1. Startseite
  2. Kultur
  3. Theater

Choreografin Saar Magal – „Alles, was wir fühlen, ist auch eine körperliche Erfahrung“

Erstellt:

Von: Sylvia Staude

Kommentare

„Ich mag es, Hierarchien auszuradieren“, sagt Saar Magal. Foto: Wilfried Hösl
„Ich mag es, Hierarchien auszuradieren“, sagt Saar Magal. Foto: Wilfried Hösl © Wilfried Hösl

Die israelische Choreografin Saar Magal über ihr Frankfurter Tanz-Theater-Stück „10 Odd Emotions“ und seine Themen Antisemitismus und Rassismus.

Frau Magal, Sie sind dafür bekannt, dass Sie gern mit vielen Menschen zusammenarbeiten. Wie schwer hat Sie die Pandemie getroffen?

Das Stück „10 Odd Emotions“ musste wegen Covid insgesamt zweieinhalb Jahre verschoben werden. Aber am Ende war das gut, denn das Stück veränderte sich in jeder Hinsicht. Das Bühnenbild, das Ensemble veränderte sich – im Endeffekt tat die Verschiebung dem Abend gut.

Womit beginnen Sie Ihre Arbeit an so einem Stück? Mit einer Idee, mit Texten, den Menschen, mit denen Sie zusammenarbeiten wollen?

Es ist jedesmal ein anderer Prozess. In diesem Fall hat Intendant Anselm Weber mich mit einem Stück zum Thema Antisemitismus beauftragt, diesen Auftrag habe ich angenommen. Während ich über Antisemitismus in der Gegenwart nachdachte, kam ich auf das Thema Rassismus und wollte es hinzufügen.

Das Thema stand also fest. Wie suchen Sie die Mitwirkenden aus?

Das Stück stand als Koproduktion mit der Dresden Frankfurt Dance Company fest, ich hatte also die unglaublich schöne Herausforderung, mit diesem Ensemble zu arbeiten, das eine zeitgenössische Balletttruppe ist. Ich brachte meine eigenen Gäste mit. Wir haben zwei Mitglieder des Schauspiels Frankfurt, vier meiner Gäste, zwei davon sind Tänzer, aber auch Performer, zwei sind Schauspieler. Einer, Paul Wolff-Plottegg, war am Wiener Burgtheater, er ist 73 und ein unglaublicher Performer und Bewegungskünstler, so dass ich sehr froh war, ihn einladen zu können. Adaya Berkowicz war in Tel Aviv meine Studentin, ich konnte sie schon für verschiedene meiner Stücke engagieren, sie lebt in Berlin. Bat El Dotan ist mehr Schauspielerin, aber eine sehr physische Performerin, sie lebt in Jerusalem. Rund 20 Leute werden auf der Bühne sein, das schließt auch zwei Musiker mit ein. Komponist ist Omer Klein, er hat sein eigenes Trio und ist ein Jazz-Pianist. Er brachte einen Schlagzeuger mit, Silvan Strauß, der in Hamburg lebt. Es ist eine große Gruppe, und was mir, wie bei jeder Neuschöpfung, wichtig ist, dass ich jedem eine Stimme gebe.

Das bedeutet Mitwirkung?

Ich halte mit einem Ensemble fast so etwas wie einen akademischen Workshop über ein bestimmtes Thema ab, hier eben Antisemitismus und Rassismus. Ich hole auch Experten und „Outside eyes“ dazu, People of Color, Leute aus der Jewish Community, die uns über ihre Erfahrungen berichten und ihre Meinung sagen können. Ich versuche, die Rechte und die Gefühle dieser Menschen zu schützen. Und aus diesem akademischen Gespräch und dem Ausdruck von Ideen, dem Nachdenken über Texte, seien sie fiktional oder wissenschaftliche Abhandlungen, denn das ist ja ein riesiges Thema – daraus ermögliche ich eine Art Experimentierfeld. Ich kreiere Improvisations-Spiele, stelle Regeln auf, schlage bestimmten Menschen bestimmte Charaktere vor, die aus Filmen, aus bestimmten Texten, auch aus der Historie kommen können, gebe Ideen in den Prozess. Am Ende ist ein Teil der Szenen, der Bewegung vorgegeben, da sage ich ihnen, was sie tun sollen; sie haben aber immer noch eine Stimme, um ihre Individualität, ihre Persönlichkeit einzubringen. Andere Szenen entstehen aus der Sammlung von Stimmen, wie ein Mosaik, das eine Vielfalt von Sichtweisen auf das Thema ermöglicht.

Sie bringen von Anfang an Text ein?

Ja, eine Menge Text, eine große Menge Text. Es ist dann vor allem eine Arbeit der Reduzierung, welche Stimmen erhalten bleiben, welche Stimmen losgelassen werden müssen. Es gibt in diesem Stück eine sehr persönliche Szene, Mitglieder des Teams stellen sich selbst auf der Bühne vor, es ist wie eine Einführung in ihre eigenen „Etiketten“. Diese Etiketten können von außerhalb kommen oder können ausdrücken, wie die Performer, Performerinnen glauben, von der Gesellschaft wahrgenommen zu werden. Es ist also eine Kombination von persönlichem Text und vorgegebenem Text.

Wo kommt der Tanz ins Spiel?

Überall (lacht). Eigentlich ist alles choreografiert, und ein Teil der Choreografie ist sehr festgelegt. Ich zeige ihnen genau, was sie tun sollen. Und ein anderer Teil der Choreografie entstand in Zusammenarbeit mit dem Ensemble, mit allen.

Was ist es, das der Tanz, die Bewegung, dem Stück hinzufügen? Warum nicht nur Theater?

Ich glaube, alles, was wir fühlen, ist auch eine körperliche Erfahrung. Und besonders diese Themen, besonders diese Erinnerungen sind extrem körperlich, extrem tiefsitzend und physisch extrem greifbar. Und oft ist die Empfindung, eine Idee spüren zu können, viel stärker, als wenn ich Text benutze. Und umgekehrt. Manchmal brauche ich den Text, um eine bestimmte Idee auszudrücken – doch in jedem Fall muss ich sie zuerst auch körperlich finden. Denn das ist die Antriebskraft für alles, was ich mache.

Zur Person

Saar Magal, Tänzerin, Choreografin, Regisseurin, studierte an der Thelma Yalin Arts Highschool Tel Aviv sowie am Laban Centre for Movement and Dance in London. Von 1996 bis 1999 kreierte sie mehrere Stücke für die Batsheva Dance Company, Israels weltberühmte Company. In der Folge arbeitete sie international. Sie lebt in Berlin, Tel Aviv und Florida.

„10 Odd Emotions“ ist eine Koproduktion mit der Dresden Frankfurt Dance Company und hat im Schauspielhaus Frankfurt am 21. Januar Uraufführung. Es ist rund zwei Jahrzehnte nach Abschaffung des Balletts die Rückkehr von Tanz an die Städtischen Bühnen. Weitere Aufführungen: 23., 25., 26., 27., 30. Januar, 3., 4., 10.-13., 19., 22., 23., 25. Februar. www.schauspielfrankfurt.de

Sehen Sie sich vor allem als Choreografin?

Nein, ich sehe mich als Regisseurin, Choreografin, Künstlerin. Ich mag es, mit Menschen aus allen möglichen Disziplinen zusammenzuarbeiten, Hierarchien auszuradieren zwischen denen, die tanzen, spielen, Musik machen, singen. Es ist ein kollaborativer Prozess, in dem jeder eine gleichberechtigte Stimme hat, aber am Ende ist es mein Werk, entscheide ich, bestimme, wo was ist, so dass ich auch verantwortlich bin für das Endergebnis.

Wie fiel die Entscheidung, wer aus dem hiesigen Schauspiel-Ensemble mitwirkt?

Sie wollten mitwirken, das ist wichtig. Und ihre 30individuellen Geschichten passen zum Thema, sie haben ein persönliches Interesse am Thema. Sie wollten die Tür öffnen in die dunkle Vergangenheit Deutschlands, in die dunkle Gegenwart der Welt, vielleicht auch die dunkle Zukunft, wenn wir nicht angesichts der Warnzeichen aufpassen.

Haben Sie in dem Zusammenhang auch über die Documenta gesprochen?

Ja, selbstverständlich, das war ja der brennendste aktuelle Diskurs. Es war auch einer der Gründe, warum wir von außerhalb auf unseren Prozess schauen ließen, um sicherzustellen, dass wir nicht die Gefühle einer Minderheit verletzen. Wir leben in einer neuen Welt, wir müssen über Sprache nachdenken, die ja kein statisches Ding ist, auch wenn wir das gern glauben. Wie Kultur verändert sie sich dauernd, muss neu geschaffen werden, um Gesellschaften einzubeziehen, die sich unterdrückt fühlen. Auf seine Art handelt das Stück von alldem, zugleich versucht es, individuelle Wege zu finden.

Haben Sie jemanden von der Frankfurter Jüdischen Gemeinde dazugebeten?

Gestern, beim ersten Durchlauf, haben wir jemanden aus der Jewish Community eingeladen, zu schauen, wie er bestimmte Szenen wahrnimmt.

Wie haben Sie es empfunden, dass Sie als Israelin ein Stück über Antisemitismus machen sollten?

Es ist offensichtlich, dass ich über Antisemitismus sprechen kann, wie es einer deutschen Person zu einem gewissen Grad nicht so erlaubt ist. Als Nachfahrin von Holocaust-Überlebenden finde ich es logisch, dass das Theater mich zu diesem Thema gefragt hat. Auf gewisse Weise erlaubt es mir mehr Freiheit als einer deutschen Person.

Man hätte Ihnen auch eine Carte blanche geben können.

Ich glaube, es war dem Theater wichtig, ein Projekt über Antisemitismus zu haben, denn das Thema liegt Anselm Weber sehr am Herzen. Das hat er mir auch gesagt. Ich weiß diese Einladung sehr zu schätzen, ich hätte nein sagen können, aber ich wollte das machen. Es ist im Grunde die dritte Episode einer Trilogie. Der erste Teil war ein Duett, das ich mit meinem deutschen Kollegen Jochen Roller erarbeitet habe, es entstand für Kampnagel und handelte im Grunde von uns beiden, dritte Generation Opfer bzw. Täter. Wie wir mit Erinnerungen umgehen. Der zweite Teil war „Hacking Wagner“. Elemente dieser zwei Stücke sind auch hier zu finden, aber ich wollte das Thema Rassismus hinzunehmen. Denn trotz des unglücklicherweise erstarkenden Antisemitismus in Deutschland und der Welt, fühle ich mich in Deutschland nicht mehr sehr als Opfer, sondern glaube, dass heute People of Colour viel mehr Opfer sind.

Interview: Sylvia Staude

Auch interessant

Kommentare