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Der Willy-Brandt-Platz mit Blick auf den Opernflügel der Theaterdoppelanlage im unfassbar leeren Frühling 2020. 

Oper Frankfurt

Bernd Loebe: „Und wenn es jeden Tag ein Lunchkonzert für 50 Leute ist“

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Intendant Bernd Loebe über die Situation an der Oper Frankfurt, über Möglichkeiten und über kompakte Werke ohne Chor und womöglich auch ohne Bühnenbild.

Herr Loebe, wie verbringen Sie derzeit Ihre Tage?

Da ich zu den sogenannten „Systemrelevanten“ gehöre, bin ich jeden Tag ein paar Stunden hier im Gebäude. Da geht es vor allem darum, auf Anfragen schnell zu reagieren. Ansonsten habe ich tatsächlich Zeit zum Lesen. Ich höre nicht ganz so viel Musik, wie ich gedacht hatte. Vielleicht tut ein bisschen Abstand ganz gut. Und ich bin nach wie vor zu faul, mal in den Wald zu gehen. Das hatte ich mir fest vorgenommen, jeden Tag im Altherrenschritt was zu machen, aber es gelingt mir nicht so richtig. Außerdem sehe ich viel zu viele Talkshows. Man erfährt nicht jeden Tag etwas Neues und Gescheites, während man inzwischen alle Virologen der Nation beim Vornamen kennt. Es gibt diese Corona-Sogwirkung: Man hat das Gefühl, es gäbe kein anderes Thema mehr auf der Welt. Vielleicht ist das für einen Augenblick auch so. Aber es ärgert mich, dass ich dieser Pseudoaktualität auf den Leim gehe.

Wann war Ihnen klar: Jetzt ist wirklich Schluss mit dem Betrieb?

Als die Verfügung kam, dass Veranstaltungen nicht mehr über tausend Leute im Publikum haben dürfen, war das natürlich markant. Wir waren stolz auf unsere Planung, weil wir extrem volle Abende hinter uns hatten, etwa mit dem „Tristan“. Vor uns lagen einige Wiederaufnahmen, bei denen wir wussten, dass sie nicht ganz so voll sein werden. Wir dachten: Okay, wenn wir statt 1400 nur 500 oder 700 Menschen reinlassen dürfen, dann trifft uns das in diesen Wochen nicht so schlimm. Aber dann haben die Ereignisse sich überholt.

Wobei Frankfurt nicht gerade vorneweg war.

Die Stadt musste abwarten, was das Land vorgibt und hat dann immer am selben Tag reagiert. Für uns war also relativ schnell klar, dass der Rossini („Bianca e Falliero“ mit der Premiere am 5. April) nicht rauskommen kann. Dagegen haben wir bis heute den „Prinz von Homburg“ nicht abgesagt, der am 7. Juni Premiere haben soll.

Hatten Sie noch mal Gelegenheit, mit allen zu sprechen? Gab es eine Art letzten Tag?

Es gab eine Schlussprobe zu „Jeanne d’Arc“, unmittelbar davor war die Nachricht vom Kulturdezernat gekommen, dass wir uns den Vorgaben des Landes Hessen anschließen müssen. Ich bin nach vorne gegangen, habe die Probe abgesagt und erklärt, alle sollten jetzt erstmal zu Hause bleiben. Das war traurig, wobei es schon vorher unruhig geworden war. Im Chor, im Orchester kam die Frage auf, ob das nicht alles zu riskant werde. Musiker wissen am besten, dass es bei diesem engen Miteinander zu Tröpfchenbildung kommt. Wir haben alle im Hause gespürt, dass wir jetzt was machen müssen.

Auch der Probenbetrieb wurde dann sofort komplett eingestellt?

Wir, das heißt Oper und Schauspiel gemeinsam, hatten noch die Hoffnung, „Inferno“ im Bockenheimer Depot machen zu können, die Uraufführung von Lucia Ronchetti, die am 18. April sein sollte. Aber auch da hat sich herauskristallisiert, dass die Leute zu unruhig geworden sind, zu ängstlich. Wenn man in einem so großen Betrieb nur einen Fall nachweisen kann, sind etwa 1200 Leute unter Quarantäne. Dieser Gefahr wollten und konnten wir uns nicht aussetzen.

Was bedeutet das für die einzelnen Teile des Hauses? Wer kann hier zum Beispiel in Kurzarbeit gehen?

Die Verhandlungen darüber laufen. Es wird eine Betriebsvereinbarung geben müssen, bei der es auch um Kurzarbeit gehen wird.

Aber Gastverträge sind null und nichtig, oder?

Opernintendant Bernd Loebe.

Unterm Strich ist ein Haus bei solchen Verträgen nicht zu Zahlungen verpflichtet. Jedes Haus kann aber auch entscheiden, wo es unter Kulanzaspekten Spielraum sieht. Man kann Teile des Geldes zahlen. Man kann Ensemblemitglieder, die wegen bestimmter Gastverträge für diese Periode aus dem Ensemble herausgefallen waren, jetzt in ihre hiesigen Verträge zurücknehmen. Und wir sagen jedem, der seinen Vertrag hier verloren hat oder ihn noch verlieren wird: Du kommst entweder in derselben Produktion wieder hierher, oder – wenn das aus Zeitgründen nicht möglich ist – wir finden etwas anderes für dich. Jeder Gastsänger kann sich darauf verlassen, dass er sein Geld später bekommt.

Sind solche unvorhersehbaren Krisen Momente der Wahrheit? Wie gehen wir miteinander um? Wie werden wir miteinander umgegangen sein?

Kann durchaus sein, wobei ich nicht zu denen gehöre, die glauben, dass wir viel daraus lernen und durch die Krise zu besseren Menschen werden. Nach einem Monat, nach zwei Monaten, in denen man sich dann mal kurz abschütteln wird, wird das Rennen umso heftiger wiedereinsetzen. Ich fürchte, dass wir sofort wieder von diesem Bazillus des Immer-mehr-immer-Schneller angesteckt werden und weitermachen wie immer.

Das wird sicher von der Länge abhängen. Blank gefragt: Wird diese Spielzeit noch Fahrt aufnehmen?

Wenn Sie mich als Privatmensch fragen, sage ich: Nein. Wenn Sie mich als Intendant fragen, würde ich sagen, wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben. Und wir müssen alles so vorbereiten, dass wir am nächsten Tag praktisch wieder loslegen könnten.

Und wie macht man das?

Man kann in unserem Fall auf ein sehr gut trainiertes Orchester zurückgreifen, alle Abteilungen hier sind in einem guten bis sehr guten Zustand. Und ich glaube, jeder würde beweisen wollen, dass wir das schaffen. Das Zusammengehörigkeitsgefühl wäre sehr ausgeprägt, dazu käme das schöne Gefühl, Corona ein Schnippchen schlagen zu können. Ich bin mir sicher, dass wir da ganz schnell in die Pantoffeln kämen.

Sie haben vor einigen Tagen einen Ausblick gegeben, in dem etwa die Wiederaufnahme von „Don Giovanni“ vorkommt. Ist an diesen Plänen, im Mai zu starten, noch irgendetwas Realistisches?

Wir hatten schon mindestens zwei „Don Giovanni“-Wiederaufnahmen. Da bin ich mir relativ sicher, dass wir mit wenigen Proben etwas Vorzeigbares hinbekommen würden. Und ich bin mir auch sicher, dass ein Publikum in dieser Situation uns einige Fehler und Unkonzentriertheiten verzeihen würde. Vermutlich müsste man auch umdenken, schauen, ob man eine Barockoper – mit relativ kleinem Orchester, ohne Chor – bringen könnte. Ich habe mal nachgesehen: Wir könnten um die zwanzig Titel ohne Chor präsentieren. Das wird die Kollegen nicht freuen, aber natürlich ist da die Ansteckungsgefahr besonders ausgeprägt.

Das heißt aber auch, dass der Spielplan, wie er jetzt noch steht, Makulatur ist.

Ja, und im Gegenteil würde ich auch auf etwas verzichten, um stattdessen zum Beispiel noch möglichst viele der „Salome“-Vorstellungen bringen zu können. Das war eine unserer großen Leistungen in dieser Spielzeit.

Zur Person

Bernd Loebe,1952 in Frankfurt geboren, ist seit der Spielzeit 2002/03 Intendant der Oper Frankfurt. Sein jetziger Vertrag läuft bis 2023. Schon mehrfach und zuletzt 2018 ist das Haus unter seiner Leitung von Fachkritikern zur „Oper des Jahres“ gewählt worden.

Auch die Oper Frankfurtmusste am Freitag, 13. März, den Spielbetrieb vollständig einstellen. Und auch hier gilt als offizielles Stichdatum für Entscheidungen zum weiteren Vorgehen der 19. April.

Krisen sind eigentlich echte Theaterzeiten.

Unsere Eltern oder Großeltern haben es erlebt, wie die Leute nach dem Krieg ins Theater und in die Oper, also damals in den Börsensaal, gestürmt sind. Auch die Krisen von 9/11 oder die große Finanzkrise: Wir dachten, die Menschen haben kein Geld, aber die Theater waren voll. Jetzt haben wir eine perverse und komplexe Situation. In einem Moment, in dem die Gesellschaft sagen würde: Wir wollen zusammenrücken, wir wollen diese Situation durch Nähe überbrücken, ist genau das verboten. Es gibt die Hilfe des Digitalen, aber das Gefühl der Zusammengehörigkeit ist auch ein physisches.

Einige Häuser bieten Streaming-Aufnahmen von Aufführungen. Die Frankfurter sind da sehr zurückhaltend.

Präsenz wäre schon wichtig, aber wir haben nicht viele Aufzeichnungen. Wir haben „Die Entführung aus dem Serail“ mit dem HR produziert, und wir haben Händels „Xerxes“. Wir überlegen gerade, letzteren auf unseren Online-Kanal zu stellen.

Auch den „Ring“ gibt es auf DVD.

Genau, aber auch da muss eine andere Verwendung mit der Produktionsfirma verhandelt werden. Aber klar, Streaming wird immer wichtiger, immer mehr Leute scheinen auch damit Geld zu verdienen, sonst wär’s nicht so wichtig. Es gibt Häuser, die mit festinstallierten Kameras und festem technischen Equipment arbeiten, um regelmäßig streamen zu können. Langfristig wird das für die Oper Frankfurt sicher ein Thema werden, momentan können wir da nur sehr reserviert sein.

Wobei es auch kleinere Häuser gibt, die zumindest einiges ins Netz stellen. Darunter zugegebenermaßen Aufnahmen, die nicht unbedingt große Klasse sind.

Wir haben Mitschnitte von Generalproben oder Premieren, die wir aber vielleicht so nicht vorzeigbar finden. Und wenn ich jetzt sage, wir wollen für die Zukunft ein paar festinstallierte Kameras haben, wird man mir unterstellen, ich habe wieder Luxuswünsche. Denn wir Intendanten haben ja unentwegt Luxuswünsche.

Wenn wir über Luxuswünsche sprechen. Von wem bekommen Sie jetzt Hilfe?

Wir haben als hundertprozentige Tochter der Stadt kein Liquiditätsproblem. Eine andere Sache ist, dass wir den Wirtschaftsplan nicht werden einhalten können. Dass wir Monate mit vielen Hundert-Prozent-Vorstellungen hinter uns haben, ist gut für uns. Und durch Premierenverschiebungen entfallen einige Kosten. Aber dreieinhalb Monate Einnahmeausfall: Das ist in jedem Fall ein Haufen Geld. Anselm Weber (der Intendant des Frankfurter Schauspiels, d. Red.) und ich sitzen jede Woche hier zusammen und versuchen uns bei Laune zu halten. Die Gutschein-Regelung könnte uns entgegenkommen.

Der Oberbürgermeister hat erklärt, die Sanierung der Bühnen müsse verschoben werden. Was bedeutet das für Sie?

Ist doch selbstverständlich, dass das momentan nicht das erste Thema ist. Es ist auch noch gar nichts in den Haushaltsplan eingestellt. Frühestens 2022 wird das der Fall sein. Was es zunächst braucht, sind die Grundsatzentscheidungen.

Um noch mal auf den Rest der Saison zu schauen, die Anfang Juli zu Ende geht: Wäre es leichter zu sagen, wir konzentrieren uns auf den September, fangen womöglich sogar etwas früher an?

Das müsste man mit dem Betriebsrat klären. Denn die Situation, in der die Leute jetzt sind, empfinden sie begreiflicherweise nicht als Urlaub. Denkbar wäre vielleicht, Proben etwas vorzuziehen. Aber noch geht es schon darum, in den nächsten Wochen etwas zustande zu bekommen. Und wenn es jeden Tag ein Lunchkonzert für 50 Leute ist. Ich fände es übrigens schön, wenn man die Regeln nicht so pauschal rausgeben würde – bis zu 50, bis zu 100, bis zu 1000 Menschen –, sondern wenn jemand sich vor Ort umschauen könnte. Wie groß ist der Chorsaal? Wie groß ist der Orchestergraben? Wie groß ist das Parkett? Gibt es konkrete Möglichkeiten, an diesem Ort Vorstellungen zu geben, die nicht in gähnender Leere stattfinden, ohne riskant zu sein? Es wird für Veranstaltungen in geschlossenen Räumen wahrscheinlich ohnehin einen Stufenplan geben müssen.

Wie geht es den Plänen für die nächste Spielzeit?

Sie liegen hier bereit, und wir glauben, dass wir möglichst alles davon realisieren können.

Und die Premierenverschiebungen, die erforderlich sein werden?

Der Rossini kommt erst 21/22, Henzes „Prinz von Homburg“ wahrscheinlich noch ein Jahr später. Wobei wir auch noch überlegen, ob wir den „Prinz von Homburg“ im Juni ohne Bühnenbild zeigen könnten. Eine chorfreie Oper. Wenn das Orchester in den Graben darf und wenn der Regisseur Jens-Daniel Herzog ein Konzept entwickelt, bei dem sich die Sänger nicht nahekommen, ist das eine Möglichkeit.

Wie kommen Sie selbst damit zurecht, nicht jeden Abend ins Theater zu gehen?

Ich darf es gar nicht laut sagen, aber ich könnte mich fast daran gewöhnen. Es hat auch was, aus diesem Automatismus von mehr als zwölfstündigen Arbeitstagen einmal rauszukommen. Aber wenn Sie meine Frau fragen, wird sie sagen: Jeder Tag, der nicht in der Oper endet, ist ein verlorener Tag.

Das beruhigt mich, ich habe auch Angst davor, mich daran zu gewöhnen. Ihre Frau aber bleibt eisern.

Im Grunde bleibe ich auch eisern. Es ist nicht nur die Aufführung, es sind auch die Menschen, die man dort trifft. Ich will nicht sagen, dass wir alle befreundet sind, aber wir haben doch ein freundschaftliches Verhältnis zueinander. Dazu kommen die netten Menschen im Publikum, Leute, die sich bedanken, die einem die Rückmeldung geben, dass es nicht völlig verkehrt ist, was wir machen. Dieser direkte Kontakt, das kurze Gespräch, das ist alles nicht selbstverständlich. Wie man jetzt erst recht merkt.

Interview: Judith von Sternburg

Kay Voges wäre zurzeit eigentlich als Regisseur für die Bühnen Frankfurt tätig. Im Interview spricht er darüber, wie die Corona-Krise das Theater verändert.

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