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In der Hütte, unter der Sonne: immer auch Drama.

„Black Maria“

In der Werkstatt des Miteinanders

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René Polleschs „Black Maria“ am Deutschen Theater macht Laune.

Wohl bei keinem fragt man sich mit derartiger Grundsätzlichkeit, was um Gottes Willen man da macht, wenn man im Theater sitzt – und warum das nun eigentlich so beglückend ist. Es gibt bei René Pollesch einfach kein Abfinden mit dem Tun, jegliche herkömmliche Bühnenabmachung wird preisgegeben. Menschen, die Rollen spielen, in Situationen verwickelt werden, eine Geschichte erzählen? All das ist längst eine zerfallene kulturelle Praxis. Die Avantgarde ist darüber hinweggeschritten und rennt inzwischen im postdramatischen Nebel gegen Wände. Dabei ist noch längst nicht alles aufgelöst und zerbröselt, worauf man sich im Theater oder in der Welt beim Kommunizieren noch immer stillschweigend verlässt.

Was ist das alles? Du-Sagen zum Beispiel? Oder Ich-Sagen. Jemand sein? Hier sein? Gelesen werden? Geliebt werden? Verstehen? Was ist das hier, was hier steht: dieses Wort zum Beispiel? Was machen wir mit der Sprache? Was unterlassen und verpassen wir durch sie? Warum scheint uns alles, was wesentlich ist, zu irgendwelchen Mustern zu gerinnen und zu entgehen? Und eben: Warum bin ich bei all dem so unangemessen fröhlich?

In „Black Maria“, als zweite Arbeit des ehemaligen tragenden Volksbühnenkünstlers für das Deutsche Theater in den Kammerspielen uraufgeführt, geht es in einer äußeren Sphäre um das erste Filmstudio der Welt, wir schreiben das Jahr 1893. Benannt nach einem verfinsterten Gefängnistransporter, besteht diese „Black Maria“ in einer bühnenfüllenden Hütte aus Teerpappe. Das Dach lässt sich aufklappen, so dass mit der Sonne stets ein Tageslichtscheinwerfer zur Verfügung steht, der über die für das damalige, wenig lichtempfindliche Material nötige Stärke verfügt. Wie ein Trabant folgt das drehbare Studio dem Sonnenstand. Wolken denken wir uns weg.

Und schon purzeln die Metaphern: Die in Film geronnene Zeit, belichtete Wirklichkeit, Sichtbarkeit und Transparenz, Spiel und Leben, Identität und Projektion, Besonderheit und Repräsentation, Semiotik und Sex.

Einsamkeit in der Werkstatt des Miteinanders

Es schließen sich die eingangs aufgezählten erstletzten omnitheoretischen Fragen an, die bei Pollesch so herrlich auf die Konkretheit des abmachungsvergitterten Erkenntnisinstruments Theater klatschen. Was machen wir hier? Keine Ahnung! Egal? Nein, das nicht. Die Pollesch-Spieler leiden mit großer Tapferkeit. Nicht nur unter dem Stress der Textverarbeitung, der sichtbar auch Adrenalin auswirft. Sondern unter ihrer Einsamkeit in dieser Werkstatt des Miteinanders. Mit welcher Zugewandtheit sie einander durch die Finger rutschen, das ist an der Oberfläche ein unendlicher Popsong, aber darunter immer auch: Drama.

Wie spielen die das? Astrid Meyerfeldt ist mal wieder in Berlin: Ihre Westernheldin ist bestens bewaffnet, aber zugleich sehr zutraulich, was die Konsistenz der Wirklichkeit angeht. Bald versteht sie, die doch eigentlich nur auf der Suche nach Gold (oder erst einmal nach einem Drink) ist, die Welt nicht mehr. Diese grundsolide und aufgeräumte Ich-hab’s-gleich-Begriffsstutzigkeit macht sie zur ersten Identifikationsfigur im Kader. Aber auch der Druckkesselschönling Franz Beil lässt uns an seiner etwas spezielleren Not teilhaben: Seine Erscheinung weist ihn, was immer er auch tut, als Zivilpolizisten aus, so dass selbst Geneigte und Freunde keinen vertrauensvollen Kontakt zu seinem Wesen herstellen können. Das ist schon schlimm genug, aber nebenbei ein derart komplizierter Gedanke für ihn, dass ihm stets auf halber Strecke die Puste ausgeht.

Die drei DT-Ensemblemitglieder Katrin Wichmann, Benjamin Lillie und Jeremy Mockridge schlüpfen mit ungeahnter Coolness in den Pollesch-Modus. Dass sie nicht auf die konkrete und festgelegte Kenntlichkeit der Pollesch-Stars Martin Wuttke oder Sophie Rois zurückgreifen können, öffnet die Inszenierung, schafft neue Zugänge zu dem eigentlich hermetischen Theaterkosmos.

Insofern ist die Umtopfung René Polleschs, sein schmerzliches Herausgerissensein aus dem aber ja auch so krisen- und routineanfälligen Volksbühnenzusammenhang eine produktive Verunsicherung. Schon dass „Black Maria“ mit knapp zwei Stunden das wohl längste Pollesch-Stück der Geschichte ist, könnte ein Symptom für den unerschrockenen Schritt auf eine neue Erkenntnisstufe sein. Es ist nur nicht ganz klar, ob diese Stufe hinauf- oder hinabführt, aus der Einsamkeit heraus oder tiefer hinein, ob sie Trost oder Verdammnis bedeutet. Hauptsache – und das ist wirklich wichtig – Hauptsache die Laune stimmt.

Deutsches Theater,Berlin: 9., 10., 15, 16., 23., 24. Februar. www.deutschestheater.de

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