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„Bookpink“ in der Schauspiel-Box: Mit fremden Federn

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Von: Sylvia Staude

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Zwei komische Vögel? Mehr als das. Lotte Schubert und Tanja Merlin Graf in „Bookpink“.
Zwei komische Vögel? Mehr als das. Lotte Schubert und Tanja Merlin Graf in „Bookpink“. © Robert Schittko

Auch Vögel haben Probleme: „Bookpink“ von Caren Jeß in der Box des Schauspiels.

Schwimmbadgeräusche. Fußballplatzgeräusche. Dann fliegt eine Tür auf: „Die Möwe!“, ruft es. Dann fliegt eine andere Tür auf: „Falsches Stück!“ Und auf tritt in der Tat keine Tschechow-Figur und auch keine Möwe (beziehungsweise kein Mensch als Möwe), sondern ein Mensch als weiße Taube. Sie ist ein kleiner Snob, diese weiße Taube, wie sich schnell herausstellen wird. Sie träumt „vom Barock“, träumt davon, einen Festsaal zu betreten, in dem ein Tenor prächtig singt. In Wirklichkeit sitzt der Vogel wohl in einer Dachrinne, beobachtet das Treiben auf einem Campingplatz, darauf Leute, die Bier trinken und Pommes essen. Und kann am Ende der übriggelassenen „eitrigen Mayonnaise“ nicht widerstehen – schämt sich dafür, stellt sich in den Schatten einer Mülltonne.

Von diversen Vögeln, ihrem Wesen und ihren Problemen erzählt in „Mini-Dramen“ die Schriftstellerin Caren Jeß, erzählt so melancholisch wie lustig und nur manchmal ein wenig wortverliebt von den Sorgen der weißen Taube, dem kleinen Wichtigtuer von Spatz, den Ausbruchswünschen von Jim und Jenny Flamingo (sie sind zu ihrem Leidwesen Figuren auf einer Spieluhr, aber sie wollen endlich den Krähenjungen, der sie immer aufzieht, an ihrer Stelle an die Dose fesseln), auch von der Sumpfmeise Veronico, die „für ein neues Meisenbild eintreten“ möchte und sich darum die Beine nicht mehr rasiert.

Das kann einem ziemlich – menschlich vorkommen. So hat nun Leon Bornemann fürs Frankfurter Schauspiel den 50-minütigen Box-Abend „Bookpink“ (plattdeutsch: Buchfink) mit Jeß-Texten inszeniert. Von Vincent Krafft ist die malerisch vermüllte Bühne. Als Zeichen der Dünne-Beine-Vogelhaftigkeit hat Lucia Bushart, Kostüme, die beiden Darstellerinnen in unterschiedlich eingefärbte Strumpfhosen und hohe Stöckelschühchen gesteckt, dazu farblich wechselnde Oberteile. Tanja Merlin Graf und Lotte Schubert sind hochmuntere Vögel, schmeißen als Jim und Jenny Flamingo die Beine, sammeln als Narzisse Müll ein, behalten als, vermutlich, Straßenpflaster „die Tagesform“ im Blick.

„Die Tagesform“? Caren Jeß schert sich nicht unbedingt darum, ob das Publikum das gleich versteht. Es versteht trotz sich manche poetische, auch manche absurde Freiheit nehmender Texte immer noch schnell genug, dass sich hier menschliches Verhalten gleichsam in Vogelaugen (und Narzissenblüten) spiegelt. Übrigens hat die Narzisse keine Angst vor der Tagesform mit der Gartenschere, denn wäre es nicht reizvoll, im Schlafzimmer in einer schlanken Vase zu stehen?

Es gibt Dreckspfau, den Underdog. Denn ausgerechnet der kleine Pfau (das Ei) wurde von der Mutter nicht geliebt, irgendwo im dunklen Wald abgelegt. Gleich nach dem Schlüpfen wurde er schmutzig, sein allererstes Wort war „fuck“. Die Schule hat er nicht abgeschlossen – „als Dreckspfau kriegst du halt auch kein Wörterbuch“ –, kann sich also auch keine Federtransplantation leisten.

Es gibt Sumpfmeise, die sich noch ein bisschen mehr vom Leben erhofft, die nicht mitlaufen (mitfliegen?) und sich vermehren will. Einen Spatz, der, logisch, keine Angst vor Pfützen hat. Einen philosophierenden Bussard – oder leidet er unter Schizophrenie? Sogar ans Unkraut ist gedacht, Narzisse fordert in dessen Namen „soziale Rechte“ ein. Ein Schelm, wer das nicht auf menschliche Verhältnisse überträgt und seinen Spaß daran hat.

Schauspiel Frankfurt, Box: 8., 21. Juni. www.schauspielfrankfurt.de

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