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Lenz inmitten seines Wahns. Foto: Christian Kleiner
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Lenz inmitten seines Wahns.

Oper

Calixto Bieito inszeniert „Jakob Lenz“ im Nationaltheater Mannheim: Die Toteninsel

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Regisseur Calixto Bieito findet starke Bilder für Wolfgang Rihms Kammeroper „Jakob Lenz“ am Nationaltheater Mannheim. Von Judith von Sternburg

Wo sie zu nichts Gutem nutze ist, kann Religion leicht zum Alptraum werden, wobei der streng Erzogene oder verzweifelt Trostbedürftige sie nicht ohne weiteres los wird. Das ist eine fruchtbare Gemengelage für den katalanischen Regisseur Calixto Bieito, der auch hier große Bilder gottloser Religiosität schafft, der Himmel leer, der Mensch herumirrend und mit dem Nichts ringend, dann aber tut er sich auch zu Tableaus zusammen, die an Opferungen, Kreuzabnahmen und Pietàs erinnern.

Kinder (aus dem ausgezeichneten Kinderchor) werden mit Klebeband an Wänden fixiert. Erwachsene werden verletzt, sind verletzt, Blut fließt. Es ist aber nicht grobschlächtig, es ist zart und eingeübt. Der Ritus braucht keinen Gott, und das Publikum muss ihn nicht verstehen, um sich davon fesseln zu lassen. Bieitos Blick auf Wolfgang Rihms Kammeroper „Jakob Lenz“ erinnert insofern an seine Monteverdi-„Marienvesper“ am selben Ort vor vier Jahren. Zumal es ihm erneut gelingt, kleine Gruppen hinreißend zu bewegen, buchstäblich lebende Bilder zu schaffen, aus Rätselbildern etwas Zwingendes, nicht Beliebiges zu machen.

Wie eine Toteninsel taucht auf der Bühne von Anna-Sofia Kirsch im Nationaltheater Mannheim das Spielpodest auf, zwischen kahlen Bäumen erkennt man das Kammerorchester, das Franck Ollu aus der Mitte des Geschehens heraus mit immenser Sicherheit durch diese Musik der Verunsicherung leitet. Sängerinnen und Sänger, von Paula Klein aus dem Hier und Heute eingekleidet, lösen sich aus der Dunkelheit. Zu spät kommt hingegen der stürmende und drängende Pietistensohn Jakob Michael Reinhold Lenz, er lässt die Türe knallen, bevor er mit Rucksack keuchend durch den Saal hetzt. Ein grauenhafter Start für einen Sänger, dem Strapazen bevorstehen, Joachim Goltz meistert sie hingebungsvoll und mit Würde, und er singt mit der Schönheit und Kraft, die dem unglücklichen Lenz so ganz abhanden gekommen sind. Auch das macht Rihms Werk zu einer klassischen Oper, der ein Abonnentenpublikum nach der Premiere entgegenjubelt.

Eine Handlung verfolgt Bieito nicht einmal rudimentär. Lenz’ Freund Kaufmann, Raphael Wittmer mit kristallklarem Tenor, löst sich als Figur nur momentweise aus dem Kollektiv. Die hochinteressante Gestalt des Pfarrers Oberlin – des Mannes, auf dessen Aufzeichnungen Georg Büchners Erzählung „Lenz“ beruhte, die wiederum die Oper anregte – hat bei Patrick Zielke einen ruhigen, angenehmen Bass, ist aber eine selbst zunehmend verstörte Figur.

Mit Steinen beschwert

Eigenartiger Dreh: Während es für Lenz böse beginnt – stark bebildert Bieito den Todeswunsch, wenn Goltz sich etwa mit Steinen beschwert, als wolle er notfalls ohne Wasser untergehen –, so ist er doch der einzige, der diesen Ort aus eigener Kraft verlässt. Zwischenzeitlich hat er sich unter das Podest gezwängt, wo sich eine Art Predella auftut. Hier verbirgt sich zum Schluss nun Oberlin, als wäre Lenzens Unglück ansteckend – oder nicht das einzige Problem.

Das Bild versinkt am Ende wieder unendlich langsam in der Dunkelheit, wie die Musik verschwindet. Was auch immer es ist – der Tod, der Wahnsinn –, liegt tatsächlich gottloser Trost im Verdämmern, Verschwinden.

Nationaltheater Mannheim: 22. Dezember, 30. Januar. www.nationaltheater-mannheim.de

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