Alfonso ist alt, die anderen sind jung, gegen das halb freundschaftliche, halb aggressive Knuffen der Männer kann er nichts ausrichten. Kränzle lacht verlegen, rückt den Schlips zurecht, weicht aus, sucht aber Anschluss. Die Frauen halten normalerweise Abstand zu ihm, erst in der Verzweiflung kann er ihnen näher kommen. Er muss sich interessant machen, er ist das Gegenteil des Besserwissers, und obwohl er am Ende recht behält, hat er am wenigsten davon. Kränzle ist ebenso das Gegenteil eines selbstbewusst in sich ruhenden, in seinem wissenden Zynismus sozusagen genießerischen Alfonso. Er zeigt einen unsicheren, lebhaften Langeweiler.

Damit aber löst Loy die dubiosen Seiten dieses Gassenhauers der Operngeschichte raffiniert auf. Nichts wird wegerklärt, die Ambivalenzen können im Raum stehen, aber die unabweisliche Treulosigkeit von Dorabella (rascher) und Fiordiligi (zögerlicher, aber alles noch binnen 24 Stunden!) wird in eine interessante Waage gebracht mit Männern, die sich ein Bein ausreißen, um ihre Geliebten epochal übers Ohr zu hauen. Dabei ist die Liebe, die Musik erzählt davon, stets real und wunderschön. Und die Frauen, faszinierend, bleiben auch reine Liebende, selbst wenn die Objekte der Anziehung wechseln. Wie sehr engagieren sich hingegen diese Männer dabei, alles zu zerstören. Warum? Weil sie Liebe mit ihrer Definition von sportiver Treue verwechseln?

Ob der saudumme Einfall und seine stumpfsinnige Ausführung ihr Glück ruiniert hat, steht bei Loy dahin. Während die Paare sich wieder finden oder womöglich auch nicht, rennt der arme Alfonso Despina hinterher. Er wird sie nicht kriegen.

Mallwitz, die durch die Anordnung praktisch zur Inszenierung gehört, dirigiert einen impressionistisch hingetupften Mozart. Die geforderte Zartheit mit vielen, auch kernigen Details und bei zugleich totaler Akkuratesse wird von den Wiener Philharmonikern beglückend – und, so möchte man meinen, beglückt – umgesetzt. Im FR-Interview wies Mallwitz (damals vor dem Frankfurter Dirigat von Faurés „Pénélope“) darauf hin, dass sie immer glaube, das Frau- oder Mannsein spiele bei ihrer Arbeit keine Rolle mehr. Dann aber stelle sie wieder überrascht fest, wie oft sie als Frau die erste sei. Diesmal melden die Festspiele: „Sie ist die erste Frau in der Geschichte der Festspiele, der eine gesamte Aufführungsserie anvertraut wird.“

Zusammen mit „Elektra“, auch sie ein Triumph der darstellenden Sängerinnen und Sänger, macht das Musiktheater im Problemjahr 2020 eine ausgezeichnete Figur.

Salzburger Festspiele, Großes Festspielhaus: 12., 15., 18. August. www.salzburgerfestspiele.at Bis 31. Oktober in der ZDF-Mediathek!

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