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„Blank“ von Alice Birch in Karlsruhe: Das große Experiment

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Von: Judith von Sternburg

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Alice Birchs „[Blank]“ in der deutschsprachigen Erstaufführung in Karlsruhe: Unterm Magnolienbaum. Foto: Thorsten Wulff
Alice Birchs „[Blank]“ in der deutschsprachigen Erstaufführung in Karlsruhe: Unterm Magnolienbaum. © Thorsten Wulff

Das Staatstheater Karlsruhe konstruiert aus Alice Birchs „[Blank]“-Szenenbaukasten ein Theaterstück.

Blank gesprochen bietet Alice Birchs „[Blank]“ („Leerstelle“) einen gigantischen Baukasten (100 Teile auf fast 400 Seiten) aus kurzen, weniger kurzen und langen Gesprächsszenen an, aus denen sich ein Theater einen Abend konstruieren kann. Soll und muss. In der einen Abteilung der Texte geht es um „Kinder“, Menschen im Alter von bis zu 18 Jahren, wie Birch erläutert, in der anderen um „Erwachsene“ (Ü18).

Auf mehr legt sie sich nicht fest, keine Reihenfolge, keine Zusammenhänge, keine Angaben zu Geschlecht, Alter, Zahl der Sprechenden, und auch die Spanne für die mögliche Alterszugehörigkeit ist, wie man sieht, groß. Das klingt aber beliebiger und kraftloser, als es ist, zumal Birch – Jahrgang 1986 und auch als Drehbuchautorin (etwa der BBC-Miniserie zu Sally Rooneys Bestseller „Normal People“) erfolgreich – vielschichtige und gerade in der Routine ausgesprochen glaubwürdige Dialoge schreibt.

Die Texte, von der Autorin in der Tradition britischer Sozialdramen unter anderem in einer Haftanstalt recherchiert, drehen sich vornehmlich um Gewalterfahrungen von Frauen und Jugendlichen und um Gewaltkreisläufe, die durch ein chronisch überfordertes Sozialsystem nicht nur nicht durchbrochen, sondern aufrechterhalten und sozusagen weitervererbt werden können. Der gebildete, betuchte, engagierte und selbsterklärt „woke“ Teil der Gesellschaft bekommt, folgt man Birch, davon irre wenig mit. Jedenfalls in England. Wobei „[Blank]“ selbstverständlich nicht in England spielen muss. In Karlsruhe parkt ein Auto aus Alzey auf der Bühne.

Ein Theater kann in „[Blank]“ mit Gender- und Herkunftsfragen aller Art experimentieren, die auf die Texte rückwirken werden. Die Uraufführung in London 2019 war eine Produktion des traditionsreichen „Clean Break“-Projekts, in dem ausschließlich (Ex-)Gefängnisinsassinnen spielen. Denkbar ist eine reine Episodenfolge, das Theater kann aber auch versuchen, größere Zusammenhänge herzustellen.

Diesen Weg wählt am Staatstheater Karlsruhe Schauspieldirektorin und Regisseurin Anna Bergmann mit ihrem Team. „[Blank]“ in Karlsruhe ist ein großer, aufwendiger Zweiteiler, würdig einer deutschsprachigen Erstaufführung (der Übersetzung von Corinna Brocher), auch wenn in diesem Fall eben offen bleibt, wie man dem Stück „gerecht“ wird. Der Frage jedenfalls, ob das Publikum in Birchs Texten viel Neues erfährt, begegnet die Inszenierung mit der klugen Gegenfrage, was uns das ganze (etwaige) Wissen um das Elend der Verhältnisse nutzt, wenn wir einfach keine Schlüsse daraus ziehen. Zu erleben ist ein auch im ganz basalen Sinn spannender, nämlich krimiesker Theaterabend. Sie müssen in Karlsruhe echt lange gepuzzelt haben, und selbst wenn sie einige Puzzleteile etwas biegen mussten, ist das Ergebnis weitgehend ungezwungen.

Erklärungslos (die Fähigkeiten des Publikums nicht unterschätzend) wickeln sich mehrere Handlungsstränge und Familienkonstellationen mit 16 Schauspielerinnen und Schauspielern heraus. 16 für 16 Rollen, was Orientierung bietet: Hier eine überengagierte Polizistin, ihre wütende Tochter, ihr Mann, der seinerseits im Suff vor Jahren zum Vergewaltiger geworden zu sein scheint. Da der gestresste Sozialarbeiter, der im Privatleben aber auch der Partner einer Frau ist, die seine Übergriffe gegen ihre Tochter zunächst zu ignorieren versucht. Die verstörte Klientin, der er zu wenig Zeit widmet (zwei Minuten hat er statistisch pro Fall), hat Emma entführt, deren Vater sie verzweifelt sucht.

Dass diese zuvor auch das Vergewaltigungsopfer des Mannes der Polizistin war, gehört zu den Überlastungen der Konstruktion. Und doch gelingt Bergmann die Verwebung der Geschichten. Sie enthalten erschreckende Momente der Erkenntnis und vermitteln eindrucksvoll, wie bei aller Bewegtheit die Situation in einem Dauerdebakel stockt.

So kreist auch das Bühnenbild von Volker Hintermeier lediglich auf der Stelle, eine Art Mietshausburg im Rohbau. Das blühende Bäumchen am Rande ist kein Trost, zu schaurig die Geschichte, die sich an ihn knüpft. Auf einer Leinwand lassen sich weniger einsehbare Ecken vergrößern und übliche, aber nicht umsonst übliche Vergrößerungs- und Intensivierungseffekte erzielen.

Als Sängerin tritt Frida Österberg auf, die im zweiten Teil eine zentrale Rolle spielt. Der zweite Teil, als Überraschung angekündigt und in der Tat eine Überraschung. Bergmann nimmt hier die lange, letzte Szene der „[Blank]“-Folgen als komödiantischen, aber vor allem sarkastischen Kommentar des ganzen Abends. Das Ensemble hat sich während der Pause um eine lange festliche Tafel gruppiert, weitgehend splitternackt. Wie peinlich, aber auch: was für eine gescheite Verwendung dieses zu Tode gerittenen Mittels.

Wir sind im schicken Haus eines Architekten Daniele und seiner hippen Frau, die ihre Clique eingeladen haben. Eine Anwältin hat ihre neue Freundin mitgebracht, Baby, Österberg. Sie ist nicht nackt, und sie entlarvt im Nullkommanichts die Gespräche der kleinen Runde und ihre Einigkeit – MeToo als globale Bewegung, das tolle soziale Engagement. Inwiefern global, fragt Baby. Zehn Tage in einem Waisenhaus in Südamerika, wow, sagt Baby. Der Text wird böse, Bergmann wird böse. Das bürgerliche Theater richtet seine schärfsten Waffen gegen die eigenen Leute und lässt sie nackt und bloß dastehen. Das ist fair. Ein Theaterexperiment arbeitet sich an Themen ab, die dem Theaterexperiment zufolge heillos feststecken. Das ist frustrierend.

Staatstheater Karlsruhe: 2., 11. März, 8., 22. April. www.staatstheater-karlsruhe.de

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