Maximilian Pulst, ganz und gar heutig.
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Maximilian Pulst, ganz und gar heutig.

Staatstheater Wiesbaden

Das Böse in der Altbauwohnung

  • vonGrete Götze
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Jan Philipp Gloger verlegt "Biedermann und die Brandstifter" plausibel in die Gegenwart.

Der biedere Bürger sah bei der Uraufführung von „Biedermann und die Brandstifter“ im Jahr 1958 sicher anders aus als in der Inszenierung von Jan Philipp Gloger am Staatstheater Wiesbaden. Gottlieb heißt hier Max (Maximilan Pulst) und sieht als junger Hipster mit Wollmütze in seiner lichtdurchfluteten Altbauwohnung ganz und gar heutig aus. Seine Freundin Babette (Llewellyn Reichman), mit Dutt und Birkenstocks, scheint der gleichen akademischen Mittelschicht anzugehören, die permanent an ihrer Selbstverwirklichung arbeitet und von sich denkt, sittlich zu handeln. Der erste Gegenbeweis dafür ist sogleich ihr Dienstmädchen, bei Max Frisch noch ausgestattet mit weißer Schürze, in Glogers Szenario schon eine englisch sprechende Putzhilfe aus Venezuela, deren Jeans so knalleng ist wie ihr Auftreten resolut.

Und während Max noch mit seiner Mutter darüber fachsimpelt, wer denn diese Brandstifter sein könnten, über die alle sprechen, sieht der Zuschauer den ersten schon zur Tür hereinkommen. Riesig, breitbeinig, mit Lackstiefeletten und Feinripp-Unterhemd – Michael Birnbaum scheint die ideale Besetzung für den ehemaligen Ringer zu sein.

Wie soll man umgehen mit dem Bösen, helfen Sittlichkeit und menschliche Werte im Kampf gegen Gewalt? Nein, fand Max Frisch, der seinen „Biedermann“ unter dem Eindruck nationalsozialistischen und kommunistischen Terrors schrieb. In seinem „Lehrstück ohne Lehre“ nimmt ein Bürger aus Angst Brandstifter bei sich auf und sieht zu, wie sie Benzinfässer in seiner Wohnung unterbringen, um sein Haus abzufackeln.

Gloger fürchtet sich nicht davor, das Stück in der Gegenwart zu verankern. Der bei Frisch das Geschehen kommentierende Chor der Feuerwehrmänner ist hier ersetzt durch alptraumhafte Figuren, die in der Nacht die Wohnung bevölkern. Während der Ringer mit seinem Freund Eisenring die Wohnung mit Kanistern befüllt, läuft ein Imam über die Bühne, ein Kriegssoldat, ein Anzugträger mit Donald Trump-Maske, das Abbild des Kollegen, den Max in den finanziellen Ruin trieb, sowie Horrorvisionen von Max und Babette als Alte.

Während der knappen zwei Stunden der Inszenierung wird der Zuschauer zusehend unsicherer, auf wessen Seite er steht. Auf jener der bürgerlichen Schönen, die verzweifelt versuchen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, oder auf jener der Brandstifter, die unverhohlen von ihren Plänen erzählen. Rainer Kühn brilliert als ehemaliger Kellner Eisenring, der mit einer nonchalanten Selbstverständlichkeit Unheil über das Bilderbuch-Paar ausschüttet, dass es einen gruselt.

Ebenso überzeugend ist Kruna Savic, die dem Vorzeigepaar auf englisch erklärt, die Deutschen hätten ein Geschichtsproblem, und es gelte, diese Kriminellen sofort auf die Straße zu setzen. Welche Dimension das Thema Gastfreundschaft und die Frage nach dem richtigen Umgang mit dem Fremden heute haben, deutet Gloger durch seine Alptraumfiguren nur an. Ob die Ängste der Mittelschicht real sind oder ein völlig übertriebenes Schreckens-Szenario der eigentlichen Überlegenen, bleibt offen, der Abend ein tragikomisches Kammerspiel mit hervorragend eingesetzten Schauspielern. So ist auch Glogers Inszenierung ein Lehrstück ohne Lehre, was ganz im Sinne des Autors sein dürfte.

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