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Und auch mal abgeschlafft vor der Blümchentapete: Szene aus "Elternversammlung".

Theater aus Georgien

Böse Eltern, liebe Eltern

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Avantgarde-Theater und traditionelles Theater aus Georgien im Frankfurter Mousonturm.

Mit einem umfangreichen, täglich wechselnden Theaterprogramm stellt sich das Buchmesse-Gastland Georgien im Mousonturm vor. Stilistisch scheint alles geboten, vom Finger- bis zum Musiktheater, von einem Versuch, Anschluss zu finden an eine westliche, multimediale Avantgarde, bis zu hierzulande doch ungewohnt Traditionellem. Einiges davon wird noch nach Karlsruhe und Marburg weiterwandern, nun, da man schon einmal aus Georgien nach Deutschland gekommen ist. In Frankfurt ist das Interesse bisher nicht groß; durchaus aber sind Menschen im Publikum, die offensichtlich die Schauspieler verstehen können.

Die anderen Zuschauer müssen mitlesen, so schnell es geht – manchmal allerdings geht es nicht so schnell, wie die Übertitel weiterblättern. Besonders die 16 Darsteller des äußerst munteren Open Space Ensemble for Experimental Art haben bisweilen den unfairen Vorteil, dass mehrere von ihnen gleichzeitig sprechen dürfen. Im Publikum wird gelacht, weil die Übersetzungen, englisch und deutsch, nur so vorbeirasen. Aber vielleicht auch, weil sie manchmal ein bezaubernder Unsinn sind – und auf Englisch ein anderer als auf Deutsch.

Es ist aber zu erahnen, dass das Open Space Ensemble sich für das selbst erarbeitete Stück „Elternversammlung“ nicht nur eingehend mit dem Thema Eltern und Kinder beschäftigt hat, sondern dies auch auf poetische, zuweilen rührende Weise. Man darf vermutlich davon ausgehen, dass vieles, was in knapp zweieinhalb pausenlosen Stunden zur Sprache kommt, aus der eigenen Biografie stammt. Die Akteure beginnen, vielstimmig, mit „Das Erste, was mir einfällt“, erzählen vom Teigrühren und Backen, vom Maisbrot-Essen, vom Versteck- und Fußballspielen. Auch von der Mutter, die dem Mädchen das Haar abschneidet, auf das das Kind so stolz ist, vom Vater, der die Mutter schlägt, von der Mutter, von der das Kind eine ganze Weile glaubt, sie ist tot.

Einer der Darsteller erzählt vom Vater im Exil, abwesend seit der Geburt des Sohnes. Einer grämt sich, weil er sich das Kind mit der geschiedenen Frau teilen muss, er beschimpft sich selbst als schlapper Schwanz. Eine der Darstellerinnen erzählt davon, wie sie von ihrer alkoholabhängigen Mutter zum Singen animiert wurde. Nicht nur sie singt im Stück, mit schöner Stimme, manches unterlegt das Ensemble mit melancholischem Summen, mit leisem, sakral klingendem Gesang.

Einmal geht es um verschiedene Geburtssituationen, heikel oder unproblematisch. Einmal um Kinderspiele. Auch um wirtschaftliche Not und ein Land, von dem man im Stich gelassen wird. Auch um Eltern und Großeltern, die resolut zum Heiraten drängen. Viel wird gerauft, gerangelt, geschrien, das Ensemble arbeitet sich immer auch körperlich ab. Einer läuft mit Kamera rum, wirft verhuschte, schwankende Bilder von Gesichtern an die Blümchentapetenrückwand.

Plastiksonnenblumen, Plastikfarn und -blätter, Tücher, die einen Fluss darstellen, hängen an der Rückwand in einem völlig anders gearteten Stück des Liberty Theatre aus Tbilisi: „I love you, I love you, I love you“ hat durch diese Ausstattung plus plakative Kostüme die Anmutung von Kindertheater. Es treten auch gleich eine Vogelscheuche, Gans und Hund (der Hund liebt die Gans, die Gans zeigt ihm die kalte Schulter), eine ebenfalls sprechende Statue auf. Tamta und Nikola lieben sich, Tamta mag nicht heiraten, wird aber schwanger, Tamte und Nikola heiraten. Und am Tag danach rollen russische Panzer und wird der 20-Jährige eingezogen. Ein junger Russe mit blauen Augen erschießt Nikola.

Auch hier erscheint der Stück-Text durchaus kraftvoll, die kitschig-drollige Weihnachtsmärchen-Form allerdings problematisch. Schuld ist zu einem guten Teil die, zumeist klassische, Musik, die gnadenlos unter jede Szene gelegt wird, als handle es sich um einen schnulzigen Liebesfilm. Man hatte nicht den Eindruck, dass die Schauspieler dieser „Hilfe“ bedurft hätten.

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