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„Burt Turrido“ vom Nature Theatre of Oklahoma: Wenn wir dann alle nur noch Gespenster sind

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Von: Sylvia Staude

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Drama, Baby: Bob hat Joseph erschossen, den Karen doch liebt. Burt Turrido kümmert das meiste nicht.
Drama, Baby: Bob hat Joseph erschossen, den Karen doch liebt. Burt Turrido kümmert das meiste nicht. Foto: Jessica Schäfer © Jessica Schäfer

Endzeitgeschichte, aber vor allem Country-Opern-Spaß: „Burt Turrido“ vom Nature Theatre of Oklahoma. Von Sylvia Staude

Gehört die Klangcollage wie aus der Radio-Sendersuche – nur noch nerviger – etwa schon dazu, als eine Art Ouverture? Mit dem „Politik im freien Theater“-Leporello flüchtet man nach einer Weile aus dem düsteren Bockenheimer Depot wieder in den angenehmen Herbstabend, liest im Abendsonnenlicht nach: Es handelt sich um die Performance/Kunstaktion „that there then, not now here past“, die die Verantwortlichen des Festivals unglücklicherweise unmittelbar vor den vier Stunden von „Burt Turrido. An Opera“ ins Programm eingereiht haben.

Der beliebig wirkende Lärmteppich aus Satzfetzen, Geknurpsel, Rauschen, Rückkoppelungen aber könnte dem großen Abschlussereignis des Festivals „Politik im freien Theater“ nicht ferner stehen: Bei „Burt Turrido“ steckt erstmal alles in einer netten, harmlosen, penibel durchgeführten Form. Kein Text, der nicht gesungen wird, so dass die Zuschauerin sich anschließend auf der Straße wundert, dass nicht auch die Passanten singen. Kein Schritt und keine Geste, die nicht choreografiert sind.

Kelly Copper und Pavol Liška, Regisseursduo des Nature Theatre of Oklahoma, mögen ihr Theater bunt und sehr offensichtlich theaterig, stilisiert bis in die Zehenspitzen und trotzdem spaßig. „Burt Turrido“, das die beiden gerade zu erarbeiten begonnen hatten, als die Pandemie ausbrach, entstand, so Kelly Copper, in einer „Lockdown-Echokammer“. Ernste Themen wie Klimawandel und Plastikmüll fanden ihren Weg in das Stück, aber auch die Opern-Evergreens Liebe und Eifersucht. Dies alles gefasst in mal muntere, mal melancholische Country-Musik von vertrauter und eher schlichter als komplexer Art (Musik: Robert M. Johanson, der auch Bob ist).

Vertraut das Banjo-Gehüpfe und Gitarren-Gezupfe, die wehmütig sich einmischende Mundharmonika. Zweimal klingt in Liebeskummerszenen „You Are My Sunshine“ an. Die Choreografie dazu (Copper & Liška?) ist dem Repertoire des Western- und Line-Dance entnommen. Die Kostüme von Anna Sünkel mischen Cowboy-Stiefel und -Hut mit Hawaiihemd, heißem Jeanshöschen, zartem Abendballkleid. Und für die Gespenster natürlich den im Fasching beliebten Bettlaken-mit-Augenlöchern-Schick.

Gespenster? Es wird eine zwar wilde (Geister! Ufos! Unbefleckte Empfängnis!), aber durchaus eine Geschichte erzählt in „Burt Turrido“. In 14 Szenen und einem Epilog, englisch gesungen und auch deutsch übertitelt, spielt sie in „Banana Kingdom“ (vorher Grönland, vorher Bananaland – es gab also nicht nur den Klimawandel, sondern auch eine royale Machtübernahme).

Queen Karen und King Bob, Anne Gridley und Johanson, herrschen dort aber über niemanden mehr außer den im Loch steckenden Joseph, Benze Mezei. Just hat aber Meeresgeist Emily, Kadence Neill, einen geheimnisvollen Mann vor dem Ertrinken gerettet, der vorgibt, sich an nichts erinnern zu können. King Bob gibt ihm also einfach einen Namen – den Queen Karen albern findet, aber sei’s drum: Burt Turrido. Gabel Eiben gibt den bärtigen Wald- und Westernschrat, der sich später als Weltraumschrat entpuppt. Fünf Leute, die singen, tanzen, die Bühne außerdem selbst umbauen, das ist die vollständige Besetzung der Oper, da kann man nur sagen: Stetson ab.

Nun hat aber Burt Emily versprochen, ihr sein Herz zu schenken und jede Nacht zu ihr zu kommen. Und bricht das Versprechen. Nun ist aber Karen heimlich verliebt in Joseph und ihr Mann krass eifersüchtig. Nun ist aber Joseph der mörderische Mann von Emily, hat er sie doch einst vom Flüchtlingsboot ins Wasser geschubst, da er eine Schwäche für Karen hatte. Und noch hat, wie Bob mutmaßt?

In den (mit Pause) vier Stunden stehen die Liebesverwicklungen eindeutig im Vordergrund, wenn man ihren Anteil am Text nimmt. Dies aber vor Endzeit-Prospekten, die verbrannte Baumskelette oder einen vermüllten Strand zeigen. Das Meer trägt zwar zwei hübsche, bewegte Wellenkämme, doch ist es so voll toxischem Müll, dass Bob einen Deal mit Emily eingeht: Er liefert ihr Burt Turrido, sie ihm einen Fisch, damit Karen nicht verhungert. Mitleidlos lässt sie den seltsamen jungen Mann ertrinken. Denn hat sie überhaupt ein Herz? Nein, sie ist Hurricane Emily.

Gar nicht schreckliche Donnerschläge und hübsche silbrige Fahnen stellen das Unwetter dar. Und die Toten sind gar nicht tot oder werden umgehend zu putzigen, sich selbstverständlich im Rhythmus wiegenden Slapstick-Geistern. „Burt Turrido. An Opera“ vom Nature Theatre of Oklahoma ist also kein dunkler, kein tragischer Abend. Seine putzige, ein wenig satirische, auch über die lange Strecke noch unterhaltsame Form, sein Spiel mit dem Theaterspiel und einer altmodischen Theatermaschinerie triumphiert am Ende über den Hintergrund von Klimakatastrophe und Aussterben der Menschheit.

„Ich dachte, das hier wäre eine Tragödie, aber jetzt merke ich, dass es eine Farce ist“, wird gleichsam zum Leitsatz des Abends. Kelly Copper und Pavol Liška fügen dem Opernende – alle sind gemeuchelt oder anders gestorben – zudem einen Epilog an, in dem ein fröhlich krähendes Baby (Karens und Burts Kind) auf dem Rücken eines Narwals durch die Wellen reitet. Der Epilog setzt dem Stück eine hübsche, aber es doch nochmal harmloser machende Schaumkrone auf.

Bockenheimer Depot , Frankfurt: 10., 12., 14.-16., 19., 21., 22. Oktober. www.schauspielfrankfurt.de

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