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Ein Musical ohne Liebe? Aber nein: Producer Leo mit der schönen Ssswedin.

Mel Brooks

Mel Brooks’ „The Producers“: Jeder Bazi woa a Nazi

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Mel Brooks’ fabelhaft ungeniertes Musical „The Producers“, opulent und fidel inszeniert im Staatstheater Mainz.

Warum ging das nicht schief?“ ist auf der Bühne eine der zentralen Fragen des Abends; aber das Mainzer Staatstheater wird sie sich nicht ernsthaft gestellt, sondern wohl zu Recht vermutet haben, dass seine opulente, quietschfidele Inszenierung des Mel-Brooks-Musicals „The Producers“ das Publikum strömen lassen könnte. Schon hört man es in der Pause spekulieren, dass man sicher „schnell sein“ müsse, wenn man es erneut sehen wolle.

„The Producers“, deutscher Titel „Frühling für Hitler“, war 1967 eine überkandidelte, ungenierte, gleichsam aus Notwehr geschmacklose Filmkomödie, in der der Jude Mel Brooks (eigentlich Melvin Kaminsky) in einer fiktiven Broadway-Show einen homosexuellen Adolf Hitler singen und tanzen ließ. Die Show soll, so haben es die dem Original den Titel gebenden Produzenten vorgesehen, aus steuerlichen Gründen ein Riesenflop werden. Aber Kritiker und Zuschauer sind begeistert. Wie kann das nur sein, wie kann das denn trotz sorgfältiger Planung (grottenschlechtes Stück, mieser Regisseur, unfähige Darsteller) nicht der größte Misserfolg aller Zeiten werden?

Dass es im Mainzer Großen Haus mit der erst 2001 herausgebrachten Musical-Version ganz und gar nicht schief geht, das liegt umgekehrt daran, dass man es in der Regie Christian Breys drei Stunden lang an nichts fehlen lässt. Nicht an einer liebevollen New-York-Skyline (Bühne, Kostüme: Anette Hachmann), über der die Sterne funkeln und vor der nach Bedarf ein Loft aus dem Boden fährt. Nicht an reizenden kleinen Details, etwa einem Ausgleiten hinter der Produzentencouch als Running Gag. Auch nicht am satt-saftig-vergnügten Klang des Philharmonischen Staatsorchesters Mainz unter der Leitung Paul-Johannes Kirschners. Und schon gar nicht an Darstellern, die ganz herrlich chargieren, die fabelhaft dick auftragen, weil sie wissen, dass der Blödsinn hier blühen muss.

Film „The Producers“ war in Deutschland zunächst verboten

Während Mel Brooks in den USA gleich einen Oscar erhielt für sein Drehbuch zu „The Producers“, war der Film in Deutschland zunächst verboten (wegen der öffentlichen Verbreitung nationalsozialistischer Symbole, wenn auch in satirischer Absicht), wurde dann, 1976, zum Teil zensiert, überhaupt aber anfangs ohne viel Enthusiasmus aufgenommen. In Mainz wird jetzt eine aktuelle Anspielung auf Alexander Gaulands „Vogelschiss“-Entgleisung mit Szenenapplaus honoriert; aber man meint doch auch, dass manches Lachen angesichts einer Heil-Hitler-Gleichschritt-Chorusline und eines „Siegfried-Eids“ ein bisschen verlegen klingt. Und warum auch nicht, man darf sich hierzulande schon noch unangenehm angesprochen fühlen.

Aber die Staatstheaterleute kennen kein Halten, sie machen sich mit Hilfe von Mel Brooks’ diversen Fiesheiten und Schonungslosigkeiten auch lustig über Moden im Regietheater – wenn es das interaktive Theater gibt, warum nicht auch das inaktive? Über die Sehnsucht nach Ablenkung – „mach es sonnig, mach es wonnig“. Über Buchprüfer, zartbesaitete junge Männer, abgebrühte ältere Männer, kleine alte reiche Damen, über Franz Kafka („gar nicht mal schlecht“) und blonde Schwedinnen, die mit reizender Schnute ihren „Büsen“ besingen: „Zeig die Hütte und das Holz“. Die deutschen Texte von Nina Schneider scheuen keinen groben Spaß und keinen gut abgehangenen Reim, das gehört sich so, wenn man Mel Brooks übersetzt und zum Beispiel geschmettert werden muss: „Jeder Bazi woa a Nazi“.

Apropos schmettern: bei obiger Zeile ist es Henner Momann als Franz Liebkind, ein Lederhosen-Bayer und Altnazi in New York. Über ihr Holz vor der Hütte singt „sssarmant“ Maike Elena Schmidt als schwedische Schöne bzw. ssswedise Sssöne. Dirk Weiler hat einen eindrucksvollen Auftritt als Chrysler-Gebäude, äh, gern glitzernder Regisseur Roger De Bris, der in der Maske selbst zu einem schmissigen Hitler wird, da sich sein Darsteller Liebkind das Bein bricht. An Weilers Seite Dennis Herrmann als „Lebensabschnittsassistent“ mit dem Namen Carmen Ghia. (Auch an Anspielungen und Mini-Scherzen ist „The Producers“ reich.)

Im eigenen Schauspiel-Ensemble hat man in Mainz Vincent Doddema als grandiose Besetzung für den Buchprüfer-der-so-gern-Produzent-sein-will Leo Bloom gefunden: „Du kannst ja singen“, ruft der alte Broadway-Hase Max Bialystock, Michael Kamp als Gast, erstaunt – der es seinerseits freilich auch kann und das mehr als respektabel. Beide sind sie das starke Zentrum eines durchweg munteren Ensembles. Beide sind sie elastisch und athletisch, albern und gleichzeitig punktgenau. Man weiß in Mainz auch, dass man gerade beim Spaß nicht schlampern darf.

Staatstheater Mainz: 30. September, 11., 13., 15., 22. Oktober. www.staatstheater-mainz.com

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