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Kein Duell, ein Duett: Tanja Erhart (l.) und Claire Cunningham.
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Kein Duell, ein Duett: Tanja Erhart (l.) und Claire Cunningham.

Tanzfestival Rhein-Main

Claire Cunningham „Thank You Very Much“: Love me tender, love me sweet

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Claire Cunninghams Performance „Thank You Very Much“ beim Tanzfestival Rhein-Main im Frankfurt LAB.

Man glaubt Claire Cunningham jedes Wort, wenn sie erzählt, wie sie sich das Ende dieses Abends vorgestellt hatte (ehe Sie-wissen-schon-Was auftrat): Wie, da sie ja nicht gleichzeitig mit Krücken gehen und das Mikro halten kann, das Mikro durch die Zuschauerreihen gereicht werden sollte, langsam. Wie sie dem Mikro folgt, von fremder Hand zu fremder Hand, dabei ihrem Publikum nahe kommt, während sie singt, quasi für jeden einzelnen, jede einzelne. Wie das Publikum sie schließlich anhebt, auf Händen trägt, sie zum Beispiel von der dritten in die fünfte Reihe reicht. Und wieder zurück.

Aber ach, so kann es nicht sein. Wäre es aber möglicherweise auch ganz ohne Corona nicht gewesen. Denn die behinderte Performerin und Choreografin Claire Cunningham versteht die Fantasie zu befeuern, versteht Wärme und ein Gemeinschaftsgefühl zu verbreiten, sie muss dafür gar nicht auf Tuchfühlung gehen. Im Rahmen des Tanzfestivals Rhein-Main gastiert sie im Frankfurt LAB mit ihrem Stück „Thank You Very Much“. Außer ihr treten die von ihr eingeladenen Dan Daw, Tanja Erhart, Vicky Malin auf, die sich selbst als „crip“ („Krüppel“) oder behindert bezeichnen.

Alle vier haben sich von einem Elvis-Imitator (eine Imitatorin darunter) erklären lassen, was das Spezifische, Besondere an den Bühnenauftritten von Elvis Presley war, vor allem an den Bewegungen, die viele als skandalös, weil sexualisiert empfanden. Alle vier kleiden sich nach und nach um, führen vor, was sie gelernt haben. Betonen dabei, dass niemand wie Elvis sein kann, auch der beste Imitator nicht. Demonstrieren trotzdem, was den Sänger oder in dem Fall Tänzer auszeichnete. Die Lassobewegung etwa. Das Vibrieren eines Beines. Das Eindrehen eines Beines.

Die Britin Claire Cunningham ist ausgebildete Sängerin, sie konnte aber erstens als behinderte Sängerin nicht genug verdienen, hat zweitens irgendwann begonnen, sich mit ihrem Körper und seiner trotz allem erstaunlichen Kraft auseinanderzusetzen. In der Tat nutzt sie ihre Krücken lässig, stützt manchmal nur ihren Po darauf.

Es gibt an diesem gut 90-minütigen Abend aber kein: Schaut mal, was wir können, obwohl.... Das Publikum soll einmal ausprobieren, wie man sich mit einem künstlichen Bein hinsetzt und wie man damit wieder aufstehen kann bzw. muss: Oberkörper weit vorneigen, Po weit hochstrecken, künstliches Bein nach vorn schleudern. Tanja Erhart erzählt, dass ihr das zu sexualisiert erschien und sie beschloss, lieber auf die Prothese zu verzichten.

Love me tender, love me sweet: Man könnte meinen, dass an einem Abend, bei dem es auch um Elvis geht, viel Musik zu hören ist. Doch „Thank You Very Much“ ist eine oft von Ruhe und Behutsamkeit begleitete Performance. Vicky Malin braucht noch das tolle Cape? Cunningham öffnet ein lichtumkränztes Schränkchen, weist auf das Cape in seiner Pracht, hängt es ab, trägt es zu Malin, die beiden Frauen brauchen eine Weile, ehe es richtig um die Schultern platziert ist.

Love me tender, love me sweet: Gegen Ende liegen alle vier auf einer von unten beleuchteten Plattform, dann legen Cunningham und Malin den beiden anderen zu diesem Lied die Hände auf, mal auf diese, mal auf jene Körperstelle, mal auf die Hüfte, mal auf die Schulter. Eine simple Geste, die den anderen in seiner Bedürftigkeit anerkennt, ihn so akzeptiert, wie er ist – im Falle von Erhart eben mit nur einem Bein.

Die Behinderungen spielen eine Rolle. Die Behinderungen spielen eigentlich keine Rolle. Es ist ein kleines Wunder, wie Claire Cunningham ihrem Publikum mit der größten Selbstverständlichkeit neue Perspektiven ermöglicht.

LAB Frankfurt: 5. November. www.tanzfestivalrheinmain.de

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