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„Ich möchte es auch nicht missen, jetzt wieder in den Ballettsaal gegangen zu sein“: Tim Plegge bei der Probe.
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„Ich möchte es auch nicht missen, jetzt wieder in den Ballettsaal gegangen zu sein“: Tim Plegge bei der Probe.

„Memento“ in Darmstadt

Choreograf Tim Plegge: „Damit wir uns nicht verlieren“

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Tim Plegge, nun Hauschoreograf für das Hessische Staatsballett, über die Pandemie-Zeit und die Arbeit an seinem neuen Stück „Memento“.

Herr Plegge, Ihr neues Stück mit dem Titel „Memento“ soll kein Handlungsballett sein, es soll darin nicht wie in früheren Stücken Erzählelemente geben. War das eine andere Form der Arbeit?

Ich glaube gar nicht, dass es keine Erzählelemente hat. Es war aber von Anfang an die Frage, ob ich auf eine andere Art erzählen kann. Oder ob es andere Wege gibt, Dinge zu verhandeln, Wege, die nicht nur erzählt oder abstrakt sind, sondern die dazwischen liegen. Und das war ein durchaus befreiendes Erlebnis. Es hat viel Freude gemacht. Am Anfang war es auch mit Unsicherheit verbunden, denn wenn man eine Handlung hat, hilft die einem auch weiter an verschiedenen Punkten – weil man halt von einem Punkt zum anderen kommen muss. Wenn man sich davon löst, wenn man sagt, das können wir ziehen, das können wir gehen lassen, entsteht mit so einer Freiheit auch eine Möglichkeit. Und das zu erkennen, hat Freude gemacht, nachdem ich die Angst überwunden hatte.

Was war Ihr Ausgangspunkt? Die Musik, eine bestimmte Idee?

Der Ausgangspunkt war, dass wir uns mit dem Thema des Abschiednehmens auseinandersetzen wollten – oder ich mich damit auseinandersetzen wollte. Als wir anfingen zu arbeiten, war das auch ein großes Thema in meinem privaten Leben, auch in meinem Leben in Bezug auf das Staatsballett.

Sie waren Ballettchef und sind in die Rolle des Hauschoreografen gewechselt.

Es war der Wunsch, sich mit der Frage auseinanderzusetzen: Was heißt das für uns? Wenn es Abbrüche gibt, wenn Sachen von der einen auf die andere Seite wandern, wenn etwas nicht weitergeht. Aus dem heraus hat sich eine Musik entwickelt, ich habe dann versucht, diese Choreografie aus dem Geist der Musik zu entwickeln. Aber uns widerfahren sehr viele Abbrüche, Trennungen, Abrisse, da spielt Corona mit rein, da spielt die Tatsache mit rein, dass uns Leute verlassen haben, so wurde die Genese des Stückes immer mehr zum Stück, was spannend war.

Sie sprechen vom Abschied, aber war der Schritt zum Hauschoreografen nicht auch eine ungeheure Erleichterung, weil Sie sich nun auf die Kunst konzentrieren können?

Ich kann es jedem nur empfehlen (lacht). Quasi einen Schritt hinaus zu wagen, um die Dinge mit einem gewissen Abstand zu sehen. Um dann auch wieder neu auf die Situation zugehen zu können. Das war natürlich auch eine Erleichterung, den Zeitraum, auch den Raum im Kopf, intensiver denken, intensiver nachspüren zu können, mich in der künstlerischen Arbeit noch mehr auf die Tänzer konzentrieren zu können. Das ist, was mir am meisten am Herzen liegt. Weil ich den Schritt gewagt habe, ist das wieder zu mir zurückgekommen, was ganz toll war.

Bill Forsythe fand zuletzt die Belastung als für alles Verantwortlicher zu groß.

Ja, man hat mehrere Jobs gleichzeitig. Und wir sind ein gutes Team, ich bin dankbar, dass Bruno (Heynderickx) das übernommen hat, übernehmen wollte, und wir in derselben Konstellation weitermachen konnten. Auch darum geht es in diesem Stück: Die Freiheit, die man bekommt, wenn man Dinge loslässt, die Fähigkeit zu Transformationen, was so ein Moment des Abbruchs, des Schnitts, der Veränderung mit einem macht.

Sie haben anfangs von Zuhause aus mit den Tänzerinnen und Tänzern gearbeitet. Wie hat das Ihre Arbeit verändert?

Zunächst war ich skeptisch diesem Arbeiten über Video-Call gegenüber. Denn ich hatte immer das Gefühl, ich muss direkt an den Tänzern dran sein. Ich muss spüren, was dort passiert und alles wahrnehmen. Ich hatte ein bisschen Sorge, dass mir was entgeht, wenn ich das Geschehen nur eindimensional über die Kamera wahrnehme. Dann habe ich im Laufe dieser ersten Phase festgestellt, dass es mir eigentlich auch sehr gut tat, einen Filter zu haben. Wenn ich sonst im Ballettsaal bin, läuft tatsächlich alles durch mich durch. Man filtert 28 Tänzer gleichzeitig, mit 28 Gefühlen und Haltungen, Gedanken und Ideen, Ansprüchen – und das ist ganz schön viel manchmal. Sich im Prozess davon zu distanzieren ist nicht einfach, alles geht durch einen hindurch, wenn man da vorne steht. Da war die Kamera, die ja nur einen Ausschnitt des Raums zeigt, eine gute Hilfe, so dass ich Manches erstmal nicht mitbekommen, nicht gespürt habe. Das führt zu Verzögerungen, die einerseits schwierig sind, andererseits auch etwas Positives mit sich bringen. Etwa dass ich warten musste, dass die Kollegen sagten: Gib uns zwei Minuten, wir klären das hier und wenn wir das geklärt haben, dann machen wir weiter. Das war gut. Aber es war natürlich ein Vorteil, dass ich alle Tänzerinnen und Tänzer und meine Ballettmeister kannte. Man weiß, wie man funktioniert, man weiß um die Schwächen und die Stärken, um Charaktere, Energien der Leute. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste etwas machen für ein Ensemble oder eine Company, die ich noch gar nicht kenne, wäre das wahrlich schwieriger.

Zur Person

Tim Plegge, Jahrgang 1978, hat das Hessische Staatsballett geleitet, seit es 2014 als Kooperation zwischen den Staatstheatern in Wiesbaden und Darmstadt gegründet wurde. Zur Spielzeit 2020/21 hat Bruno Heynderickx die Ballettdirektion übernommen, Plegge ist Hauschoreograf.

„Memento“ hat am Samstag, 16. Oktober, im Staatstheater Darmstadt Uraufführung. Weitere Vorstellungen am 22., 23. und 29. Oktober. www.staatstheater-darmstadt.de

Aber jetzt arbeiten Sie im Saal?

Ich möchte es auch nicht missen, jetzt wieder in den Ballettsaal gegangen zu sein. Ich denke, so einen Prozess muss man dann emotional überprüfen in einem Moment der Gegenwart, des gemeinsamen Raumes. Das ist an einem gewissen Punkt total wichtig.

Der Tanz hat aus der Sicht der Zuschauerin im Lockdown am meisten gelitten. Videos geben die Energie im Raum nicht wieder.

Es beschneidet natürlich maßgeblich etwas, was Tänzer ganz besonders können, nämlich Dinge in Schwingung bringen. Das wird von dem Bildschirm, der dazwischen ist, einfach aufgefressen. Die Qualität des Analogen ist einfach etwas Einmaliges, sie hat gelitten.

Glauben Sie, dass der Tanz auch finanziell leiden wird, dass etwas Dreispartenhäuser auf die Idee kommen könnten, die dritte Sparte einzusparen?

Ich will es nicht hoffe, aber es gibt natürlich die Befürchtung. Aber ich glaube, dass alle Kunstschaffenden im Moment Sorge haben, wie sich das alles und über welchen Zeitraum es sich erholen wird. Ich hoffe nicht, dass wir Einsparungen haben werden, aber wir sind staatlich subventioniert und hatten keine Einnahmen. Es bleibt abzuwarten.

Ist der Tanz zu still? Ihr Kollege Marco Goecke hat in einem Gespräch mit mir gesagt, der Tanz muss lauter werden. Glauben Sie das auch?

Ja, ich glaube das schon. Dass Bill Forsythe vergangenes Jahr für sein Lebenswerk den Faust-Theaterpreis erhielt, das war überfällig, geschah aber auch, um die Sichtbarkeit von Tanz zu erhöhen. Und in dem Zusammenhang müssten wir alle viel mehr trommeln, so dass wir alle in voller Kraft erhalten bleiben.

Sehen Sie im Tanz derzeit irgendwo auch einen künstlerischen Aufbruch? Oder ist es nicht doch still geworden?

Ja, wir sind tatsächlich stiller geworden. Wir haben aber auch alle sehr stark mit dem Alltag zu kämpfen. Seit letzter Woche dürfen wir zum ersten Mal wieder alle zusammen im Ballettsaal trainieren und arbeiten. Bis dahin hatten wir auch unseren Alltag unter diesen Gegebenheiten zu organisieren. Der Fokus war stark nach innen gerichtet, man war stark bei sich. Und guckte, wie man seine Produktion gestemmt bekommt, die man auf den Spielplan gesetzt hat – und es ist ja nicht so, dass die Pandemie vorbei ist, wir haben immer noch mit vielen Einschränkungen und Unsicherheit zu kämpfen. Niemand weiß, was jetzt im Winter kommt. Man hat im Moment nicht so viel Kraft, nach außen zu schauen oder gar zu rufen, weil man mit dem Innen beschäftigt ist.

Wie haben es die Tänzerinnen und Tänzer verkraftet?

Es ist gut, dass sie jetzt eine Perspektive haben. Es gab eine Zeit, die war schon sehr hart. Wir sind ja sowohl sehr kluge Körper als auch sehr anpassungsfähige Wesen, so dass wir uns jetzt relativ schnell der Situation wieder anpassen. Wir sind auch immer drangeblieben und haben versucht, ihnen die Möglichkeit zu geben weiterzuarbeiten, zu proben, zu produzieren. Es war auch eine große Aufgabe im letzten Jahr, zu gucken, dass der Betrieb sein Minimum wahrt. Deswegen letzten Endes auch die freie Form von „Memento“. Hätten wir ein Handlungsballett gemacht, hätten wir größere Probleme gehabt. So konnten wir uns immer wieder auf die Situation einstellen. Das war die Priorität für mich: Wir gucken, wie wir weiter gemeinsam arbeiten können, damit wir uns nicht verlieren. So dass man sich nicht zu Hause verliert vor seinem Zoom, dass man sich nicht verliert, weil man sich nicht mehr berühren darf, dass man sich nicht in über den ganzen Tag verteilten Arbeitsslots verliert. Das, was bei diesem Stück herausgekommen ist, hat immer auch damit zu tun, was wir in diesen Monaten erlebt haben.

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