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Der Verdächtige muss noch mal kurz zurück, um abzuschließen, rechts die Polizistin, die verdeckt ermittelt.

Theater

Blaubart am Nationaltheater München: Die Geschichte einer Befreiung

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Katie Mitchells Blaubart-Projekt in München.

Einen ganz großen Wurf kann man sich jetzt an der Bayerischen Staatsoper in München ansehen, wo Katie Mitchell Béla Bartóks Oper „Herzog Blaubarts Burg“ überschreibt und ihrer Arbeit den Namen „Judith“ gibt. Insofern knallt auch bald genau 1 Tür im Rang. Ansonsten herrscht Hochspannung.

Zu hören sind zum von Oksana Lyniv geleiteten Staatsorchester Nina Stemme mit großer, reifer, mit unforciert souveräner Judith-Stimme und ihr schwedischer Landsmann John Lundgren, dessen milder, aber zu Vehemenz jederzeit fähiger Bariton sich wunderbar ins Konzept fügt. Judith, deren inniger Versuch, Licht in Blaubarts dunkle Seele zu bringen, letztlich scheitert und deren Liebe zu Blaubart ihre (mutmaßliche) Ermordung & Gespenstwerdung nicht verhindern kann, wird in Mitchells Version zur Polizistin, die ihm das Handwerk legen wird.

Das ist keine Spielerei, für die man es zunächst natürlich halten muss. Hinter dem waschechten, liebevoll ausgestalteten Thriller, der in „Herzog Blaubarts Burg“ bei aller symbolistischer Verbrämung enthalten ist, zeigt sich vielmehr eine mitreißende und bedeutende Emanzipation: die Emanzipation einer Figur aus der Fantasie einer anderen. Hier: die Befreiung einer Frau aus der Fantasie eines Mannes. Die Britin Mitchell, soeben mit „Anatomie eines Suizids“ am Hamburger Schauspielhaus zum Berliner Theatertreffen eingeladen, legt sich damit freilich fest: „Herzog Blaubarts Burg“ ist Blaubarts Geschichte, nicht Judiths. Die Tiefe, auf die Mitchell verzichtet, ist eine Tiefe, die Blaubart sich vorstellt. Judith stellt sie sich am Anfang vielleicht auch vor, am Ende sicher nicht mehr. Dem muss man nicht folgen, aber es ist schockierend einleuchtend.

Der Abend besteht aus zwei pausenlos verbundenen Teilen. Für den ersten arbeiten Mitchell und Lyniv mit Bartóks Konzert für Orchester in fünf Sätzen, das zur edlen und außerordentlich spannenden Filmmusik wird. Auch hier wird auf etwas verzichtet und etwas dafür geboten.

Auf der bühnenbreiten Leinwand ist im stummen, aufwendig gemachten Film von Regisseur Grant Gee zu sehen, wie ein Mann offenbar nicht zum ersten Mal eine Frau entführen lässt und Ermittlerin Nina Stemme ihm auf die Spur kommt. Musik – eine Musik, die in Rhythmus und Motivik sich glänzend an die nachher folgende Oper schmiegt – und Bild sind so perfekt wie irgend möglich aufeinander abgestimmt.

Nationaltheater München:  7., 9., 13., 16. Februar und bei den Opernfestspielen am 27./29. Juni. www.staatsoper.de Streaming-Möglichkeiten unter www.staatsoper.tv

Die Entführungsmethode des zunächst nur schemenhaft sichtbaren Mannes ist einfach, zumal ein Chauffeur zur Verfügung steht, der gegen Geld zuverlässige Arbeit leistet: Er holt eine Escort-Dame ab, bietet ihr noch im Auto ein mit Schlafmittel versetztes Getränk an und liefert sie betäubt in Blaubarts Garage ab. Die Ermittlerin muss inzwischen schon drei verschwundenen Frauen hinterherrecherchieren. Man sieht sie am Bildschirm und beim Nachdenken. Die Homepage der Escort-Agentur weist ihr den Weg.

Als sie sich selbst – wie Blaubart es offenbar mag: blonde Perücke, knappes Kleid, feines Goldkreuz um den Hals (Kostüme: Sussie Juhlin-Wallén) – einschleust, wird hinter der Leinwand Alex Eales’ Bühne sichtbar: Das Auto, die Tiefgarage, in der der Chauffeur es jedes Mal abstellt und verschwindet, bevor Blaubart mit seiner fahrbaren Leichentrage auftaucht. Dass die Frau diesmal hellwach ist, hat er schon über seine Videoüberwachung gesehen. Es bekümmert ihn nicht, er hat alles unter Kontrolle.

Als nun die Musik zur Oper „Herzog Blaubarts Burg“ anhebt, kommt sie also nicht wie sonst aus dem mystischen Nichts. Lyniv nimmt den dunklen Beginn auch kernig, spannungsvoll. Auch darüber hinaus ist alles anders als gewohnt. Nicht für Blaubart, aber für die Ermittlerin, die er Judith nennt (vielleicht eine Obsession, die Ermittlerin lässt sich auf alles ein), und für das Publikum.

Zunächst ist das eine Ernüchterung. Judiths Zugehen auf Blaubart nurmehr Kalkül, ihre Neugier, hinter die Türen seines unterirdischen Gängesystems und seiner finsteren Seele zu kommen, reine Detektivarbeit. Optisch ist das so großartig gemacht, dass einmal nicht der Film das darauffolgende Bühnengeschehen automatisch überflügelt. Die Kammern schieben sich nach und nach vorbei, verschwinden dann wieder im Dunklen, Blaubart und die Ermittlerin können beständig unterwegs sein. Die Einrichtung ist krimigerecht realistisch, ein abgewrackter OP-Saal als Folterkammer, ein gespenstisches Gewächshaus als Garten, ein Ausflug mit VR-Brille, wenn Blaubart seine Lande präsentiert. Mitchell hat unheimlich gut zugehört. In die Emotionswellen der Musik, deren Herrin Lyniv ganz und gar ist, kann sie ihre Geschichte hervorragend einpassen. Es gibt ja zwischendurch immer wieder ein seltsames Abschwellen, irritierende Leerläufe, in denen die Ermittlerin sich mit der Spurensicherung befassen und Blaubart seinen Gegenwehr vorbereiten kann.

Denn er kommt ihr auf die Schliche! Dennoch gelingt es der Ermittlerin in einer überwältigenden Schlusssequenz, die Frauen in der letzten Kammer zu finden und zu befreien. Die Nacht, in der sich Blaubart findet, ist nicht die Melancholie des einsamen Mannes, sondern sein Tod. Die Polizistin ist aber keine Mörderin, der finale Rettungsschuss war nicht zu verhindern. Vielleicht ist das der größte Coup der Inszenierung: nicht Rache, nicht Panik, nicht die auch nur kurzzeitige Gefangennahme in Blaubarts Welt wird gezeigt. Sondern einfach nur die beherzte Rettung von Frauen, die man für verloren halten musste.

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