+
Kinder spielen alles, auch Dutroux? greisen Vater.

„Five Easy Pieces“

Brillante Schauspieler

  • schließen

Das Dutroux-Stück von Milo Rau, soeben von Kritikern zur Inszenierung des Jahres gewählt, ist jetzt doch zu Gast in Frankfurt. Der erste Anlauf wurde behördlich untersagt.

In seinem Kern verfolgt das Stück „Five Easy Pieces“ von Milo Rau die schlichte Idee, den Fall des belgischen Kindermörders Marc Dutroux mit Kindern und Jugendlichen auf dem Theater zu erzählen. Der Spur von Dutroux’ Biografie folgend entwickelt Rau eine Beziehung zur Kolonialgeschichte Belgiens im Kongo, er erzählt parallel vom Prozess der Entwicklung des Stücks mit den Kindern, in diesem Zusammenhang klingen Betrachtungen über das Wesen der Schauspielerei an.

Mit der am Kunstzentrum Campo im flandrischen Gent entstandenen und ein Jahr nach der Deutschland-Premiere in Berlin (FR vom 4.7.2016) jetzt am Frankfurter Mousonturm gezeigten Inszenierung war der Schweizer Theaterdokumentar zum Berliner Theatertreffen eingeladen; soeben wurde sie zudem von Kritikern in der Zeitschrift „Theater heute“ zur „Inszenierung des Jahres“ gewählt.

Ein Spielleiter, Typus Sozialpädagoge, stellt zuerst in einer Befragung die sieben Kinder (zwischen acht und 13 Jahren) vor. Alsbald steigen sie in ihre Rollen ein, vom belgischen König eben jenes Jahres 1960, in dem der Kongo seine Unabhängigkeit ausrief, über den später ermordeten Freiheitskämpfer Patrice Lumumba, einen Polizisten und den greisen Vater Dutroux’ bis hin zu einem der Mädchen, die Dutroux zum Opfer fielen, sowie deren Eltern. Schier unglaublich, zu was für brillanten Schauspielern die Kinder in Zuge der Proben wurden! Es ist beeindruckend, ihnen zuzusehen.

Handwerklich sind Stück wie Inszenierung rundum allerfeinst gefertigt. Humorvoll im Detail und dabei nicht einen Moment unernst. Der Umgang mit den Kindern ist äußerst sensibel, die Verflechtung der erzählerischen Ebenen sorgfältig, das Zusammenspiel von Bühne und filmischen Bildern sinnreich. Das Programmheftchen kündet von den Diskussionen um den Umstand, dass eines der Mädchen – unverfänglich – als Opfer sein T-Shirt auf der Bühne auszieht. Im Übrigen hatte das Regierungspräsidium in Darmstadt den ersten Versuch einer Aufführung im Mousonturm untersagt. Wegen der Zahl der Vorstellungen ging die Behörde damals von einer verbotenen Kinderarbeit aus. Deshalb gibt es jetzt eine Zweitbesetzung.

„Theater für Erwachsene“ – dieser Anspruch ist ungeachtet einer Freigabe ab 15 Jahren im Programmheft formuliert. Als solches geht das nicht auf. Das ist Theater um einen didaktischen Prozess, das sich selber zum Thema macht. Dagegen ist nichts einzuwenden. Doch das Stück reißt viel an, gleich ob es um Dutroux’ Psyche, die Kolonialgeschichte oder das Schauspielern geht, bleibt aber an der Oberfläche. Es hinterlässt einen Eindruck von Jugendclub de luxe.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion