Carsten Nicolai

Radikalität und Narzissmus

  • vonStefan Michalzik
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Der Künstler Carsten Nicolai über Theater und Krise.

Der künstlerische Prozess, ein Modell für die Demokratie? Ganz und gar nicht, wenn man Carsten Nicolai glaubt. Die Hessische Theaterakademie hatte den in Berlin lebenden Klang- und Rauminstallationskünstler zur Eröffnung ihrer Ringvorlesung „Theater und die Krise der Demokratie“ eingeladen; die Veranstaltung vor Ort im Frankfurter Mousonturm fiel flach, Rainer Römer, Perkussionist beim Ensemble Modern, befragte den 55-Jährigen per Videokonferenz, unter dem Gesprächsthema „Demokratie und künstlerische Produktion – Narzissmus und Teamwork“.

Radikalität, sagt Nicolai, der als Professor mit Schwerpunkt digitale und zeitbasierte Medien an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden lehrt, sei unabdingbar für den künstlerischen Prozess – und Radikalität sei nun einmal undemokratisch. Schließlich gehe es darum, eine eigene künstlerische Sprache zu entwickeln. Ein langer Prozess, der mit Vereinsamung und Isolation zu tun habe.

Zugleich jedoch habe die Gruppe eine wichtige Rolle für ihn gespielt. 1980, im Gründungsjahr des Ensemble Modern, das Römer zufolge aus dem Geist der 68er entstand: 1980 wechselte Nicolai nach Jahren des klassischen Klavierunterrichts gerade zur Bildenden Kunst. In seiner Heimatstadt Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, habe es eine Tradition von Autodidakten gegeben. Und es gab dort eine Art von „Warhol Factory“ in einem alten Fabrikgebäude. Alles wurde diskutiert in einem sehr kleinen Kreis. Eine hierarchische Struktur auch das: Wer sich am meisten engagierte, traf die Entscheidungen.

Einerseits die „Factory“ – und auf der anderen Seite das Bewusstsein, dass es einen Gegenpol brauchte: den Narzissmus, als Antrieb zur Arbeit am eigenen künstlerischen Konzept. Keineswegs muss sich in der Form zwingend der Prozess der Entstehung spiegeln. Den Eindruck einer Begegnung auf Augenhöhe machen die Aufnahmen aus der langjährigen Zusammenarbeit mit dem japanischen Komponisten Ryuichi Sakamoto. Der Entstehungsprozess der in ihrer radikalen Reduktion ungemein auratischen Klangfolgen aus dem Zusammenspiel einer teils störgeräuschhaften Elektronik (Alva Noto) und des Klaviers (Sakamoto), sei jedoch „absolut undemokratisch“ (Nicolai) gewesen. Treffend sei der Befund Sakamotos: „Ich habe den Fisch“ – die Klavierskizzen – „geliefert, und Carsten hat es mit dem Sushimesser geschnitten“.

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