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„Chopin-Abend“ in Mannheim: Hat die Ufer dir zerrissen

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Von: Sylvia Staude

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Szene aus „Chopin-Abend“.
Szene aus „Chopin-Abend“. © Christian Kleiner

Der Choreograf Stephan Thoss beschäftigt sich mit Chopin, aber vor allem mit dem Krieg.

Die Generalsanierung des Mannheimer Nationaltheaters hat im August begonnen, zahlreiche Spielorte werden nun allen Sparten als Ersatz dienen. Zwar wurde für Oper und Tanz eine große Ausweichhalle namens „Opal“ eigens errichtet, aber Tanz-Intendant Stephan Thoss ist für diesmal in die Alte Schildkrötfabrik gegangen, deren schöne Schlicht- und Lichtheit bei der für 16 Uhr angesetzten Uraufführung von „Copin-Abend“ zur Geltung kam: durch die hohen Fenster waren vor einem blauen Himmel schnell ziehende weiße, wie hingetupfte Wolken zu sehen.

Zum Titel der Choreografie gehört neben „Chopin-Abend“ das russische, kyrillisch geschriebene Wort für „Schrei“, „Krik“ ausgesprochen, was wiederum an das deutsche „Krieg“ denken lässt. Der Krieg gegen die Ukraine hat Thoss beschäftigt; die Klaviermusik Frédéric Chopins schien ihm bald passend zu Tanzszenen, die keine Geschichte erzählen, wohl aber Melancholie und Schmerz transportieren sollen. Kriegskritik lässt sich nicht tanzen, ein Schrei nur mimisch darstellen, doch die Thoss’schen Bewegungsqualitäten – hier sein etwas verhalteneres Vokabular, grotesk und witzig kann er sonst auch – geben zusammen mit der Musik die Stimmung vor.

Das Publikum sitzt auf drei Seiten um die Tanzfläche (die hinterste Längsreihe hat offenbar krasse Sicht-Probleme, einige stehen auf und weichen auf die Fensterbretter aus). In einem Eck steht der Flügel für den Chopin-Spezialisten Camillo Radicke. Es gibt vier hellgraue Bänke, auf denen die gerade nicht beschäftigten Teile des Ensembles sitzen und warten, es gibt schlichte, überwiegend schwarze und erdfarbene Kostüme (Bühne, Kostüme: Thoss).

Es sitzt und wartet im Kreis des Ensembles auch die Mezzosopranistin Maria Polanska, sie wird drei Chopin-Lieder in ihrem polnischen Original singen, „Polens Grabgesang“, „Eine Melodie“ und „Trübe Wellen“, die Übersetzung der drei Texte kann im Programmheft nachgelesen werden: Vom „Fluch der Zeit“ ist dort die Rede, von weinenden Frauen, sie weinen um die Männer, die ihnen der Krieg genommen hat, von einer solchen Menge heißer Tränen, dass die Wogen wild und trüb werden: „hat die Ufer dir zerrissen, zerrissen“.

Ein Sinken wie ausgelaugt

Der „Chopin-Abend“ ist eine auch im Bewegungsduktus niemals laute, konzentrierte Stunde. Die Choreografie wirkt elegisch, aber nicht aufdringlich, dunkel, aber nicht nachtdunkel. Duos und Ensemblesequenzen wechseln sich ab, greifen aus, trumpfen aber nicht auf. Der Tanz erscheint als etwas, das fein gewebt ist, dabei durchaus expressiv. Es dominiert die Bewegung nach unten, oft ein Sinken wie ausgelaugt, wie niedergedrückt von Trauer. Und wenn die Tänzerinnen und Tänzer zusammenfinden im Unisono, nimmt man sie als Menschen wahr, die Trost finden in der Gemeinsamkeit, in einer Nähe zum anderen.

Es könnte interessant sein, „Der grüne Tisch“ von Kurt Jooss wieder einmal in einen Tanz-Spielplan zu nehmen, diesen 1932 uraufgeführten „Totentanz“ um die Herren der Politik, die schachern und den kleinen Mann achtlos in den Krieg und ins Verderben schicken. Doch wird im Tanz, anders als in Schauspiel und Oper, kein Repertoire gepflegt, nicht einmal das einiger weniger ikonographisch gewordener Stücke. Vorerst steht noch nicht einmal der „Chopin-Abend“ weiter auf dem Spielplan, dafür ist von Tanzchef Stephan Thoss ein „Nüsseknacker“ angekündigt, immerhin offenbar in einer eigenen und sicher auch eigenwilligen Interpretation.

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