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Das finale Seilspringen.

Hessisches Staatsballett

Mit den Clowns kam das Weltende

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Jenseits der Strenge: Das Hessische Staatsballett zeigt schöne und unterhaltsame „Kreationen“ von Alejandro Cerrudo und Jeroen Verbruggen.

Der Übertitel „Kreationen“, auf hoffentlich jedes Theaterereignis und etliche Koch- und Schneiderarbeiten anzuwenden, entwickelt aber doch seine Reize. Weltschöpferisches ist im Spiel in Alejandro Cerrudos „Now and Then“ und Jeroen Verbruggens „The Great Trust“, zwei Uraufführungen, die das Hessische Staatsballett jetzt zunächst in Darmstadt zeigt. Es sind Welten, in denen es lebhaft und schaurig zugeht, auch unverhohlen naiv mit elegisch-dekorativ schwebenden und dramatisch-sinnig platzenden Luftballons sowie übersichtlichen Botschaften zur weitgehend üblen allgemeinen Lage (Kampf, Krieg, Aufregung). Es sind aber auch Welten, in denen quicke Tänzerinnen und Tänzer sich unwiderstehlich bewegen. Es sieht unheimlich schön aus. „Now and Then“ hat Züge von ins Nächtliche gezogenen amerikanischen Musicalbruchstücken. „The Great Trust“ ist ein schräger, postapokalyptischer Zirkus.

Der Spanier Cerrudo, der seit mehr als zehn Jahren bei Hubbard Street Dance Chicago tätig ist, erzählt in Miniaturszenen nichts Neues, aber er erzählt es sorgsam und detailliert. Es beginnt leichtherzig, -händig und -füßig. Ein Mann in einer Badewanne taucht auf, erst die Wanne, dann der Mann. Er hat eine Gitarre dabei, aus der logischerweise noch etwas Wasser plempert, an seinem Zeh hängt ein Wölkchen Schaum. Er umtanzt die Wanne akrobatisch. Die Szene füllt sich, Männer und Frauen in smarten knappen Anzügen – Ausstattung des gesamten Abends: Thomas Mika – kombinieren sich immer wieder neu, eilen im Chor und im Einzelnen, brechen an der tonangebenden Rückwand der Bühne zu platzenden Ballons zusammen, als wären es Schüsse. Sie lassen eine Frau (Greta Dato) kopfüber in der Luft laufen, was enorm aussieht, aber ebenfalls nicht sehr angenehm sein dürfte.

Die Mischung aus Schönheit und dem vagen Angebot, das politisch-gesellschaftlich zu interpretieren – nachher noch mit einer Rede aus Charlie Chaplins „Großen Diktator“ und einem imposant sich schlängelnden und windenden Daniel Allwell –, wirkt etwas unbedarft, nicht aber der Tanz selbst. Wie schon aus leichten Schulterbewegungen Wellen entstehen können – überhaupt bestimmen Wellen die Bewegungssprache –, wie Paare ringen und nicht voneinander lassen wollen, wie ein Ensemble immer wieder Finalstimmung vermitteln kann, bevor es ad hoc zurück in die Einzelheit geht, wird unter reger Mithilfe der Beleuchterin Tanja Rühl eindrucksvoll vorgeführt. Kurze Dunkelheit vor der jeweils nächsten Nummer aus Cerrudos Musikmix teilt die Miniaturen voneinander ab, das Ensemble ist so auf Draht, dass auch das Publikum der permanenten Neuformierung kaum müde werden kann. Geht das Licht an, fließen die Bewegungen wieder. Ruppigkeiten finden sich bei Cerrudo eher in der Theorie, Luftballons erschießen keine Menschen.

Etwas gruseliger wird es in „The Great Trust“ des Belgiers Verbruggen. Durch Thomas Mikas schillernde Rückwand hat während der Pause eine Rakete ein großes Loch gerissen. Oben ist die rote Rakete noch zu sehen, unten zappelt jetzt ein eingestaubter Zirkusdirektor (Pablo Girolami) um die Wette mit der alsbald allerdings auch effektvoll hochdramatischen Musik von Stefan Levin. Die schiefen, traurigen Clowns, die im Halbdunkel herumwimmeln, die Frauen auf Spitze und wie Krankenschwestern angezogen. Hier liegt einiges im Argen, aber Verbruggen legt sich nicht fest. Eine traumatisiert aufjapsende Clownin tritt hervor, eine unterkühlte Marilyn Monroe (Jiyoung Lee) in grünblauem Tüll verwickelt einen Plüschbären in ein Pas de deux.

Im Bären steckt der Tänzer Taulant Shehu, der bisher als Zuschauer wie wir vorne auf einem Stuhl saß. Dass er sich dann auf die Hauptbühne begibt, ist gefährlich, die Clowns fallen schier über ihn her. Dass traurige Clowns schon nahe Verwandte von Nippes sind, steht im Raum, tritt aber zurück vor ihrer springteuflischen Lebendigkeit. Und wenn nur zwei in eine Kiste gepackt werden, aus der sie immer wieder herauszappeln wie wildgewordene Handpüppchen. Zum Schlusssong gibt es eine Seilspringerei bis zur totalen Erschöpfung.

„Kreationen“, zweimal genau 45 Minuten, zeigt kein Interesse an Strenge, es wird munter herumerzählt. Zu sehen ist aber ein ästhetisch immens ansprechendes und abwechslungsreiches Unterhaltungsprogramm, auf das sich das Ensemble des Staatsballetts auf ebenso charmante wie fitte Weise einlässt.

Staatstheater Darmstadt:
23. Februar, 3. März. Am 28. März ist
Premiere in Wiesbaden.
www.hessisches-staatsballett.de

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