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Steffen Weixler als verhinderter Romeo.

Theater

Die Nerche war’s

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Mit den Bad Vilbeler Burgfestspielen in der „Pension Schöller“.

Je verrückter einem die Welt gerade vorkommt, desto besser entfaltet sich die Konstruktion der „Pension Schöller“, einem Evergreen von Wilhelm Jacoby und Carl Laufs aus dem Jahr 1890. Das bedeutet also, dass sich die Konstruktion der „Pension Schöller“ praktisch immer hervorragend entfaltet, und zwar ist sie selbstentfaltend. Aber es macht noch mehr Spaß, wenn die Schauspielerinnen und Schauspieler die Kunst des Überkandidelns verstehen. So ist es nun zur Eröffnung der Bad Vilbeler Burgfestspiele gewesen, voll und ganz.

Die Geschichte basiert auf der heutzutage blödsinnigen Idee, dass ein wohlhabendes Landei auf Berlinreise die Insassen einer psychiatrischen Heilanstalt live erleben will und ausgerechnet diese Schnapsidee als Gegenleistung für eine Geldgabe an den Herrn Neffen, einen mittellosen Entrepreneur in spe, umgesetzt sehen will.

Möglich wird dies, weil die Insassen, das heißt also Gäste der Titelheldin so seltsam sind, dass sie problemlos als Irre durchgehen. Andererseits wird einem beim Zuschauen und Lachen immer klarer, dass jeder Mensch ebensogut verrückt sein könnte, nein, dass jeder Mensch verrückt ist. Und ein Gaffer eh.

Im vorliegenden Fall wird nun eine überspannte Schriftstellerin vorgeführt – die Komödienwelt des 19. Jahrhunderts ist bevölkert von überspannten Schriftstellerinnen, allerdings gelingt es Anette Daugardt, ihrer Überspanntheit eine professionelle Note zu geben. Man glaubt der Frau Zillerthal, dass ihre Bücher Absatz finden. Ein Major a. D. wird vorgeführt, kompakt und explosiv gespielt von Andreas Krämer. Der Major a. D. ist nicht durch den Krieg, aber durch die schlechte Behandlung danach traumatisiert, nein, 1890 ist er lediglich verschroben.

Auch ein Abenteuerreisender wird vorgeführt, der nicht maximal zwischen Wahrheit und Fiktion unterscheidet, smart gespielt von John Wesley Zielmann. Und schließlich wird jener verhinderte Schauspieler vorgeführt, dem bei einer Blamage das „l“ verloren ging. „Nasst mich den Nöwen auch noch spienen.“ Beruflich hat das keine Zukunft. Trotzdem stellt der wie knochenlos hinfließende, der sich kringelnde, der konvulsivisch in die nächste Szene sich werfende, der dabei trotzdem umwerfend scheue Steffen Weixler den Knaller des Abends dar.

Da auch Pensionschef Ludwig Schöller, Peter Albers, einen feinen Zug ins Irre hat, lässt sich nachvollziehen, warum Herr Klapproth aus Kyritz an der Knatter den Quatsch glaubt. Volker Weidlich zeigt, wie ein jovialer Provinzler den Boden unter den Füßen verliert. Vor der Pause endet er in der hellen Aufregung einer Barockarie (bei der man unter den Stuhl fallen kann vor Lachen), nach der Pause versucht er in Kyritz wieder auf den Teppich zu kommen. Nun stehen aber die Verrückten, steht die Welt, wie sie eben ist (verrückt), vor der Haustür.

In Bad Vilbel funktioniert das umstandslos, die Bühne von Kathrin Kegler zeigt auf Prospekten wildes Großstadtpersonal, mehr 1920er als 1890er Jahre, mit Hirschgeweihen wird das Ambiente nachher ländlich-sittlich. Hier ist Klapproths Schwester, Britta Hübel, bereit für Abenteuer. Da sind sie schon. Außer Klapproth wirken jetzt alle vernünftig. Auch die jungen Leutchen finden ihr Glück – Sebastian Zumpe als Neffe Alfred, Matthias Eberle als Kellner Hans, von der Laune her eindeutig ein Frankfurter, sowie die fesche Franziska, Anna Staab.

Dabei ist „Pension Schöller“ kein jugendliches Stück, und unter der erfrischend grundalbernen Regie von Adelheid Müther tut auch niemand so. Vor dreißig Jahren kam es einem bescheuert vor, so dumm wie es Alfred, Hans und Franziska erscheint. Heute erzählt es von Verblödungen, Pannen und Träumen des Lebens. Und wenn es nur der Traum ist, dass man zu Hause was zu erzählen hätte.

Burgfestspiele Bad Vilbel:Termine bis 25. August. www.kultur-bad-vilbel.de/burgfestspiele/

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