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„Luci mie traditrici“: Im nächtlichen Garten. Foto: Matthias Baus

Oper Stuttgart

Die Morde der Schlafwandler

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Barbara Freyer inszeniert Mascagni und Sciarrino an der Oper Stuttgart.

Liebe als Entgleisung und Eifersucht als starker Motor für Tod und Verderben sind die Grundlage für diesen Doppelabend an der Oper Stuttgart. Pietro Mascagnis Einakter „Cavalleria rusticana“ und Salvatore Sciarrinos ebenso kurzen Zweiakter „Luci mie traditrici“ verbindet der Mord aus Leidenschaft, aber bei klarem Verstand und vom Mörder jeweils effektvoll inszeniert. Einem betrogenen Ehemann fällt man anscheinend nicht in den Arm, es wäre wohl auch nicht mehr möglich. Er ist in beiden Fällen wie eine Waffe, wie ein Schläfer, der durch den Code – deine Frau hat dich betrogen – aktiviert wird. Diese Aktivierung übernehmen glücklos Liebende, spektakulärer Santuzza in der „Cavalleria“, verlegener der Diener in „Luci mie traditrici“, beide nach dem Verrat gleich wieder halbherzig. Sie wissen, was sie angerichtet haben.

Großes, ausgestelltes Gefühl

Bei Mascagni ist das alles großes, ausgestelltes Gefühl, im sizilianischen Örtchen entwickelt sich das Unheil unter peinlich strenger Beobachtung. Das eigene Befinden ist von der Situation nicht zu trennen. Santuzza liebt den treulosen Verlobten Turridu gewiss, aber als sitzengelassene Frau wäre ihre Existenz vernichtet. Dem Grafen, der Gräfin und dem Gast bei Sciarrino schaut nur der Diener zu, Liebesgestammel und die Angst vor dem Kommenden bleiben innere Vorgänge, die buchstäblich nur so gerade sicht- und vor allem hörbar werden. So brutal schraubt Sciarrino passagenweise die Lautstärke in Richtung Hörbarkeitsschwelle, dass im Publikum Zappeligkeiten entstehen können. Gleichwohl ist das Kontrastprogramm genial gewählt: zwei Seiten, zwei Modelle einer fatalen Konstellation.

Trefflich drückt sich das in Martin Zehetgrubers Bühnenbild aus. Für Mascagni zeigt es eine bühnengroße, auf einer Seite abgesackte Treppe, oben eine Galerie, es herrschen Betonbrutalismus und Zerfall, kein Quadratzentimeter ohne Graffiti. Für Sciarrino dreht sich die Bühne – vorher durfte man schon kurz dahinter blicken, aber erst jetzt deutet sich unter weniger kaltem Licht (Alexander Koppelmann) ein versunkener Renaissancepalast an. Das Brachen-Gestrüpp ist nun ein verwunschener Garten. Die an die Säulen gelehnten Schlafenden und die rote Rose im Unkraut, die bei der ersten Drehung unbegreiflich blieben, erwachen nun zu etwas lemurenhaftem Leben.

Denn Barbara Freyers Inszenierung selbst ist nun sehr gedämpft. In der „Cavalleria“ erweist sich das als Problem, nicht so sehr das Statische, aber doch das Schläfrige, das sich überhaupt erst in „Luci mie traditrici“ erschließt. Im ersten Teil wirkt es eher konzertant. Kein Rampensingen, aber man schaut doch beständig dabei zu, wie Sängerinnen und Sänger sehr bedächtig (ja, auf Treppen soll man sehr, sehr vorsichtig sein) hoch- und runtergehen und sich für eine Weile hinsetzen. Treppen auf der Opernbühne sind beliebt. Ein Inszenierungsteam sollte es sich trotzdem noch dreimal überlegen.

Freilich ist alles geprägt von den Abstandsregeln, nicht nur auf der Bühne. Im Graben dirigiert Cornelius Meister ein Streicherquintett und begleitet selbst einige Passagen am Klavier. Mehr Orchester befindet sich hinter der Bühne, der über weite Strecken musikalisch glänzend integrierte Chor singt hinten vom Rang aus. Die eigens erstellte Kammerorchesterfassung von Sebastian Schwab bietet so eine abenteuerliche Klangmischung mit Mittendrin-Effekt, die nur an den hochemotionalen Passagen ernstlich scheitert, etwa wenn Alfio in die fröhliche Runde grätscht und die Menge Platz macht für den mörderischen Ausgang. Aber hier leistet auch die Regie zu viel Verzicht.

Sie hat Entsetzliches getan

Gesanglich bietet der Abend die derzeit rare Gelegenheit, große italienische Oper zu hören, das Ensemble dazu nicht gerade umtost: darunter Arnold Rutkowski als fast bis zum Schluss verlässlich strahlender Turridu, Dimitris Tiliakos als Alfio, dessen Stimme schön vom onkelhaft Gemütlichen ins Unerbittliche fällt, und in unserem Fall mit der vehementen Sonia Ganassi, die für die in Wien steckengebliebene Eva-Maria Westbroek einsprang. Als ihre Santuzza Turridu verflucht hat, erscheint in ihrem rollenerfahrenen Gesicht die Mimik eines Menschen, der soeben etwas Entsetzliches getan hat. Das von der Regie sonst so Gedrosselte der Figuren fällt da umso mehr auf.

In Sciarrinos 1998 in Schwetzingen uraufgeführter Oper passt sich das Introvertierte dem Geschehen dagegen an. Das kleine Orchester, die Blasinstrumente jetzt auf der Galerie, Schlagwerk in den Seitenlogen. Christian Miedl und Rachael Wilson, von Bettina Walter mit eleganter Abendgarderobe (auch für Beerdigungen zu verwenden) ausgestattet, bewegen sich wie in einem endlos verlangsamten Tanz. Schlafwandlerisch auch Ida Ränzlöv als verhängnisvoller Gast und Elmar Gilbertsson als Diener. Die Herausforderung des spezifisch feinziselierten, in Details geradezu zerfallenden, dabei aber sinnlichen Sciarrino-Gesangs und -Gewispers nehmen sie mit Verve und technischer Bravour an.

Die Anspannung ist mit Händen zu greifen, dürfte man sich näher kommen, nur ist sie eben krass minimalistisch. Im Publikum halten es die einen nicht mehr aus und gehen, die anderen staunen über die schrecklich verschattete Variante von dem, was uns doch grundlegend vertraut ist: Die Liebe, die Treue, die Ehe.

Oper Stuttgart: 24. Oktober. www.staatsoper-stuttgart.de

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