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Sängerin Drifa Hansen im Berliner Ensemble in Berlin.

Berliner Ensemble

"Caligula" eröffnet Reeses Intendanz

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Ein Anfang, der Steigerungsmöglichkeiten lässt: Albert Camus? "Caligula" eröffnet die Intendanz von Oliver Reese am Berliner Ensemble.

Alles ist neu am Berliner Ensemble. Nach 18 Jahren nahm in der letzten Saison der von den Seinen und den Fernen für unzweifelhafte Großkunst bewunderte Regisseur Claus Peymann (80 Jahre) seinen wohlverdienten gleichwohl kränkenden Abschied von der Hauptstadt. An diesem Donnerstag übernahm nun einer den Thron, der sich selbst verdächtig bescheiden als Manager bezeichnet, auch wenn er – wie er sagt, im Zweitberuf – Regie führt: gern bei eigenhändig für die Bühne adaptierten Romanen, zunehmend aber bei Stücken des gehobenen Boulevards wie von Tracy Lett oder Yasmina Reza. Zur Eröffnung schickt er erst einmal andere vor.

Das honorige Premierenpublikum – Herrschaften aus Kunst, Gesellschaft und Politik – feierte laut Twittermeldungen bis tief in den Morgen. Ein Ereignis, bei dem das Eigentliche ein bisschen zu kurz kommt. Wir kommen darauf zurück.

Bis zur letzten Spielzeit leitete Oliver Reese das Schauspiel Frankfurt, in Berlin wirkte er als Chefdramaturg unter dem Intendanten Bernd Wilms: von 1994 bis 2001 am Maxim-Gorki-Theater danach am Deutschen. Die DT-Spielzeit nach Wilms’ Weggang und vor Ulrich Khuons Antritt, 2008/09, überbrückte Reese als Interimsintendant. Man kann sagen, dass er die von der Wende in Existenz- und Identitätskrisen gestürzten Theater in funktionstüchtige Betriebe verwandelt hat – was selbstverständlich auch mit Schmerzen und Verlusten einherging. Peymann übrigens leistete dem BE einen ähnlichen Dienst, führte das Haus aber künstlerisch in eine Sackgasse.

Austausch und Umbau

Mindestens ein Jahr lang wurde diese Spielzeit vorbereitet und ein dreißigköpfiges Ensemble zusammengestellt. Nicht nur Schauspieler und Dramaturgen wurden ausgetauscht, auch Umbauten am Haus sind im Gange, die Fenster des Erfrischungssaals zum Bertolt-Brecht-Platz sind freigelegt, die Probebühne wird zur Spielstätte veredelt. Überall leuchten neue Schilder, die Stadt ist zuplakatiert und die Kanäle der sozialen Medien – in die sich das BE zuvor nie getraut hatte – wurden unter vorfreudige Zwangsgutelaune gesetzt.

Wem das zu viel des Neuen und Perfekten ist, der rufe noch schnell die BE-Theaterkasse an. Hier hat die Umstellung noch nicht stattgefunden, und am anderen Ende der Leitung meldet sich Hermann Beil, Peymanns Chefdramaturg, Vorleser und Oberkonditor: „Berliner Ensemble. Theaterkasse. Guten Tag.“, spricht er mit frisch aufgerührter Buttercreme in der Stimme. „Wir freuen uns über Ihren Anruf. Im Augenblick ist das Interesse an den Aufführungen des Berliner Ensembles besonders groß...“ Wenn in scheintot weiteramtierenden Warteschleifen von vergangenen Augenblicken die Rede ist – wessen Auge wird da nicht feucht? Es ist aber keine Absicht, sondern soll sich um ein Telefonanbieterproblem handeln, das bald behoben ist. Hier stoßen beruhigenderweise auch die bestbezahlten Sprechtheatermanager des Landes an ihre Grenzen.

In der ersten von drei Eröffnungsinszenierungen – Albert Camus‘ „Caligula“, eingerichtet von Antú Romero Nunes – empfiehlt sich ein Auftritt von Constanze Becker in der Titelrolle für die Neubespielung der Warteschleife. Sie drückt mit spürbarer Mühe ihre Stimme auf Marlene-Dietrich-Tiefe und singt: „Wenn ich mir was wünschen dürfte“. Glück allein darf es bekanntlich sein. Mag der eine oder andere sich mit einer Theaterkarte zufrieden geben, Caligula wünscht sich den Mond. Ein Symbol für das Unerreichbare. Der Sklave Helicon (Aljoscha Stadelmann) weiß, was er zu tun hat, wenn sein Herr das Unmögliche verlangt: sein Möglichstes.

Bildstark und selbstreflexiv

Nunes tut es ihm gleich. Die Erwartungen können ohnehin nicht erfüllt werden, man tut also, was man kann. Leider vermag er eher wenig anzufangen mit dem Stück, das der junge Camus unter dem Eindruck von Hitler schrieb und das heute den Ansprüchen des von Oliver Reese gelobten und zum Programm ausgerufenen figuren- und handlungsbetonten Well-Made-Plays eher nicht genügt. Die Dialoge bestehen aus wortspiel- und widerspruchsreichen philosophischen Thesen und Aphorismen zu den Themen Ethik, Macht, Absurdität, Logik und Nihilismus. Nunes macht ein bildstarkes, geschickt selbstreflexives Clownsspiel daraus, das wegen der entstellenden Schminke und der Kostüme von Victoria Behr auch ein wenig an Herbert Fritsch erinnert.

Die Hauptfigur Caligula, tyrannischer Kaiser zu Rom und in seiner Allmacht doch nur ein Versuchskaninchen des Autors, verdirbt in seinem Amt jedes Spiel, indem er die Regeln immer neu seiner Willkür anpasst. Bevor die Nebenfiguren – Dichter, Beamte, Bürger – verstanden haben, worauf es hinausläuft, hat er ihnen schon das Stichwort und ihr Todesurteil aus der Nase gezogen – abgemurkst wird immerhin mit schön viel Kunstblut. Das Nichts – das die Clowns in einem hoffnungsvoll stimmenden komischen Slapstick zu Beginn des Abends überall suchen – gähnt einen dann doch ziemlich schnell an mit Nebel, Licht, Donnergedröhn und Wind.

Caligula hantiert darin sehr bedeutungsvoll und ironisch blickend mal mit einer Kettensäge, mal mit einer Blockflöte und wie ein Teufel in der Hölle an einer Orgel, deren güldene Pfeifen den Bühnenraum füllen. Einmal schwebt die Sopranistin Drífa Hansen mit gelbem Haar und Tüllröckchen am Kreuz herein und singt eine christlich-todessehnsüchtige Bach-Arie. Das Seil aber, an dem der Sklave den gefangenen Mond zum Kaiser herunterschleppt, entgleitet sofort dessen Händen.

Das kann alles bedeuten, aber darf noch nicht alles gewesen sein. Insofern vielleicht doch ein guter Anfang für Reese am BE.

Berliner Ensemble: 29. Sept., 1., 2., 10. Oktober. www.berliner-ensemble.de

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