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Botho Strauss’ „Kalldewey, Farce“ in Wiesbaden: Wir haben alle keine Wahl

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Von: Judith von Sternburg

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In Fahrt: Lina Habicht, Christian Klischat, Evelyn M. Faber, Sybille Weiser (v.l.). Foto: Karl und Monika Forster
In Fahrt: Lina Habicht, Christian Klischat, Evelyn M. Faber, Sybille Weiser (v.l.). Foto: Karl und Monika Forster © Karl und Monika Forster

Botho Strauss’ 40 Jahre alter Hit „Kalldewey, Farce“, taufrisch am Staatstheater Wiesbaden

Etwas Brachiales und Freies liegt über „Kalldewey, Farce“, das einem früher vielleicht gar nicht aufgefallen ist. Botho Strauss’ abgründiger Renner aus den frühen achtziger Jahren ist nicht mehr so oft zu sehen wie einst, am Staatstheater Wiesbaden zeigen sich aber Text und Vorgänge in großer Frische und auch nicht überholt. Ausstatter Friedrich Eggert hat sicher seinen Spaß daran, die schlagkräftigen feministischen Punkerinnen ganz aus ihrer Zeit heraus auszustaffieren, aber das hochdosierte Gerede über Beziehungen und den Sinn des Lebens, das selbstbewusste Reproduzieren von Phrasen, das auf den zweiten Blick gar nicht so selbstbewusst ist – das hat sich nicht erledigt, sondern zugespitzt.

Im Gelächter graust man sich vor sich und den anderen, und der Grund dafür liegt nicht darin, dass ein Mann von rabiaten Frauen zerrissen wird und die Gliedmaße pragmatisch in der Waschmaschine verschwinden. Das ist voll brutal, aber es ist auch verrückt und sieht in Wiesbaden verrückt aus. Die Frauen wundern sich selbst darüber, huch, ein Arm, schnell weg damit. Das wirklich Absurde ist lustig und schrecklich in einem Augenblick, und das ist unter der Regie von Bernd Mottl gut zu sehen.

Der Grund für den Graus liegt darin, dass man sich vermutlich an oder ab irgendeiner Stelle wiedererkennen wird. In einem Text, der den Figuren von einer fremden Macht – sie wissen nichts von Herrn Strauss am Schreibtisch – übergestülpt worden ist, es redet aus ihnen heraus und auch in der Handlung wird zunehmend offenbar, dass hier keiner die Wahl hat. Will auch keiner, eine Wahl.

Ein Paar nimmt Abschied. Zwei Frauen sollen ihr helfen, ihn wirklich loszuwerden. Das klappt zunächst (Waschmaschine), aber schon treffen sich alle vier auf einer Geburtstagsgesellschaft wieder, die ein gewisser Kalldewey sprengt, ein penetranter Herrenwitztyp. Die vier sind angewidert, zunächst, aber die Sehnsucht nach einem King, Anführer, um nicht gleich zu sagen: nach einem Führer, ist mächtig. Kalldewey ist verschwunden. aber die vier treffen sich jetzt in der Psychiatrie wieder – oder ist es doch ein Büro? –, wo Sinn und Verstand sich auflösen und nur offen bleibt, ob die Abhängigkeit von den Medikamenten oder die Abhängigkeit vom Therapeuten – oder ist es doch der Chef? – schlimmer ist.

In Eggerts kunterbunter Umgebung vollzieht sich das alles entspannt, mit Abstand und der Künstlichkeit, die Theaterfiguren gut ansteht. Sybille Weiser und Christian Klischat trennen sich elegisch vorm geschlossenen Vorhang. Egal, warum, darum geht es nicht, zumal es eh nicht richtig klappt. Das Elegische als solches wird in Erinnerung an bürgerliche (Theater-)Zustände jedenfalls noch einmal zelebriert und karikiert. Sybille Weiser, wie sie vor unserer Nase um den Vorhangstoff fließt, während sie zugleich eiskalt wirkt und als würde sie schon an etwas anderes denken – das ist sehr fein und lächerlich, auch wenn viele hoffen, die Liebe könnte das nicht sein: lächerlich.

Evelyn M. Faber und Lina Habicht sind die krassen Jugendsprech-Punkerinnen, auch sie wunderbar nüchtern, während sie vom Leder ziehen. Dass Strauss die feministische Aggression schon auch vorführt, unterlaufen Faber, Habicht und die Regie, indem sie den Text als etwas Fremdes in den Raum schnippen. Es ist, als wären sie selbst immer eine Spur überrascht. Auch das freilich bietet der Text an, der freche Hund und Strippenzieher. Geschmeidig und unverbindlich: Felix Strüven, der sich als Titelheld vorstellt und seine Infantilitäten durch sein sanftes Betragen neutralisiert. Kalldewey: ein Nichts. Das passt sehr gut zu uns. Und auch die vier, die immer sympathischer werden, obwohl mit ihnen nicht viel los ist, verschwinden am Ende vor dem markanten Tapetenmuster. Gespenstisch.

Staatstheater Wiesbaden: 13., 14., 15., 20, 24. Juli. www.staatstheater-wiesbaden.de

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