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Licht, Dunkel und eine Dose.

Residenztheater München

Die Büchse der Elektra

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Ulrich Rasche setzt Hugo von Hofmannsthals Tragödie (frei nach Sophokles) im Münchner Residenztheater in pausenlose Bewegung.

Die Büchse der Pandora wurde nur einmal geöffnet. Das reichte. Seitdem ist es nicht mehr so wirklich gemütlich auf Erden. Die schöne Pandora war von besonderer Herkunft: von Hephaistos aus Lehm geschaffen. Damit entging sie weitgehend dem gerade in der griechischen Mythologie nicht seltenen Familienstress. Bei Elektra ist das anders. In ihrer Familie geht es zu: Ihr Vater Agamemnon opfert ihre Schwester Iphigenie, ihre Mutter Klytämnestra tötet zusammen mit Aighistos dann Agamemnon. Elektra gibt sich voll und ganz einem Racheprozess hin, die Vatermörder müssen weg.

Den unschönen, zeitlosen Folgewirkungen des „Elektra-Komplexes“ (wie C.G. Jung 1913 die überschäumende Vaterliebe nannte) spürt nun Ulrich Rasche nach. Er hat sich für „Elektra“ eine Büchse ausgedacht. Eine sehr große Büchse. In der gut zweistündigen Inszenierung des Stückes von Hugo von Hofmannsthal nutzt er die enorme Höhe und Tiefe des Münchner Residenztheaters voll aus: mit einem von Paul Demmelhuber konstruierten Theatermaschinen-Objekt, einem gigantischen, dabei sehr beweglichen Lochblech-Zylinder. Ein martialischer Endzeit-Rundturm.

Das Anfangsbild gehört diesem noch geschlossenen Riesen-Käfig, fast erwartet man erbitterte Hundekämpfe oder wenigstens lebensmüde Motorrad-Steilwandfahrer. Da öffnet sich der Zylinder und auf dem inneren Kern, einer sich gegen den Uhrzeigersinn drehenden (und sich immer wieder neigenden) Metallscheibe auf mehreren Metern Höhe erscheint der Chor. Der Rhythmus der stetig vorandrängenden Geigen-Bass-Musik (2 Violinen, 1 Cello, Schlagwerk und E-Bass im fast melodielosen, dennoch poetischen, eher perkussiven Unisono-Sound) dient als solides Sprachgeländer für den Antiken-Rap. Die angeseilten Spieler folgen in ihren Bewegungen und den Worten dem Sound der Rache.

Weiter teilt, verschiebt, öffnet sich die Büchse und gibt Elektra frei. Kein altmodischer Racheengel, kein neumodischer Alita Battle Angel und keine Lara Croft: Katja Bürkle, als hätte sie Klebstoff unter ihren schwarzen Sohlen, tigert und schreitet als kraftvoller Leichnam über die abschüssige Scheibe, von Gram verzehrt und sabbernd, geduldig dem Ende entgegen. Mit jedem Schritt in dieser dynamischen, erbarmungslosen Stahl-Landschaft, ob allein oder wahlweise im Dialog mit ihrer Schwester Chrysothemis (Lilith Häßle) oder ihrer Mutter Klytämnestra (Juliane Köhler) ergeben sich neue Spiel-Räume auf der Bühne – und bei den Betrachtern: Das ist eines der Wahrnehmungswunder an diesem fesselnden, rauschhaften Abend mit seinem fantastischen Ensemble.

Jeder Spieler ist dem anderen ausgeliefert, mal synchronisieren sich ihre Bewegungen langsam, mal laufen sie gegeneinander, was die von Anfang an gesetzte Spannung hoch hält. Angekettet und gefangen in dieser Drehmühle der Verzweiflung ist ein Fortschreiten aussichtslos, ebenso wie der Stillstand: Hofmannsthal hat den Tod Elektras ja in die von ihm benutzte Vorlage des Sophokles hineingeschrieben. Hat daraus eine Tragödie über das Vergangene im Jetzt, über die Treue zu anderen und zu sich selbst konstruiert.

Nicht die reine Rache hat am Ende gesiegt, Elektras schon lange währender Sterbeprozess kommt zum Abschluss. Rasche, Liebhaber des streng formatierten Settings, macht auch in diesem Werk keine halben Sachen: Nicht nur das manchmal so wunderschön knarzende Bühnenmonster setzt Grenzen, auch das stark reduzierte schwarz-weiße Bildprogramm (Dunkelheit, Licht, Gegenlicht, starke Schatten; auch die spartanischen, unfarbig hellen und dunklen, sehr zeitgemäßen Kostüme von Romy Springsguth) fokussiert mit seiner Mischung von Minimalismus und Monumentalität im Gestus auf das, worum es geht: Nicht um das Faktische – den Mord an der Mutter symbolisiert nur ein rot-oranger Lichtnebel. Auch nicht um eine vordergründige Seelenanalyse der Akteure. Als ob die Kühle der Form langsam, aber stetig mahlend Räume aufschließen würde, tauchen Fragen auf. Wenn man sich opfert und damit aufgibt, findet man sich dann auch? Wann zerfällt die Persönlichkeit? Gehört Rache zur conditio humana sine qua non?

Die weibliche Konfiguration von Rasches dominanter (nicht selten männlichkeitsbetonter) Ästhetik überzeugt: Die komplexe Mutter-Tochter-Schwester-Beziehung spielen Köhler, Häßle und Bürkle fern jeglicher Larmoyanz. Sie zelebrieren weder Untat noch Leid. Sie sind Getriebene, Geschlagene, selbst Täterinnen – und dabei, in their darkest hour vor Kraft noch strotzend, ganz bei sich. Mag die Büchse der Elektra zu bleiben oder noch mal aufgehen: Die Hoffnung stirbt.

Residenztheater, München: 23., 24. Februar, 3., 4., 30., 31. März. www.residenztheater.de

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