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Katharina Waldau und Martin Bringmann in Daniel Kehlmanns "Heilig Abend".

"Heilig Abend"

Die Bombe als Gedankenspiel

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Daniel Kehlmanns Zwei-Personen-Stück "Heilig Abend" im Frankfurter Titania.

In erster Linie wollte der Autor Daniel Kehlmann – zuletzt mit dem Eulenspiegel-Roman „Tyll“ Furore machend – ein Theaterstück schreiben, das in Echtzeit erzählt ist, es interessierte ihn der spezielle, strenge Rahmen. Dann erst scheint er sich eine Geschichte dafür gesucht zu haben. Dass er sich für anderthalb Stunden an „Heilig Abend“ (so der Stücktitel) entschied, hat dann aber doch mit dem Thema zu tun und mit dem, was Christen mit Heiligabend an Friedenshoffnungen verbinden. Denn möglicherweise soll um Mitternacht eine Bombe explodieren. Ein Ermittler versucht, das zu verhindern. Die Uhr läuft. 

Im Saal des Titania zählt, schon als das Publikum sich noch ein wenig sortiert, eine elektronische Anzeige die Minuten von 22:30 Uhr an. Thomas, Martin Bringmann mit Pferdeschwänzchen, Bart und Parka als Cousin von Schimanski, hat Judith, Katharina Waldau als intellektuelle Kühle, aus dem Taxi holen lassen, mit dem sie zu ihren Eltern fahren wollte. Nun beginnt ein Gespräch, das bald in Richtung Verhör geht, aber auch einmal in Richtung Flirt. Man kreuzt die Klingen, immer mal wird es tiefgründig – was, wenn im Urwald ein Baum umfällt und keiner sieht es –, denn Judith ist Philosophieprofessorin. Nicht gerade die übliche Terrorismus-Verdächtige. Aber sie forscht, unter anderem, über Frantz Fanon und „historische Theorien struktureller Gewalt“. 

Das Freie Schauspiel Ensemble, Hausherr im Titania, hat Kehlmanns Zwei-Personen-Echtzeit-Stück durch eine erstmalige Zusammenarbeit mit dem Kölner Ensemble Wunderübung nach Frankfurt geholt. Das ist, in der Regie Bernhard Bauers, ohne Aufwand möglich – ein kleiner Tisch, zwei Stühle, eine Bürolampe, eine elektronische Zeitanzeige – und ein fein konzentrierter Abend. 

Kehlmann spielt natürlich damit, dass man den Verdacht, Judith und ihr Ex-Mann (ebenfalls Wissenschaftler, er wird irgendwo in der Nähe befragt) könnten eine Bombe gebastelt haben, für völlig abwegig hält. Schon ihr Alter spricht gegen sie. Und gegen Judith gewissermaßen auch ihre lässige Arroganz, die eher kein politisches Engagement, jedenfalls kein gewalttätiges erwarten lässt. Ihr liegt was an ihrem Philosophieprofessorinnenstatus. 

Andererseits hat der Ermittler Indizien. Wiederum andererseits bringt er erstmal nur Geschriebenes ins Spiel, und schreiben kann man viel als Gedankenspiel oder Diskussionsanregung für Studenten. So dass es irgendwann in den anderthalb Verhörstunden auf die Frage herausläuft: „Bringen Sie Menschen um oder sind Sie bloß im Seminar radikal?“ So dass es auf ein Katz-und-Maus herausläuft, bei dem auf der einen Seite klar wird, dass das Ex-Ehepaar schon länger und ziemlich lückenlos überwacht wurde. Bei dem aber auch klar wird, dass die Philosophin keineswegs weltfremd ist, vielmehr weiß, was ihre Rechte sind. Der Ermittler muss mal schnell telefonieren, damit sie die übliche, aus TV-Krimis vertraute Belehrung schriftlich bekommen kann – worauf sie zäh besteht: „Gibt’s nicht irgendwas Laminiertes?“ 

Es gibt auch lustige Momente in „Heilig Abend“. Doch, Daniel Kehlmann ist ein Profi und ein Fuchs, im Kern ist es eine so ernsthafte wie spannende Abhandlung der Frage, ob, wer in einem Staatswesen strukturelle Gewalt erkennt, auch versuchen muss, diese zu bekämpfen. Und welches die richtigen Mittel sind für so einen Kampf. Man kann sich denken, dass nachher jeder in Echtzeit und selbstständig darüber entscheiden muss. 

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