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„Caterina Cornaro“ in Gießen: Und die schöne Braut, sie weinet

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Von: Judith von Sternburg

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Die unglückliche Caterina, süß umsäuselt vom mitleidigen Damenchor, der aber auch nichts für sie tun kann. Rolf K. Wegst
Die unglückliche Caterina, süß umsäuselt vom mitleidigen Damenchor, der aber auch nichts für sie tun kann. Rolf K. Wegst © Rolf K. Wegst

In Gießen wird Donizettis „Caterina Cornaro“ zum Leben erweckt. Nichts wie hin.

Da es in der Handlung einer ernsten Oper, egal wie es im Libretto rumpeln und pumpeln mag, immer um alles oder nichts geht, trifft es sich gut, wenn auch eine Bühnenproduktion etwas davon ausstrahlen will und kann. Die meisten Opern möchten nicht am laufenden Meter weginszeniert werden, auch wenn das Sitte ist und viele Menschen sich zufrieden geben, wenn die Inszenierung nicht gestört hat, wie man dann so sagt. Da ist nun Anna Dreschers Zugriff auf Gaetano Donizettis „Caterina Cornaro“ von anderer Art: packend und mit Haltung, heutig und theatralisch.

„Caterina Cornaro“ ist nicht im engeren Sinne eine Wiederentdeckung. Sie hat es, wie man liest, nie ins Repertoire geschafft. 1844 mäßig erfolgreich in Neapel uraufgeführt, gehört sie in Donizettis Spätwerk – sofern man bei einem Menschen, der mit 50 gestorben ist, von einem Spätwerk sprechen soll – und ist dort in der Nähe etwa zum „Don Pasquale“ entstanden. Und in Gießen wird man sich über mangelnden Donizetti-Schwung auch nicht beklagen und kaum satt hören können. „Caterina Cornaro“ ist kompakt und von finsterer Schärfe, eine dunkle Feier nicht nur des Belcanto, sondern des unmittelbar in Musik umgesetzten Dramas.

Anna Drescher hat die Ideen und die Bilder dazu. Den Hintergrund liefert sie in einem auf dem Vorhang lustig bebilderten, keck getexteten historischen Abriss. Die venezianische Patriziertochter (1454-1510) wird 14-jährig mit dem König von Zypern verheiratet. Nach dessen baldigem Tod regiert sie alleine, aber Venedig entmachtet sie, um sich die Insel einzuverleiben. Die heimgeholte Caterina darf an einem Hof in Asolo die Künste fördern. Ist doch eine schöne Rolle und die Leitungsebene am Ende eh Männersache.

Die Oper selbst erzählt es natürlich opernhafter: Caterina liebt einen Tenor. In die beginnende Hochzeitsfeier hinein kracht die Nachricht, dass sie den Zyprioten Lusignano heiraten soll. Das ist hier ein grundanständiger Bariton, den das schlechte Gewissen gegenüber Caterina plagt, der er in Gießen trotzdem zu nahe tritt. Sie ist seine Frau, klar. Als sich der Tenor und er unter dramatischen Umständen kennenlernen, verstehen sie sich gleich sehr gut. Die Fäden zieht ein arglistiger venezianischer Bariton.

Caterina kann nur abwarten und zuschauen und bekommt auch musikalisch nicht den Platz einer Primadonna. Das würde vielleicht nicht einmal auffallen, aber Drescher nimmt das als Dreh- und Angelpunkt: Ausstatterin Tatjana Ivschina hat einen flachen langen Guckkasten gebaut, eine Vitrine, in der Caterina, eben noch in Jeans, nun ins Renaissance-Kleid gezwängt, den Männern zusieht. Julia Araújo bringt also nicht nur ihren fein dramatischen Sopran zur Geltung, sondern auch ihre schauspielerischen Fähigkeiten: ist entsetzt, ratlos, angeekelt, ein Dauerkommentar zu Machenschaften und Jammereien. Es ist bewundernswert, wie Drescher die Mitte zwischen Schärfe und Leichtigkeit findet.

In der Musik erwartet man das eher, aber auch hier gelingt es außergewöhnlich gut. Younggi Moses Do lässt einen nicht großen, aber wunderbar leichtgängigen Tenor hören, Grga Peroš ist ein mächtiger Lusignano, Clarke Ruth ein solider Belcanto-Schurke. Der auch szenisch glänzend in der Vitrine arrangierte Chor ist von Jan Hoffmann trefflich eingestellt. Vom Graben aus sorgen Vladimir Yaskorski und das Philharmonische Orchester Gießen für ein Gleichgewicht der Kräfte.

Im Pausenfoyer: Eine weitere Vitrine, in der „Another Caterina“, eine Performerin, sitzt, schaut und sich manchmal eine Träne abwischt (Schumann/Eichendorffs schöne Braut, die leise weinet, und tut sie das wirklich nur aus Rührung?). Die Bühnen-Caterina wird nach Lusignanos Tod dagegen den Rock raffen und einen sehr großen Schritt aus der Vitrine machen. Hilft ihr nichts, lässt einen aber nicht kalt.

Imposant ferner, wie sich die neue Gießener Intendantin Simone Sterr originell und metropolregionwürdig ans Musiktheaterrepertoire heranpirscht. Zählt man Brittens „A Midsummer Night’s Dream“ (im Januar) weiterhin nicht zu den Üblichkeiten, erfolgt die erste klassische Klassikerpremiere („Tosca“) erst im März.

Theater Gießen: 4., 10., 25. Dezember. www.stadttheater-giessen.de

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