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Die Elfen, gehorsame Bübchen, die die Hände auf dem Rücken halten und auf Ordre warten. Und Puck kann halt einfach fliegen. 

Deutsche Oper Berlin

Britten in Berlin: Die Natur ist keine Künstlerin

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Ted Huffman und Donald Runnicles lassen sich an der Deutschen Oper Berlin tiefgreifend auf Brittens „A Midsummer Night’s Dream“ ein.

In seinem Buch über Benjamin Britten zitiert Norbert Abels die Wendung des Komponisten, an den Elfen in Shakespeares „Sommernachtstraum“ habe ihn immer eine gewisse „Schärfe“ interessiert. Abels spricht von der „Amoralität“ dieser Schärfe, die erst in der Kollision mit der „moraldurchsetzten“ Menschenwelt sichtbar werde und die im deutlichen Kontrast stehe zu den „niedlichen Blumenkindern“ aus Mendelssohn Bartholdys Bühnenmusik (die Britten gleichwohl schätzte und beim Konzipieren und Instrumentalisieren im Blick hatte).

Für diese sonderbare, scheinbar eigenwillige, eigentlich aber bloß sehr königinnentreue Schar, der das Unbehagliche der totalen Sorglosigkeit anhaftet, findet der amerikanische Regisseur Ted Huffman nun ein prägendes Bild: Der riesige Kinderchor der Deutschen Oper Berlin (geleitet von Christian Lindhorst) trägt graue Anzüge mit Frackjacken und kurzen Brave-Schüler-Hosen, dazu seitengescheiteltes, gestriegeltes, durch Plastikelemente besonders glänzendes Haar (Kostüme: Annemarie Woods): Stille Bübchen, die die Hände auf dem Rücken halten und gehorsam und, wie man sagen muss, eiskalt auf Ordre warten. Gehorsam: Das ist schon so ein Wort aus der Menschenwelt. Sie sind einfach, wie sie sind. Eine Elfenarmee. Sie tanzen auch, wenn die Königin es will – dass Choreografien (hier von Sam Pinkleton) bei Huffman eine konstruktive Rolle spielen können, zeigte schon sein Deutschlanddebüt mit „Rinaldo“ in Frankfurt, 2017. Dazu fabrizieren sie eine Elfenmusik, die in Berlin an Schärfe nicht zu wünschen übrig lässt.

Man versteht, was Norbert Abels mit den „knochenharten Holzblöcken“ meint, die hier zu schrillen Blockflöten und Triangeln eine markerschütternde Kindergespenstermusik produzieren. Diese Elfen lassen sich nicht in die Karten blicken. Die Natur, erzählt Huffman ziemlich originell, lässt sich nicht als romantische Projektion einzäunen, ihre Wildheit bestimmt sie selbst, und es ist nicht die Wildheit, die wir uns so vorstellen.

Auch Oberon und Tytania (so Brittens Schreibweise) tragen die grauen Anzüge, androgyne, nach Menschenempfinden temperamentlose Wesen: Siobhan Stagg und James Hall, ein Koloratursopran und ein Counter mit schöner Stimmkultur, aber zartem Volumen, was im sehr großen Theatersaal nicht ideal sein kann. Aber es ist auch eine ungewöhnliche Kombination, die die Elfenwelt zusammen mit den Kindern in hohe Sphären verschiebt. Komplett wird sie durch die Sprechrolle des Puck, Jami Reid-Qarrell, der vornehmlich von der Decke hängt. Dadurch kann er fliegen und kopfüber in der Luft laufen. Ästhetik und Sprödheit im Verein, denn mag Puck auch lustig den Zylinder lüpfen, auf Marsha Ginsbergs grauer Spielfläche wird daraus zu keinem Zeitpunkt eine Zirkusnummer.

Huffmans Inszenierung, als Koproduktion mit der Oper in Montpellier entstanden, fußt auf einer deutlichen Trennung der Sphären, wie auch Britten sie musikalisch vorsieht und Donald Runnicles sie mit dem nicht immer sängerfreundlichen, aber glänzend lebhaften und auf die voltenreiche Musik sich reaktionsfreudig einstellenden Orchester nachvollzieht. Alle drei bevorzugen jedoch raffinierte Mittel. Weder musikalisch noch optisch öffnet sich hier je ein großer romantischer Raum. Ins kalte Grau der menschenfreien Natur tapsen die Handwerker in zweckmäßigen Brauntönen und die entflohenen vier Liebenden (bei Britten ohne Intro in den Wald und die Verzweiflung geworfen) in Modefarben. Über die Paare lässt sich ohnehin nicht lachen, über die Handwerker hier eigentlich auch nicht. Arg prosaisch bekommt Bottom (Zettel), James Platt mit erfrischend mächtigem (sehr menschlichem) Bass zwischen all den Elfen, von Puck die nicht einmal puscheligen Eselsohren verpasst. Das Belcanto des asymmetrisch verliebten Quartetts, Karis Tucker, Jeanine De Bique, Gideon Poppe und Samuel Dale Johnson, verliert sich etwas im grauen Raum. Dass nicht nur die Elfenwelt, sondern auch Huffman einen eher verächtlichen Blick auf die Liebe – eine Geworfenheit, ein Problem, eine Manipulation – wirft, wird aber deutlich.

Vor der Pause nimmt das Spröde womöglich überhand, nach der Pause rundet sich aber vieles. Am Königshofe von Theben dominieren die Farbe Rot und der smarte Theseus, der seiner unfrohen Zwangsverlobten Hippolyta unterlegen scheint, aber das hilft ihr nichts. Padraic Rowan und Annika Schlicht singen jetzt das Königspaar, die dunkelstimmige Variante gegenüber den Elfen, die Britten auf Kosten der üblichen Menschen- und Feenherrscherverwebung wünscht. Da Huffman sich für etliche gern aufgenommene Angebote des facettenreichen Stückes – etwa das Komplexermachen der Beziehung zum „indischen Knaben“, der hier einfach ein kleines Kind ist, das wohl auch forthin mit den Elfen wird ziehen können – wenig interessiert, stört das nicht weiter.

Dafür treten jetzt die Handwerker auf. Offenkundiger noch als es beim Schmachten, Flehen und Jammern der Liebenden der Fall war, ist ihre hier zur großen Puppenschau aufgepeppelte Produktion große italienische Oper. Die bornierten Reaktionen der Frischvermählten sind umso unsympathischer und auch unempathischer. Tatsächlich entgeht ihnen, dass hier zum ersten Mal an diesem Abend ein paar Hanseln versuchen, wirklich etwas zu stemmen, Kunst zu machen, nachher auch zu tanzen. Die Kunstlosigkeit der Natur – und für die Natur ist das das Natürlichste auf der Welt, darum ist Puck kein Artist, er fliegt eben, weil er es kann – wird mit dem (rührenden, nicht übermäßig erfolgreichen) Versuch von Menschen kontrastiert, über sich hinauszuwachsen.

Als sich die drei Paare dem flotten Tanz der Handwerker, jetzt: Künstler anschließen, fällt Theseus im Vollsuff der Länge nach hin. Hippolyta hilft ihm auf. Das ist kein Akt erwachender Liebe, sondern der Anfang vom Sich-Abfinden.

Der nicht ganz zu überwindenden Schwierigkeit, mit einer schlanken Musik einen dafür zu großen Raum zu füllen, steht eine noch auf den dritten Blick und zwölf Stunden später immer interessantere Visualisierung gegenüber.

Deutsche Oper Berlin:29. Januar, 1., 6., 22. Februar. www.deutscheoperberlin.de

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