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Boris Godunow mit seiner Tochter Xenia, Adam Palka und Carina Schmieger.

Oper Stuttgart

„Boris“ in Stuttgart: Erneut zermahlen

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Das musikalisch hochambitionierte Projekt „Boris“ versinkt in Stuttgart in einem maßlosen Bilderrummel.

Wie politisches mit individuellem Schicksal sich verstrickt, wie Politik und Geschichte die Einzelnen zermahlen können, ohne dass nachher jemals wieder davon gesprochen werden soll: Das mag in einem besonders großflächigen, von totalitären, kriegerischen und wirtschaftlichen Verheerungen geprägten Land noch deutlicher werden. Im unruhigen Zarenreich von Modest Mussorgskys personenreicher Oper „Boris Godunow“ klingt das an. In den Stimmen der Männer und Frauen aus postsowjetischer Zeit, die die weißrussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch in ihrem Buch „Secondhand-Zeit“ zu Wort kommen lässt, manifestiert es sich mit Wucht. Die Idee, beide Werke zu verknüpfen, ist kühn, aber nicht abwegig.

Die Stuttgarter Staatsoper hat für das Projekt „Boris“ den Komponisten Sergej Newski, 1972 in Moskau geboren, beauftragt: Er vertonte ausgewählte O-Töne aus „Secondhand-Zeit“, die nun in eine Aufführung der „Boris Godunow“-Urfassung hineingeschoben werden, aber mit Bedacht. Das ist bereits einiges auf einmal: Die erste Mussorgsky-Fassung, noch ohne zentrale große Frauenpartie, noch in Mussorgskys eigener, später von Kollegen mehrfach überarbeiteter Instrumentalisierung und auch noch in einer relativ offen wirkenden Form. So dass die Newski-Alexijewitsch-Passagen einerseits gut dazwischen kommen, andererseits aber auf Kosten der nun noch bruchstückhafteren „Godunow“-Handlung.

Die auch in „Secondhand-Zeit“ als Collage gebotenen Berichte eines ehemaligen jüdischen Partisanen, der Witwe eines Kollaborateurs, der Mutter eines Teenagers, der sich das Leben genommen hat, oder eines jungen Mannes, der im turbokapitalistischen Russland mit seiner Mutter auf die Straße geraten ist, wiederum werden von Newski nicht nur geschnitten. Sie werden teils auch übereinandergelegt. Newski und der in die Planungen natürlich einbezogene Dirigent Titus Engel machen vorab klar, dass es andere Aufführungsmöglichkeiten gäbe, dass Newskis Musik auch für sich genommen funktionieren kann.

Staatsoper Stuttgart:  16., 23. Februar, 2. März, 10., 13. April. www.staatsoper-stuttgart.de

Tatsächlich drängt sich die Frage auf, ob die „Secondhand-Zeit“-Texte nicht als Vorspiel konzentrierter erschienen wären, ohne ihre Wirkung einzubüßen. Die Sorgfalt, mit der Newski kleine Mussorgsky-Motive eingearbeitet hat, wäre nicht verloren gegangen. Die Idee, dass Sängerinnen und Sänger in Doppelrollen auftreten – Stine Marie Fischer als muntere Wirtin und auch als Frau des Kollaborateurs, oder Petr Nekoranec als Gottesnarr und als Obdachloser –, hätte sich gewiss dennoch sichtbar machen lassen.

Wie die Dinge aber liegen, geschieht etwas Betrübliches und so zweifellos nicht Vorgesehenes: Die marginalisierten Einzelgeschichten, von der Schriftstellerin in langen Gesprächen zutage gefördert und zum Teil von den Betroffenen zum ersten Mal in ihrem Leben erzählt – Geschichten, die es in der Sowjetunion und im sich brutal kapitalisierenden neuen Russland schlichtweg nicht geben durfte –, bilden nurmehr ein atmosphärisches Stimmengewirr. Es wird noch dazu dem Vorwurf ausgesetzt, die vertraute, so genannte „schöne“ Mussorgsky-Musik zu unterbrechen, womöglich erneut „lästig“ zu sein. Auch darin könnte man noch eine raffinierte, böse Absicht erkennen.

Das Ringen um Worte und Präzision versinkt aber nun in einer Bilderflut: Der insgesamt unglückselige Eindruck, den das so ausgetüftelte Projekt in der Wirklichkeit des Bühnengeschehens hinterlässt, wird durch die Inszenierung von Paul-Georg Dittrich verschärft. Man könnte sogar annehmen: Ohne den Wahnwitz des Assoziationsrummels, den er mit seinem Team – Joki Tewes und Jana Findeklee für die Bühne, Pia Dederichs und Lena Schmid für die Kostüme, Vincent Stefan für die Videos – entfacht, hätte der musikalische Teil vielleicht bessere Chancen gehabt. Zumal überragend gesungen wird, vom Chor, von den Solisten.

Auf der postkatastrophisch vermüllten Bühne tummeln sich die Choristen in Ganzkörperanzügen, die sie als mit Öl übergossene Menge darstellen (analog zum offenbar einem Umweltskandal zum Opfer gefallenen Pelikan im Video zur Ouvertüre, die gequälte Kreatur). Goldene Leibchen sind aber in die Anzüge bereits integriert, zwischenzeitlich fliegt uns auch russische Folklore um die Ohren.

Das Bühnenobjekt erweist sich unterm Plastikmüll als futuristisches Teil von einst, im Zarenpalast hinten mit einem penetrant optimistischen Mosaik zur Kernspaltung versehen. Oben ziehen ohne Unterlass Bilderbögen entlang, vom sowjetischen Zeichentrickfilm bis zu den obligatorischen Polit- und Kriegsszenarien. Dass alles etwas bedeuten kann, ist natürlich viel zu wenig, und es lahmt die schiere Überwältigung.

Im Getümmel bekommen zwei Figuren etwas Spielraum oder nehmen ihn sich: Adam Palka als junger, geschmeidig, groß und nuancenreich singender Boris. Und der markante Tenor Matthias Klink, dessen Fürst Schuiski geradezu inniglich auf seine eigenen Falschspielereien konzentriert ist. Wie die gepflegte und lebendige Opernkonvention das Buhei der Bilder überflügelt, kann doch nachdenklich machen.

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