Klärchen sinniert in „Der fröhliche Weinberg“, aber nicht lange. Foto: Karl & Monika Forster

Staatstheater Wiesbaden

Liebe, Rebe, Mist

Carl Zuckmayers „Der fröhliche Weinberg“, hinreißend in Wiesbaden in der Wartburg.

Carl Zuckmayers „Der fröhliche Weinberg“ ist klassisches Volks- und auch Laientheaterterrain, aber selten so gelacht wie jetzt auf der Nebenbühne des Staatstheaters Wiesbaden in der Wartburg. Hier kann man (muss aber nicht) den Ausschank von Wein oder Traubensaft mit der Eintrittskarte dazukaufen und sitzt zu beiden Seiten eines langen Holzstegs. Am einen Ende ein etwas rutschiger Weinberg, darunter Verstecke für die diversen Paare, die sich nachher allerdings ziemlich unverklemmt zu wilden Sexszenen zusammenfinden, und der Misthaufen, in dem sich der Korpsstudent Knuzius nachher im Suff wälzen wird. Das ist Paul Simon mit Schmiss, Mützchen und schlechten Manieren, aber schon auch mit dem, was die Großmutter schnittig nannte. Ja, ich fürchte, das meinte sie damit.

Knuzius auf dem Misthaufen, das fanden die anderen Korpsstudenten 1925 nicht lustig, während die lokalpatriotischen Nackenheimer schon den Misthaufen an sich nicht lustig fanden. Ferner sahen sie rheinhessische Heimat verunglimpft, weil es im Wirtshaus Landskrone keine Gästetoiletten gibt. Die Berliner hingegen sollen sich bei der Premiere kaputtgelacht haben.

„Der fröhliche Weinberg“ ist lustig, aber auch böse. Je mehr man lachen kann, desto deutlicher bemerkt man auch das Böse. Wenn Karoline Reinke (nicht rheinhessisch, aber rheinländisch) als adrette und unvolkstheaterhaft eiskalte Landskronenwirtin vom Abstechen ihrer Sau am nächsten Tag spricht – und sie spricht von nichts anderem –, kann es einem kalt den Rücken herunterlaufen.

Ein Vulkan in Rheinhessen

Zwischen Konservativen, Deutschnationalen und Nationalsozialisten herrscht eine Einigkeit und Wortwahl, die vom liberalen, gemütlichen und in Benjamin Krämer-Jensters Spiel umwerfend lebenszugewandten Winzer Gunderloch nur weggeschoben werden kann, weil es bis 1933 noch ein paar Jahre hin ist. Aber keiner hält mit seinen Ansichten hinter dem Berg. „Der fröhliche Weinberg“ ist ein rheinhessischer Tanz auf dem Vulkan.

Regisseurin Henriette Hörnigk arbeitet das in Wiesbaden sorgsam und nah an der Sache heraus, indem sie die Wirtin mit der Sau und den zarten und schlenkerigen Amtsvorsteher, Philippe Ledun (nicht rheinhessisch, aber österreichisch), einige Conférencen machen lässt. Gut solle es werden, zügig müsse es gehen, weil nicht mehr viel Zeit bleibe. O Schreck, wieso? Dass alles so weit in Ordnung scheint, und man spürt auf einmal, dass es keine Bestandsgarantie darauf gibt: Fabelhaft, wie Hörnigk das mitlaufen lässt, während nette Dirndlträgerinnen und -träger nachgießen. Dann fängt auch die eigentliche Geschichte an.

Klärchen, Mira Benser, liebt Jochen, Felix Strüven, beide sind vor Liebe sofort ganz dumm. Klärchen ist zudem fast mit Knuzius verlobt, mehr lästig als tragisch, da Vater Gunderloch vor allem von der Zeugungskraft des künftigen Schwiegersohns überzeugt sein will. Außerdem ist Jochens Schwester Annemarie in der Lage, zusammenzubringen, was zusammengehört. Anne Lebinsky ist das unwahrscheinlich komische Zentrum des Geschehens, zu lang und zu dünn für diese Welt, auch zu vernünftig, aber zugleich reizend und hingebungsvoll. Ihren Tanz mit Krämer-Jenster muss man gesehen haben, auch muss man unbedingt erleben, wie er einen Schlager singt.

Es gibt viele Lieder, unheimlich lustige und weniger lustige. Das Publikum kommt in Schunkel- und Mitsinglaune, soll und darf es auch, aber dann erschrickt man sich wieder. Die deutschnationalen Rindsfußens, Thorsten Heidel und Evelyn M. Faber, werden mit steigendem Alkoholpegel ja fürchterlich. Ein Veteran und Jungnazi, Felix Vogel, rüpelt. Einer der jüdischen Weinhändler, Nicolas Matthews, stimmt „I Will Survive“ zur Klampfe an, ihm zur Seite der stoische Martin Plass, beide hat Henrike Engel orthodox ausgestattet. Es geht für dieses Mal alles gut aus. Es soll aber keiner sagen, er habe von nichts gewusst.

Staatstheater Wiesbaden,Wartburg: 31. Januar, 2., 3., 10., 12., 16., 17. Februar. www.staatstheater-wiesbaden.de

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