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Macbeth

Blutregen über Schottland

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Michael Thalheimers Ausrufezeichen-"Macbeth" am Berliner Ensemble.

So ein ritterliches Zweihandschwert aus Eisen wiegt ja ganz schön was: bei bis zu zwei Metern Länge gern mal sechs Kilogramm, steht im Internet. Der titelgebende Kriegsheld Macbeth (Sascha Nathan) und sein Mitstreiter und späterer Alptraumwidersacher Banquo (Tilo Nest) schleifen die Waffen hinter sich her, erschöpft vom Morden, klar.

Aber die beiden eher unsportlichen Figuren im Berliner Ensemble wirken nicht so, als würden sie das Werkzeug im Kampf für Schottlands Krone (Achtung, symbolisches Alarmverb:) hochkriegen. Sie müssten erst einmal ziemlich viel Eigengewicht in Schwung bringen, um irgendjemanden aufzuschlitzen „als wärs ein Händeschütteln, vom Nabel hoch ans Kinn“. So heißt es in der Shakespeare-Bearbeitung von Heiner Müller aus dem Jahr 1971, und weiter: „Die gingen los, geladen / Wie zwei Kanonen mit doppeltem Gepäck / Und räumen auf mit Feind und Feind vierhändig / Als ob sie baden wolln in den Wundlöchern / Und spielen mit den Knochen Golgatha.“

Geladen mit doppeltem Gepäck, das umschreibt sehr schön die Spielweise, die Michael Thalheimer seit Jahr und Tag seinem Bühnenpersonal abverlangt. Nebel füllt die Bühne, gedrillte Silhouetten schälen sich in der Tiefe aus dem Gewaber, schreiten steifen, schweren Schrittes an die Rampe, in die Dreidimensionalität des Kantenlichts. 

Sie steigen in ihre Posen wie in Schutzanzüge, keilen sich die Grimassen ins Gesicht, als müssten sie Gewichte stemmen, Schmerzen aushalten oder was ganz Kompliziertes im Kopf ausrechnen.

Dann: Text. In Brocken. Heraufgewürgt, mit derben Mundwerkzeugen geschmiedet, silbenweise in den Lauf geschoben. Die Geschosse werden mit großem Bums abgefeuert, fast immer streng nach vorn und über die Köpfe der Zuschauer hinweg, sind aber so überladen, dass sie in den Saal plumpsen. Blut. Knochen. Sieg. Than. Held. Hass. Samen. Zeit. Macht. Tod. Und irgendwas dazwischen. Nichts kommt aus dem Augenblick, alles ist Form, Arrangement, Pose, Sport und Protokoll. Thalheimer eben.

Am gemeinsten ist die aufgesetzte Langsamkeit

Müller mochte das Stück nicht, hat er in Interviews behauptet. Shakespeare hält das Geschehen in der Schwebe zwischen Vorherbestimmtheit durch überirdische Kräfte, Macbeth’ hybrische Allmachtsfantasien und seinen eigentlich schwachen Willen. Damit bleibt der Schotte trotz seiner Hysterie und Brutalität Identifikationsfigur. Sie wird langsam zerrissen in dem Widerspruch von selbstbestimmtem Handeln und fremdbestimmtem Getriebensein. Es ist ein Machtspiel, klar, aber eines, das jeder ausficht und selbst verlieren muss, was nicht heißt, dass jeder gleich König werden muss und über Leichen geht.

Müller schält das Überirdische ab, strafft die ohnehin knappe Handlung bis zum Reißen und zieht dem Ganzen noch eine Bauernebene ein. Um seinen Klassenstandpunkt deutlich zu machen? Viehisch werden die Bauern in dem Stück behandelt, in den Sumpf geworfen, in den Block gespannt, geschlachtet ohne große Umstände und ohne dass dies in irgendeiner Weise das Geschehen auf der Adelsebene beeinflussen würde. Noch. Dieses unbestimmte, vegetative, massige Brodeln unterhalb der Handlung relativiert alle altmodischen Machtspiele der Individualität. Müller-Dämmerung.

Thalheimer hat das gestrichen. Ein sterbender Bauer ist übrig. Macbeth schleppt ihn herbei, klatscht ihn auf die Rampe, wo das Geschöpf mit verdutztem Blick ausblutet. Lady Macbeth (Constanze Becker) will ihr Auge üben, bevor ihr Mann zur Tat schreitet, König Duncan im Schlaf ermordet und seine Krone raubt. 

Sie tut gut daran, auch wenn sie sich nach erstem sadistischem Interesse doch übergeben muss, denn ihr Gatte schafft es zwar, den König irgendwie abzustechen, aber dann vergisst er in der Panik, die Dolche bei den betäubten Dienern zurückzulassen. Und nun traut er sich nicht zurück. Das ist der eine Moment an diesem Textausrufeabend, in dem es so etwas wie Dialog gibt: Die Lady herrscht das Nervenbündel an und erledigt die Drecksarbeit eigenhändig.

Hier bleibt dann auch der Fokus: bei der Ehehygiene im Hause Macbeth. Der Shakespeare-Exeget Harold Bloom beschreibt die beiden als überwältigend erhabene Gestalten, vollkommen glaubwürdige, wertvolle Persönlichkeiten, die einander innig lieben. „Mit einer Ironie ohnegleichen zeigt uns Shakespeare die beiden als das glücklichste Ehepaar in seinem ganzen Werk.“ Davon ist schon bei Müller wenig übrig: Sex- und Todestrieb. Bei Thalheimer wird nun ein Slapstick daraus.

Der Machtzuwachs des bis dahin nicht ernstzunehmenden traurigen Dickerchens, mit dem die Lady wie mit einem Teddy spielt, steigt Macbeth zu Kopfe. Auf die im Machtrausch entflammte Gattin reagiert er nun wie ein Kasper, der ein neues Spielzeug entdeckt hat. Mit entblößten Brüsten lässt er sie stehen, spricht „Meine Braut ist Schottland“ und winkt sie abfällig aus dem Licht. Als sie nicht weicht, gibt es einen Schubser mit dem nackten Bauch. Erleichterte Lacher im Saal. Aber im nächsten Bild rollt er dann wieder Peter-Lorre-haft die Augen und lässt irre den Mund aufklaffen, weil er was Unbestimmt-Entsetzliches oral ausleeren muss. Das geht so, bis Ingo Hülsmann als Macduff ihm endlich und in aller Ausführlichkeit den Hals zudrückt.

In knapp zwei Stunden ist der hohle Spuk auf freier, von Olaf Altmann mit Brettern ausgelegter Drehbühne vorbei. Sehr viel dekoratives Blut ist geflossen; die Musik von Bert Wrede hat ausgedröhnt; die eine oder andere Splatterszene, unter anderem eine sehr ungeschickte Kastration, ist absolviert. Weil das jetzt nach einem straffen Programm klingt, sei deutlich gewarnt: Dieser aufgepumpte und zerdehnte Abend trägt seine laute, schwarz angepinselte kunstreligiöse Weltabgewandtheit vor sich her. Seine aufgesetzte Langsamkeit ist der gemeinste und zugleich wirkungsvollste Effekt. Als würde jemand zugleich Vollgas geben und mit großer Unerschütterlichkeit auf den Klötzern stehen. Nervt.

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