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William Forsythe im Sommer in Montpellier.

Tanz

Choreograf Willliam Forsythe: Der dauerhaft Neugierige

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Zum 70. Geburtstag von William Forsythe, dem immer noch hochbeweglichen Choreografen.

Gehe dreizehn Schritte von der Bank weg, dann gehe mit geschlossenen Augen rückwärts und setze dich hin“: In der Bad Homburger Skulpturenausstellung „Blickachsen“ gab es in diesem Sommer eine Anweisung, die man wie eine kleine Bewusstheits-Übung umsetzen konnte. In Antwerpen ordnete „Debut“, eine steinerne Schwelle, an: „Tritt ein, als ob du es meinst“. Als ob man was meint?, kann man die Installation nicht zurück-, sondern muss man schon sich selbst fragen. Im Folkwang Museum Essen war der Künstler dieser beiden in Stein gemeißelten Werke mit weiteren „Instructions“, Handlungsanweisungen vertreten, er ist es derzeit in Ausstellungshäusern im australischen Brisbane und belgischen Brügge. Sein Name ist William Forsythe, besser bekannt ist er immer noch als Choreograf. Aber trotz seiner Quecksilbrigkeit hat er, der am heutigen Montag 70 Jahre alt wird, eine (vorläufige?) Ruhebank in der bildenden Kunst gefunden – in einer bildenden Kunst freilich, die er mit Hilfe ihrer Rezipienten beweglich hält, die mit jeder Museumsbesucherin, die guten Willens ist, sich ein Stückchen verändert, neu erschafft.

Forsythe schaffte aus einem befremdeten Publikum ein aufgeschlossenes

Tritt ein, als ob du es meinst: das galt und gilt von Werk zu Werk, auch und gerade für ihn selbst. Neuland betritt man nicht zaudernd, nicht mit kleinem Mut. Und wenn man sich zu lange ausruht, wird das Neuland Altland. Durch öffentliche Förderung fühle er sich beauftragt, über die Entwicklung von Kunst nachzudenken, sagte Forsythe vor zehn Jahren in der FR – Betonung auf Entwicklung. Er machte das Frankfurter Ballett zu einem Labor, in dem Bewegung nicht mehr aus der Körpermitte oder, sinnbildlich, aus dem Bauch kam, sondern zum Beispiel angeführt wurde vom linken Ellenbogen oder dem rechten Knie. „Improvisation Technologies“ nannte Forsythe eine Lehr-CD, als sein Arbeitsmotto wählte er den buddhistischen Spruch „Keep the don’t-know-mind“, bewahre ein Denken, das offen bleibt für das, was es noch nicht kennt und noch nicht weiß.

Das Gespür für Tanz muss William Forsythe in die Wiege gelegt worden sein. Der kleine Bill saugte auf, was es in Fernsehshows zu sehen gab, guckte es sich ab, speicherte es im eigenen Körper. Natürlich gab es später eine professionelle Ausbildung zum Tänzer, aber es drängte und rumorte von Anfang an auch das Choreografieren in ihm. Ein Glück für die Tanzkunst und zwei Jahrzehnte lang für Frankfurt, dass John Cranko, damals Ballettchef in Stuttgart, ihn verpflichtete, nach Deutschland holte.

Forsythe - Ein Signal zum Aufbruch

Denn Forsythe mag inzwischen nur noch sehr gelegentlich eine neue Choreografie auf die Bühne bringen, mag lieber mit einem Augenzwinkern Worte in Stein meißeln lassen, sein Einfluss auf die Tanzkunst lässt sich trotzdem kaum überschätzen. Stück für Stück hat er von 1984 an als Ballettdirektor, dann -intendant an Frankfurts Städtischen Bühnen ein Signal zum Aufbruch gegeben. Ausprobiert hat er die rasende Beschleunigung, hat die Körper kippen lassen, sie dank fantastischer Tänzerinnen und Tänzer in viele Schräg- und Schwindellagen gebracht. Den Bewegungskanon des Klassischen zerschlug er – oder vielmehr: friemelte ihn unermüdlich auseinander, um herauszufinden, auf wie viele Arten, in wie viele Richtungen er sich wieder zusammensetzen lässt. Die Sprache des Klassischen zerlegte er in Buchstaben – und manchmal kam, huch, ein Buchstabe dazu, gleichsam aus dem Ärmel gezogen wie bei einem Zaubertrick.

Die Forsytheschen Bewegungsfolgen macht das verspielt wie an-stößig, allemal das Denken anstoßend, seine choreografischen Partituren intrikat, sperrig. Über Jahre mochte man vor jeder Uraufführung denken, dass der Körper und seine Grenzen doch eigentlich nicht weiter ausgelotet werden könne. Über Jahre irrte man vor jeder Uraufführung.

In Frankfurt erreichte der neugierige Mr. Forsythe, dass aus einem befremdeten Publikum ein aufgeschlossenes wurde. Nun stupst er Ausstellungsbesucher an, macht ihnen Angebote, sich für Momente hinauszubewegen aus dem Trott ihrer Gewohnheit. Es ist jedenfalls eine Freude, seiner Verspieltheit wie Intellektualität, egal wo, wiederzubegegnen.

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