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Hinten Dorimene, vorne der Bürger als Edelmann.

Theater

Einen Jux wollen sie sich machen

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„Der Bürger als Edelmann“ und „Ariadne“ in Darmstadt.

Das Ringen um die zunächst erfolglose Oper „Ariadne auf Naxos“ war hart. Es dauerte, bis Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal sich darin einig waren, das ursprünglich vorgeschaltete Sprechstück „Der Bürger als Edelmann“ von Molière wegzulassen und stattdessen die rasend überzeugende durchkomponierte Neufassung zu entwickeln, die vier Jahre später, 1916, herauskam. Das Scheitern zweier Künstler, die man tadellos als genial bezeichnen kann, und ihre Einsicht in das Scheitern sind eine schwere Hypothek für die gelegentlichen Versuche, die erste Variante zu vitalisieren (zum 100. der Urfassung 2012 bei den Salzburger Festspielen zum Beispiel). Theoretisch ist die Idee auch reizvoll, diese Kombination von Sprech- und Musiktheater, von der später allein der schnöselige Haushofmeister übrig blieb.

Selbst dass das Projekt am Staatstheater Darmstadt jetzt in besonderem Ausmaß missglückt ist, will man sofort wieder mit bestimmten Fehlentscheidungen erklären: Mit dem wie unüberprüft vor sich hinplätschernden Klamauk im an Molière angelehnten ersten Teil, dazu noch mit eigens hinzugefügten peinlich schwachen Gesangsnummern. Mit der unseligen Späßchenmacherei auch im zweiten Teil, der eigentlichen „Ariadne auf Naxos“-Aufführung mit den „Die ungetreue Zerbinetta“-Einsprengseln. In Darmstadt werden aus Ariadne und Bacchus ziemlich dumme Opernwitzfiguren, die Inszenierung wirft sich damit irritierend auf die Seite des Tanzmeisters und der Commedia dell’Arte. Hier erledigt sich der dramaturgische Coup Strauss’ und Hofmannsthals, dass sich die erhabene Liebe zwar in der komödiantischen spiegelt und dass beide auf haargenau dasselbe hinauslaufen – „als ein Gott kam jeheder gegangen“ –, dass sie aber für sich genommen jeweils ausreichend perfekt wirken. Während ständig etwas Lustiges passiert – Fischlein springen, das Markenkreuzfahrtschiff näher kommt (an Bord: Bacchus), die Schauspieler weiter herumkaspern oder der Bacchus-Sänger aus der Rolle fällt, um mit Auftraggeber Jourdain zu kommunizieren –, wird die Ariadne-Musik tatsächlich total verraten. Sie wird das, was von Opern gelangweilte Menschen in ihr sehen: starr und langatmig, wie die Beziehungen Harlekins zu Zerbinetta bedarf sie also dringend einer Belebung.

Dass dann auch noch scherzhaft dazwischengeredet wird, und das Schauspielfinale bereits in die Schlusstöne von Strauss’ unendlicher Melodie hinein startet, ist zwar ein Ding, aber an dieser Stelle bloß noch konsequent. Dass Regisseur Christian Weise all das gewiss nicht beabsichtigt hat – eher steht wohl lediglich der Wunsch im Raum, auch diesen Teil im Zuge des Gesamtprojektes aufzupeppen –, macht es ideell besser, faktisch nicht.

Zuerst also die Fassade des Hauses Jourdain, eines von mehreren schmucken zweidimensionalen Kulissenbildern der liebevollen Bühnenausstattung von Jana Wassong. Man spürt hier noch, dass das Theatermachen selbst Thema sein soll. Kulissen wie diese sind schwer zu betreten und zu verlassen, eine Bühne ist immer ein seltsamer Ort optischer Täuschungen und Illusionen. Die Kostüme von Amit Epstein zeigen eine Schar greller Komödianten, wobei sich vor allem der Hausherr Jourdain selbst nach Kräften der Lächerlichkeit preisgibt. Johann Jürgens spielt ihn hingebungsvoll. Um ihn herum wird ebenfalls gerackert, werden Dialekte ausgepackt, wird, wie man so sagt, dem Affen Zucker gegeben. Interessant aber, dass sich das Publikum nicht gerade kringelt. Dabei ist auch kein Grund zur Beunruhigung. Hinter der teils dollen Herumalberei tut sich nichts auf, das Aufmerksamkeit erregt. Alles scheint sich von Moment zu Moment zu hangeln.

Über Monsieur Jourdains Tochter und ihren zarten Beau, Winnie Böwe und Tobias Schormann, kichert man wie beim Festival „Barock am Main“. Die dramaturgischen Haupteinfälle zur Verzahnung der Teile aber bringen hier noch nichts. Nachher in der Oper – im Wüste-Insel-Dekor – bringen sie allerdings auch nichts: Der adlige Schmarotzer Dorante und Dorimene, auf die auch Jourdain ein Auge geworfen hat, sind in Darmstadt zugleich Bacchus und Ariadne. Zerbinetta ist Jourdains verärgerte Gattin. Man nimmt es wahr, aber es ändert nichts, aber es hätte etwas ändern können. Hier entsteht zumindest eine Vorstellung davon, was die Darmstädter vorhatten.

Musikalisch ist gegen Jens Dohles Jazztrio im ersten Teil nichts zu sagen. Genremix: nur zu. Seine kleinen unverbindlichen Lieder führen hingegen, wie gesagt, früh ins Abseits. Im zweiten Teil geht die von Hartmut Keil angeleitete Orchestermusik weitgehend im unvermindert fortgesetzten Ulk unter. Aki Hashimoto, das gelingt vorzüglich, serviert Zerbinettas Koloraturen eisgekühlt, wie es einer genervten Ehefrau ansteht. Katrin Gerstenberger bietet eine große, aber etwas instabil und dadurch etwas grob wirkende Ariadne-Stimme. Chris Lysack müht sich mit der brutal anstrengenden Partie des Bacchus ab. Fast zwei Stunden hat man darauf nun gewartet, Ariadne und Bacchus hätten es rausreißen müssen. Das gibt dem Abend den Rest, und er ist noch nicht vorbei.

Staatstheater Darmstadt:9., 19. Mai, 1., 21. Juni. www.staatstheater-darmstadt.de

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