+
Anna Goryachova als Dulcinée.

Bregenz

Bregenzer Festspiele: Massenets „Don Quichotte“

  • schließen

Der Versuch einer Ehrenrettung.

Popcorn fehlte noch, vielleicht auch der Vorfilm zum nächsten Seebühnen-Spektakel: Werbung vor Premierenbeginn, dann auch noch für eine Rasierklinge – ein Sündenfall? Alles Fake und Gag, keinen müden Euro hat Gillette für den Leinwand-Spot aufs Bregenzer Festspielkonto überwiesen. Nicht um Mammon dreht sich der schräge Auftakt, vielmehr um Machos. Mit dem neuen Softie-Männerbild hat die Firma in den USA Shitstorms ausgelöst, mit der Figur des hilflosen, egozentrischen Ritters provoziert Autor Cervantes seit dem 16. Jahrhundert Lächeln und Mitleid.

Die Veroperung durch Jules Massenet bleibt ein Randgewächs des Repertoires, mithin also ein Fall für die Bregenzer Festspielhaus-Produktion. Das hat Tradition, genauso wie die Haltung: Wenn ein Werk schon durchs Raster gefallen ist, geriert sich die Regie als Retter. Marianne Clément startet mit einem angetäuschten Bild, mit einer Zeffirelli-Gedächtnisinszenierung (Ausstattung: Julia Hansen). Ein Dorfplatz vor malerischem Spanien-Prospekt, Dulcinée singt hüftwackelnd vom Balkon. Alles Theater auf dem Theater: Beobachtet wird sie vom stummen Quichotte-Double aus der Parkettreihe.

Das Disparate erhebt Marianne Clément zum Prinzip. Jedes Bild grüßt aus einer anderen Ästhetik und aus anderer Zeit. Quichottes Windmühlen-Kampf passiert im gefliesten Badezimmer, wo der Ritter von trauriger Gestalt mit Klodeckel-Schild und Bürste gegen einen Ventilator wütet. Als Spider-Man lässt sich Quichotte von einer Straßengang blutig prügeln. Zur scheuen, unerhörten Annäherung kommt es im Großraum-Büro, wo Dulcinée von Business-Wesen begehrt wird. Am Ende findet sich der Gescheiterte und Sterbende wieder vor einem winterlichen Baum, erneut als Theater-Zitat.

Wann ist ein Mann ein Mann? Machowahn, Rollendefinition, fehlende Selbstreflexion, das Missverstehen eines Besonderlings, all das will Clément durchspielen und analysieren in unterschiedlichen Grundsituationen. Tatsächlich wird uns der Anti-Held nahegerückt. Zweieinhalb Stunden zwischen Satire, Berührung und Erkenntnis. Und doch bekommt die Regisseurin das Stück nur mühevoll in den Griff. Die Inszenierung ächzt unter Prämissenlast und Perspektivenwechsel, lange Umbaupausen lassen dem Abend wiederholt die Luft heraus. Doppelt schade ist das, bietet Cléments Ansatz doch genügend Denkanstöße.

Seit der Uraufführung ist der Quichotte Wunschpartie der Bassisten-Haudegen. Gábor Bretz setzt sich davon ab. Nicht als prachtvolles Ausstellungsstück begreift er die Rolle, der Ungar singt mit kernig-schlanker Stimme, Feinzeichnung, bemerkenswert deutlichem Französisch und großem Stilgefühl. David Stout ist als Sancho Pansa expressiver gelaunt, fischt aber nicht nach Effekten. Anna Goryachova macht Dulcinée mit gedeckt glühendem Mezzo zur Schwester Carmens. Daniel Cohen lotst die Wiener Symphoniker und den spiellustigen Philharmonischen Chor aus Prag aufmerksam durch die Partitur. Vor dem 1910 uraufgeführten Spätwerk Massenets mit seinen reduzierten, ökonomisch eingesetzten Mitteln hat der Dirigent merklich Respekt. Vieles wird – wenn auch kundig – nur verbucht. Freundlicher Applaus, Ehrenrettungen fühlen sich anders an.

Bregenzer Festspielhaus:  21., 29. Juli. www.bregenzerfestspiele.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion