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Hempel sitzt bequem, das war eine seiner Bedingungen für seine Teilnahme.

Bockenheimer Depot

Ich sprenge jede Aufführung

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„Chinchilla Arschloch, waswas“, ein Abend im Bockenheimer Depot mit Tourette und Rimini Protokoll. 

Theater besteht zwar aus zahllosen Verabredungen, aber längst gehört auch der Kontrollverlust dazu. Der hervorragend kontrollierte Kontrollverlust, aber erst letztendlich hervorragend kontrolliert, denn das Theater interessiert sich für Authentizität. Auch das Theaterpublikum interessiert sich für Authentizität, und manchmal ist es so, als könnte man sich im Theater endlich einmal in Ruhe anschauen, was einen auf der Straße vielleicht in Verlegenheit bringt.

Es ist das Reflexionsniveau, dass das Theater in solchen Momenten von einer windigen Reality Show unterscheidet: die Offenlegung der Verabredungen, das Bewusstsein für das Echte, das „Echte“ und das Als-Ob, außerdem für die Zuschausituation, die ebenfalls auf Verabredungen beruht – Klappe halten, nicht mit den Füßen scharren, applaudieren. Bedrängt von einer Außenwelt, in der das Authentische kurz davor ist, Anführungsstriche zu benötigen, weil es eben auch bloß Teil einer Performance sein könnte – da immer irgendjemand zuschaut – , findet dieses Theaterkonzept, so bescheiden und in die Jahre gekommen es sein mag, weiterhin Spielräume.

Eine Fachfrau des aus dem Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft stammenden Autoren- und Regie-Kollektivs Rimini Protokoll, Helgard Haug, hat jetzt zusammen mit Benjamin Jürgens, Christian Hempel, Bijan Kaffenberger und Barbara Morgenstern einen Abend entwickelt. „Chinchilla Arschloch, waswas“ im Bockenheimer Depot ist eine Koproduktion des Schauspiels Frankfurt und des Mousonturms – eine Zusammenarbeit, die größere Uraufführungen freier Gruppen in Frankfurt ermöglicht und 2018 mit Forced Entertainments „Out of Order“ begann.

Jürgens, Hempel und Kaffenberger haben das Tourette-Syndrom, Morgenstern macht Musik dazu. Das Tourette-Syndrom und seine Unberechenbarkeit – die sich akustisch und visuell Bahn brechenden Tics, dazu die Zwänge, die Reizbarkeit – sind für das Theater ein krasser Fall in mehrfacher Hinsicht. Sie erschweren, verunmöglichen das herkömmliche Zuschauen, nämlich die Laut- und Bewegungslosigkeit, die diese anscheinend einfachste Situation der Welt erfordert – Jürgens erzählt von einem gescheiterten Theaterbesuch.

Tourette boykottiert aber auch auf der Bühne einen fixen Ablauf. Immer wieder ist davon die Rede, wie sich die kleine Gruppe an ein Skript heranarbeitete. Dass oben an einem Band die voranschreitende Szenefolge angezeigt wird, wirkt nicht nur wie ein Gag und ein Trost für alle, denen 90 Minuten zu lang sind, sondern auch wie das Minimum eines Ablaufplanes.

Hempel, der zur Bedingung fürs Mitspielen gemacht hat, nichts auswendig lernen zu müssen, hat ein Textheft in der Hand. Es herrscht eine gewisse Einigkeit darüber, wann Musik erklingt oder wann der Bus eintrifft, in dem der Lüneburger Hempel von einem Freund vorbeigebracht wird. Spektakulär, na ja, forsch fährt er ins Depot ein. Noch später wird Pizza für eine Zuschauerin bestellt (Sophie, Pizza Salami). Morgenstern muss anrufen, obwohl Paolo offenbar bestens vorbereitet ist. Telefonieren, das muss ein Problem sein.

Bedingungen hingegen sind offenbar wichtig. Tourette spielt immer die Hauptrolle und ist durchaus kapriziös. Hempel wollte auch das Publikum anstarren, was er in Ruhe tut. Es gibt im Theater ein wohlwollendes und ein nichtwohlwollendes Publikum, das hat Morgenstern eingangs beschrieben, und man begreift, dass Hempel und Jürgens immer ein wohlwollendes oder nichtwohlwollendes Publikum haben, sobald sie unter Menschen kommen. Jürgens fährt sehr früh zur Arbeit, um im Waggon den Platz öfter mal wechseln zu können. Das Echte kann total künstlich wirken (im Theater ist es umgekehrt). Darum ecken Menschen mit Tourette-Syndrom so furchtbar an, obwohl sie niemandem zu nahe treten wollen und viele von ihnen ziemlich gut das Schauspielen lernen. Jürgens mag es, wie Kinder ihn in der Bahn einfach fragen, was mit ihm los ist.

Hempel liest einen Brief vor, in dem sich ein Nachbar über seine Geräusche im sommerlichen Garten beschwert und, da Hempel ein Kind hat, zusammenhangslos, aber unverhohlen mit dem Jugendamt droht. Schwierig für Hempel, der von zu Hause aus arbeitet, weil er es im Büro nicht aushält. Von Zwangsgeld ist einmal die Rede, lustig, sagt Jürgens, Zwangsgeld.

Jürgens wollte fliegen (kein Problem für ein Theater) und mit Hempel das Spiel „Wer zuerst tickt“ spielen. Er verliert ständig. Schwieriger ist das Spiel „Wer am schönsten tickt“. Tourette spielt immer die Hauptrolle, aber wenn es machen darf, was es will, will es gar nicht. Morgenstern, die Schiedsrichterin, hat inzwischen einen Blick für falsche Tics. Das Thema Authentizität ist nicht erledigt, nur weil jemand ein Tourette-Syndrom hat, eher im Gegenteil.

Der SPD-Landtagsabgeordnete Kaffenberger trifft als letzter ein. Seine Bedingung war ein Rednerpult aus dem Landtag auf der Bühne, das am Ende in seinen Besitz übergeht. Er würde sich freuen, wenn es einmal um den Inhalt dessen ginge, was er sagt, und nicht um Tourette. Unmöglich.

Jeder Abend dürfte ein Unikat sein, je nachdem, was Tourette daraus macht. Ein garantiert unechter Eisbärenteppich liegt bereit, bei näherer Hinsicht besteht die Bühne (Mascha Mazur) aus Eisschollen, darauf orangefarbene Möbel, die zum Teil sehr bequem zu sein scheinen (eine Hempel-Bedingung). Die Losung des Abends wird früh ausgegeben: „Dort draußen bin ich eine Störung, hier drinnen bin ich eine Attraktion.“ Dass man sich gegenseitig zuschauen könnte und vielleicht mal was fragen: eine aufregende Option.

Bockenheimer Depot, Frankfurt: 13. April, 5.-7., 10.-12. Mai. www.mousonturm.de www.schauspielfrankfurt.de

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