Nimmt auch kein Blatt vor den Mund: Urban Priol.
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Nimmt auch kein Blatt vor den Mund: Urban Priol.

Urban Priol 

Das Corona-Irre und das Hupkonzert - Urban Priol im Autotheater

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Der Kabarettist Urban Priol eröffnet die Autotheater-Reihe Stage Drive an Frankfurts Jahrhunderthalle.

Endlich wieder, jubelt der Kabarettist Urban Priol, „endlich mal wieder a Publikum!“ Und, dann gleich in der Rolle einer Berufspendlerin von Aschaffenburg nach Frankfurt, „endlich wieder Stau auf der A3!“. Man selbst hat kurz vorher noch im Anfahrtsstau gestanden, oder eigentlich sich unter den Bäumen des Jahrhunderthallen-Parkplatzes gefühlt wie geparkt und nicht abgeholt. Aber dann geht es ganz flott, das Sicherheitspersonal winkt einen weiter und auf versetzte Standplätze, die Sicht durch die eigene Windschutzscheibe auf die große Bühne und zwei Videowände ist gut. Auf der Freiluftbühne neben der Jahrhunderthalle eröffnet am Freitagabend Urban Priol die neue Reihe Stage Drive, die nach dem Prinzip des Autokinos funktioniert: Ticket vorzeigen, Einparken, Radio auf UKW 105,4 MHz stellen – und endlich wieder stolzer Zuschauer oder stolze Zuschauerin einer Live-Veranstaltung sein, noch dazu als „Kulturretter“ (so die Ansage).

Priol hält sich an die Corona-Abstandsregeln

Der Original-Priol ist zwar weit weg, aber das kennt man ja viel schlimmer von Konzerten im Stadion, wo Mick Jagger oder Helene Fischer von den entfernteren Plätzen und über die Köpfe von Tausenden hinweg (Menschenmassen, seufz) einst kaum Ameisen-Größe hatten. Weil er die Abstandsregel ungefähr fünfeinhalbmal einhält (bis zu den ersten Scheinwerfern), weil er außerdem allein ist, muss der Kabarettist keinen Mundschutz tragen. Und wir auch nicht, so lange wir im Auto sitzen bleiben und uns nicht etwa ein Bier holen.

„Über das Irre“ wird Priol an diesem Abend reden, kündigt er an. Er hat eine gar nicht dünne Kladde dabei (sie reicht für anderthalb Stunden), weil er noch nicht habe auswendig lernen können, weil sich das auswendig Lernen auch in diesen Zeiten nicht wirklich lohne, die Dinge änderten sich so schnell. Was er mit „das Irre“ meint? Alles. Oder jedenfalls alles, was mit der Corona-Krise zu tun hat – und ein bisschen darüberhinaus. Das reicht von Scheuer bis Söder, von Berlin bis Ischgl, vom DFB bis zum RKI, Robert-Koch-Institut. Karl Lauterbach hebt die Stimmung, beziehungsweise ein dessen leicht jammerigen Tonfall tadellos nachahmender Kabarettist.

Die Virologen Drosten, Streeck, Wieler vom RKI hat Priol  drauf

Überhaupt ist Priol ein bezwingender Stimmen- und Sprechmelodie-Imitator. Die Virologen Drosten, Streeck, auch Wieler vom RKI hat er schon drauf und schickt sie in ein Fußball-Match mit dem „Superspreader mit der Rückennummer 19“ und in eine „unbestimmte Nachspielzeit“. Zünftig singt er „Ich bin der Virus aus Tirol“, während der Scherz „unterm Dirndl ischglts“ doch eher ins Aus geht.

Überhaupt tut sich der Kabarettist ein wenig schwer damit, zum Beispiel Witze zu reißen übers Maskentragen, ohne gleichzeitig den Eindruck zu erwecken, er lehne es ab. Sein Corona-Krisen-Spott ist darum bisweilen einer mit angezogener Handbremse – man könnte meinen, es passt zur Situation, in der so viele vor ihm, nun ja, parken mit angezogener Handbremse.

Die Autotheater-Besucher sitzen behaglich im Trockenen, als es zwischendurch pfeift und regnet. Und sie spenden froh und viel Applaus: Hemmungslos hupend und die Scheinwerfer aufblendend. Geht doch.

Stage Drive  an der Jahrhunderthalle, nächste Termine: 25. Mai Willy Astor, 29.-31. Mai Bülent Ceylan, 1. Juni Alliteration am Arsch, 2. Juni Florian Schroeder, 3. Juni Kikeriki Theater. www.jahrhunderthalle.de

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