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Claudia Mahnke: „Lieber länger schön singen als kurz schön singen“

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Von: Judith von Sternburg

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Mezzosopranistin Claudia Mahnke
Mezzosopranistin Claudia Mahnke © Renate Hoyer

Die Mezzosopranistin Claudia Mahnke spricht im Interview über das Vergnügen, auf einer Opernbühne zu stehen, die Gefahr, sich verheizen zu lassen, und ihre Rolle in der Tschaikowski-Rarität.

Frau Mahnke, Sie spielen am Sonntag eine Giftmörderin aus Eifersucht. Man hat Grund, sich die Fürstin in Tschaikowskis „Die Zauberin“ als exaltierte, außer sich gebrachte Persönlichkeit vorzustellen. Eine Art von Rolle, die Sie suchen?

Mitunter schon, man hat ja nicht so oft Gelegenheit, und privat bin ich das Gegenteil, so dass das schon Spaß macht. Wobei ich den Eindruck habe, dass der Regisseur mich gar nicht unbedingt so böse inszeniert hat. Ich will aber lieber nichts verraten.

Vermutlich kannten auch Sie diese Oper vorher nicht.

Nein, überhaupt nicht.

Waren Sie schnell entschlossen? Repertoire-Erweiterungen werden ein großer Aufwand sein.

Die Rolle geht auch stimmlich ins Dramatische, das muss man sich angucken, ob man es bewältigen kann. Es war in diesem Fall auch nicht einfach mit der Notenbeschaffung. Es hat relativ lange gedauert, bis wir die Noten in der derzeit gültigen Fassung erhalten haben, die wir jetzt spielen.

Sind Sie eher eine Jasagerin oder eine Neinsagerin?

Früher habe ich eher Ja gesagt, heute sage ich häufiger Nein. Ich vertraue dabei Leuten, die Ahnung davon haben und mich und meine Stimme gut kennen. Wenn die sagen: Deine Stimme ist noch so schön, lass das mal lieber, dann richte ich mich danach.

Tatsächlich haben Sie ein ungewöhnlich breites Repertoire und singen zum Beispiel erfolgreich Wagner-Partien, ohne sich darauf festnageln zu lassen.

Man gerät leicht in die Wagner-Schublade. Aber dadurch, dass ich immer im Festengagement war, hatte ich damit kein Problem. An einem Haus ergeben sich immer wieder andere Möglichkeiten, wie auch jetzt.

Ihrer Stimme bekommt das offenbar sehr gut. Was tun Sie sonst noch dafür?

Es geht darum, die richtigen Sachen zu singen. Und darum, auch Pausen einzulegen. Das hat gerade jetzt nicht so gut funktioniert. Der „Ring“ in Berlin, dann hier die „Meistersinger“, da kam einiges zusammen und hat sich teils sogar überschnitten. Die Proben für „Die Zauberin“ haben schon zwei Wochen begonnen, bevor die Premiere der „Meistersinger“ stattfand. Das ist zum Teil anstrengender für die Stimme, als mir lieb ist.

Ein Tenor mit Kraft und Höhe oder ein sehr tiefer Bass, das ist nicht so übermäßig häufig. Mezzosoprane gibt es wie Sand am Meer. Wie behauptet man sich da?

Ich denke, es gibt zwar Mezzi wie Sand am Meer, aber das gilt vor allem für die lyrischen. Wenn es ins Dramatischere und zu den Wagner-Partien geht, muss man schon eine Weile dabei gewesen sein, und die Stimme muss es auch wollen, muss sich in diese Richtung entwickeln. Es gibt Stimmen im Mezzobereich, die bleiben ihr Leben lang bei Händel. Und sicher muss man etwas Glück haben, zur rechten Zeit am rechten Ort sein, eine gute Agentur haben. Man muss auf Regisseure treffen, die gerne mit einem arbeiten, weil sie merken: Die ist biegsam, die hat Freude daran, etwas auszuprobieren.

Zur Person

Claudia Mahnke, 1968 im sächsischen Crimmitschau geboren, hat an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden studiert und ist nach Engagements in Chemnitz (1992–1995) und Stuttgart (1996-2006) seit der Saison 2006/07 Ensemblemitglied der Oper Frankfurt. Rasant etwa ihre Auftritte als Judith in Barrie Koskys Inszenierung von Béla Bartoks „Herzog Blaubarts Burg“ oder Selika in Tobias Kratzers Inszenierung der Meyerbeer-Oper „L’Africaine“. Soeben sang sie die Fricka im aufsehenerregenden Ein-Wochen-„Ring“ an der Staatsoper Berlin.

„Die Zauberin“ ist eine selten gespielte Oper von Peter Tschaikowski. Die Titelpartie (Asmik Grigorian) ist eine schöne Witwe in Nischni Nowgorod, ihre Gegenspielerin die Fürstin (Claudia Mahnke), die in einen fatalen Eifersuchtsstrudel gerät. Valentin Uryupin dirigiert, Vasily Barkhatov gibt sein Hausdebüt als Regisseur. Premiere ist am 4. Dezember. www.oper-frankfurt.de

Wie die Zeit der Maestri scheint die Zeit der Primadonnen vorbei.

An die Rampe treten, stehen und singen, das geht nicht mehr. Auch dafür ist es sehr gut, in Frankfurt zu sein: Man lernt die interessanten und wichtigen Regisseure kennen, die einen dann auch wieder für Gastspiele an andere Häuser holen.

Was ist in einer Vorstellung der wichtigste Bezugspunkt für Sie, die Leute, mit denen Sie auf der Bühne sind, der Mensch am Pult, die eigene Rolle?

Zuallererst ist es die Rolle, würde ich sagen, die aber selbstverständlich in Verbindung mit den Kollegen steht. Und wenn einen der Dirigent dann noch mitträgt, ist es umso besser. Aber toll ist vor allem, wenn man sich über die Probenphase die Rolle einverleibt hat. Man kann wieder hineinschlüpfen und alles andere für den Moment ausblenden. Ich mache das jedenfalls so. Ich bin dann nicht mehr Frau Mahnke, die denkt, da könnte gleich etwas schiefgehen. Ich werde völlig von mir selbst abgelenkt.

Nicht jedem Menschen, der singen kann, macht es Spaß, auch zu spielen.

Mir macht es total Spaß. Also: Wenn’s gut läuft. Darum fallen mir Liederabende deutlich schwerer. Da kann ich in keine Rolle schlüpfen, sondern bin ich selbst.

Was erhoffen Sie sich von der Regie? Wie gehen Sie in die Proben?

Ich arbeite sehr gerne mit Regisseuren, die vor Ideen sprudeln. Ich bekomme gerne viele Anregungen, und dann beginnt bei mir der Film zu laufen, was ich einbringen könnte. Ich bin keine, die schon mit festen Vorstellungen zur ersten Probe kommt. Aber ich mache fast alles mit. Klar, wenn man merkt, das fühlt sich völlig falsch an, muss man noch mal diskutieren. Aber im Prinzip würde ich sagen: je verrückter, desto besser.

Eine Karriere als Opernsängerin ist Ihnen nicht in die Wiege gelegt worden. Sie stammen nicht aus einer Musikerfamilie.

Meine Mutter war Kindergärtnerin, mein Vater Lehrmeister für Schweißtechnik, ganz normale Berufe.

Und wie kam’s?

In der Schule fiel auf, dass ich singen kann, von da an entwickelte sich das eher zufällig. Selbst als mir empfohlen wurde, mich für ein Studium zu bewerben, dachte ich noch, ich ginge dann vielleicht in den pädagogischen Bereich. Ich war auch zunächst gar keine so gute Studentin. Ich habe als Sopran angefangen, da brachen mir aber alle hohen Töne weg, und mir wurde dann geraten, es als Mezzo zu versuchen. Aber meine Stimme klingt eher hell, man könnte sagen, das wäre ein fauler Sopran, und das musste ich mir damals auch ganz oft anhören. Erst mit der ersten Produktion im Studium, also auch wieder auf der Bühne, hat es Klick gemacht. Ich war der Cherubino in „Figaros Hochzeit“.

Hat es irgendetwas zu sagen, dass Sie Ihre Ausbildung noch in der DDR begonnen haben?

Da fehlt mir der Vergleich. Gut war sicher, dass es so viele Theater gab. Und wir alle mit der Gewissheit angefangen haben zu studieren, dass jeder eine Stelle bekommen würde, in einem Chor, als Solist und wo auch immer.

Gibt es eine Rolle, die Ihnen noch fehlt?

Es fehlen viele, aber ich möchte auch gar nicht alle singen. Ich werde oft für die Amme angefragt, oder für Ortrud, aber da sage ich eher: hm.

„Die Frau ohne Schatten“ und „Lohengrin“. Ich dachte, das hätten Sie längst gesungen. Und gibt es umgekehrt Rollen, von denen Sie sich schon verabschiedet haben?

Ja, leider. Den Komponisten habe ich jetzt verabschiedet.

In der „Ariadne auf Naxos“.

Das war eine Paraderolle für mich, da konnte man mich wecken und ich hätte sie singen können. Die Höhe war immer da. Aber die letzten Male habe ich gedacht: Das können andere jetzt besser. Auch aus dem Octavian-Alter bin ich einfach raus. Traurig fand ich immer, dass ich die Charlotte im „Werther“ nur einmal gesungen habe. Hier in meiner ersten Frankfurter Spielzeit, damit hatte mich Bernd Loebe (der Intendant der Oper Frankfurt, d. Red.) auch ans Haus gelockt. Aber da galt, was wir am Anfang gesprochen haben: Für eine solche Rolle kommen wirklich viele Mezzosoprane in Frage.

In Stuttgart und in Frankfurt sind Sie Kammersängerin, ein nicht oft verliehener Ehrentitel. Sie sind in der Tat die perfekte Verkörperung des Ensemblegedankens. Ist das Ensemble ein Auslaufmodell?

Das denke ich nicht, gerade jetzt nicht. Während Corona wäre jeder froh gewesen, ein Festengagement zu haben. Wie oft habe ich da gehört: Dir geht’s ja gut, du bist festangestellt. Nachdem ich vorher jahrzehntelang gehört habe: Wie bist du so dumm, du könntest freischaffend eine viel größere Karriere machen und viel besser verdienen. Das wollte ich aber nicht, wollte auch mein Kind aufwachsen sehen und habe mich immer wohlgefühlt an einem Haus. Gastieren kann ich trotzdem, eine hervorragende Mischung für mich.

Was raten Sie jungen Sängerinnen und Sängern?

Ein Festengagement ist gerade am Anfang immer gut. Man lernt auch, indem man mit gestandenen Leuten auf der Bühne ist und denen bei der Arbeit zuschaut. Und man darf sich nicht verheizen lassen. Das kommt leider häufig vor. Ich sage: Lieber länger schön singen als kurz schön singen.

Wie lange wollen Sie denn singen?

Die Stimme wird es mir sagen. Das Dumme ist, dass ich nicht so richtig weiß, was ich sonst machen soll. Ich werde oft gefragt, ob ich nicht unterrichten will. Aber ich sehe da nicht so meine Stärke, zumal ich selbst noch so viel unterwegs bin. Und es ist so eine Verantwortung, eine Stimme auszubilden. Vielleicht kann ich mich damit später noch auseinandersetzen.

Schade, dass Sie vermutlich nicht selbst Regie führen wollen. Es gibt schöne Beispiele.

Das stimmt. Ich bewundere Brigitte Fassbaender sehr. Dann ist mir neulich aufgefallen, dass sie in dem Alter, in dem ich jetzt bin, aufgehört hat zu singen. Wow, so früh, diese tolle Stimme.

Aber das war wirklich früh.

Ich will auf jeden Fall noch ein bisschen weitersingen.

Machen Sie das unbedingt.

Interview: Judith von Sternburg

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