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So glamourös wie bodenständig: Madama Brillante, Bianca Tognocchi. Foto: Monika Rittershaus
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So glamourös wie bodenständig: Madama Brillante, Bianca Tognocchi.

Oper Frankfurt

Cimarosa-Rarität „L’Italiana in Londra“ an der Oper Frankfurt: Die Liebe zwischen den Nationen

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Heiter ist das Leben, ernst ist die Kunst: Im Frankfurter Opernhaus bezaubert das Ensemble in R.B. Schlathers zutiefst alberner Lesart von Domenico Cimarosas „L’Italiana in Londra“.

Unfug in der Kunst bedarf sorgfältigster Vorbereitung. Mitten in den Wogen der Leidenschaften stellt ein Mann fest, dass die Tür an der Wand eine Attrappe ist. Schon hat er das Brett in der Hand und wohin nun damit und wohin mit sich selbst? Oder: Mitten in den Wogen der Leidenschaften ist überraschend ein Schwert zur Hand, nachher kommt die Ritterrüstung auf die Bühne und fordert es zurück. Oder: Mitten in den Wogen der Leidenschaften verlangt der Engländer, dass man ihm das Schwert – hoppla, wo kommt denn das jetzt wieder her – ins Herz stoßen möge, und zwar aus Höflichkeit. Man sieht, wie der Italiener denkt: Die spinnen, die Engländer. Denn nicht nur die Inszenierung macht was draus, auch das Libretto hat Witz, einen schnellen, unmittelbaren, frechen.

Die Oper Frankfurt hat für ihre beiden Eröffnungspremieren eine unorthodoxe Wahl getroffen. Händels „Amadigi“ im Bockenheimer Depot folgte Domenico Cimarosas 1778 in Roma uraufgeführte „L’Italiana in Londra“ im Opernhaus: Die Liebe regiert, und sie geht notfalls über Leichen, aber lieber nicht. Zwei selten gespielte Stücke, zweiteres praktisch gar nicht mehr. Auf der Bühne lediglich ein Quartett beziehungsweise Quintett, obwohl zumindest Cimarosa eine Prä-Corona-Entscheidung war. Die Arienperlenkette des Händelwerks bildet einen fabelhaften Kontrast zum Ensemble-Dauerfurioso der „Italienerin“ (deren ausdifferenzierte, individuelle Arien gleichfalls nicht zu verachten sind).

Cimarosas Ruhm, liest man und glaubt man sofort, wurde von Rossinis Megaerfolgen hinweggespült, er war aber zuvor groß genug. Zu hören ist bereits viel Rossini – bis hin zum ausgeprägten und musikalisch fulminant ausgeführten Sinn für Panik –, aber auch Mozart ist nicht weit weg. Die Musik schmiegt sich weit überdurchschnittlich an das Libretto an, in den Übertiteln pfiffig und mit trockenem Humor aufbereitet. Die „Italienerin in London“ ist formal ein „Intermezzo“, ein Spaß für zwischendurch an einem langen, ernsten Opernabend, hat sich aber auf zweieinhalb Spielstunden verselbständigt. Ohne den Regisseur R. B. Schlather wüsste man vermutlich nicht, weshalb man hier ist, ohne das grandiose Quintett auf der Bühne wüsste man es nicht, ohne das von dem britischen Dirigenten Leo Hussain zu behänder Leichtgängigkeit geführte Opern- und Museumsorchester wüsste man es nicht. Wie die Dinge aber liegen und wie es hier geplant und durchgeführt wurde, ist es ein bezwingender Abend. Dass er keine Cimarosa-Renaissance einleiten dürfte, macht ihn nicht kleiner, eher zu einer womöglich einmaligen Gelegenheit.

Schlather, der im Bockenheimer Depot vor knapp zwei Jahren Händels „Tamerlano“ inszenierte, greift die fundamentale Respektlosigkeit der Handlung gegenüber dem Ernst des Lebens – nicht gegenüber dem Ernst der Kunst, gegenüber der Kunst ist es wichtig, ernst zu sein – auf und begegnet ihr mit einem an Cartoons und Monty Python geschulten Humor. Im Verhältnis zum ganz anders eingerichteten „Tamerlano“ ein schlagender Beweis dafür, dass Schlather sich am Werk orientiert, nicht das Werk an sich anpasst. Sieh an, und trotzdem oder gerade deshalb kann er etwas ganz Eigenwilliges, Originelles herstellen.

Prägend die Bühne von Paul Steinberg, die uns entgegengewölbte runde und drehbare (sich aber nie öffnende) Wand des Hotelfoyers. Das Tapetenmuster in Hotelinnenausstattungs-Art-déco, hier einem schwarz-weißen beziehungsweise nach dem Drehen weiß-schwarzen Fachwerk, das vage auch ans Londoner Globe Theatre denken lässt – dem direkten Vergleich hält es dann nicht stand, aber Schlather findet für das Spiel mit den Nationenklischees der Menschen im Hotel auch sonst coole, eigene Bilder. Tee und Spagetti, aber keine rote Telefonzelle, aber ein gigantischer Union Jack als Bettdecke. Der Union Jack hängt weit oben an der Wand, seltsames Bett, an Bildeinfällen mangelt es auch sonst nicht. In Sachen der Dosierung sind Schlather und sein Team zugleich sehr sicher, sehr souverän.

Die Bühne drängt die Figuren praktisch an den vorderen Rand, dem Klang macht es das besonders leicht, Spiel und Gesang flirren von Lebendigkeit.

Aus Sicht der Italiener ist der Italiener die entspannteste und irgendwo sogar vernünftigste Figur, Don Polidoro aus Neapel, Gordon Bintner, der zwar schon häufiger sein komisches Talent zeigen konnte, aber noch nie so sehr wie hier. Als sympathische Karikatur des Machos und Trottels singt er gleichwohl mit kraftvoll kultiviertem Bassbariton, ein ganzer Kerl, und musikalisch ist es eben kein Witz, sich lächerlich zu machen, sondern die hohe Schule. Außerdem tanzt er und schwingt das Becken, guckt und staunt und hofft und zagt und ist so peinlich, dass man ganz hingerissen ist.

Ins Libretto eingebaut ist eine Geschichte aus dem „Decamerone“ über einen „unsichtbar“ machenden Stein. Don Polidoro glaubt den kleinen Scherz, und Bintner spielt einen sichtbaren und ganz lieben Alberich, der denkt, er hätte die Tarnkappe auf. Wer da nicht lacht, dem ist das Lachen wirklich vergangen.

Weil er dazu noch jung und schmuck ist in diesem insgesamt so jungen, schmucken Ensemble, ist die Liebe der Hotelchefin Madama Brillante, Bianca Tognocchi, schon zu verstehen. Eine Zuneigung zu den Figuren liegt in der Luft, die sie nicht schont, das aber von Herzen. Tognocchi verbindet die gestandene Chefin mit Madame-Castafiore-artigen Ausbrüchen (Bianca Castafiore, die Sängerin aus „Tim und Struppi“), ihre grellen Garderoben (Doey Lüthi) und die blonden Lockenwicklerlocken trägt sie mit Würde und Nonchalance.

Das „schöne“ Paar: die ausdrucksstarke, mit sonnig warmem Sopran antretende Angela Vallone als Titelheldin und der sonore Bariton Iurii Samoilov als reservierter Milord. Man kennt sich von früher, Milords Vater wollte eine andere Partie fürs Söhnchen, das alte Lied. Das fünfte Rad am Wagen: der strahlkräftige Tenor, Theo Lebow, als Hercule Poirot.

Alle lieben Livia, die Italienerin in London, aber am Ende begnügen sich alle auch froh mit dem, was sie haben können. Gerade komische Opern kommen dicht ans Leben heran, aber es ist nicht immer so gut zu sehen und zu hören wie hier. Jubel für ein zum Glänzen gebrachtes Fundstück.

Oper Frankfurt: 1., 9., 15., 24., 30. Oktober, 5. November. www.oper-frankfurt.de

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