Sie lassen sich ein (v.l.): Seppeler, Machens, Kohler.
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Sie lassen sich ein (v.l.): Seppeler, Machens, Kohler.

Deutsches Theater Berlin

Bierkrüge und viele Worte

  • vonUlrich Seidler
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Verspätetes Frühwerk: Ödön von Horváths Tragödie "Niemand" als Erstaufführung im Deutschen Theater.

Sensation! Im Frühling 2015 wurde in Berlin aus der Bibliothek eines Privatmannes ein Typoskript versteigert. Die Wienbibliothek machte mit 11 000 Euro das höchste Gebot. 95 hektographierte Blätter mit wenigen handschriftlichen Korrekturen in einem blauen Papierumschlag. Auf dem Titelschild: „Niemand“, Tragödie in sieben Bildern. Geschrieben hat das Drama Ödön von Horváth (1901-1938) im Alter von 23 Jahren. Es war nach „Mord in der Mohrengasse“ (1922) sein zweites Stück; sein literarischer Durchbruch und seine Meisterwerke „Geschichten aus dem Wiener Wald“, „Glaube, Liebe, Hoffnung“, „Kasimir und Karoline“ standen noch bevor.

Horváth übergab „Niemand“, seine einzige Tragödie, dem Berliner Verlag „Die Schmiede“, der offenbar keine Bühne dafür fand und bankrott ging. Das Stück verschwand, tauchte 2006 erstmals bei einer Versteigerung in Pforzheim wieder auf, ohne auf das ihm gebührende öffentliche Interesse zu stoßen – deshalb wechselte es für lediglich 250 Euro den Besitzer. Erst nach der Berliner Versteigerung – 92 Jahre nachdem Horváth es schrieb – fand das Stück auf die Bühne, zuerst natürlich in Wien, im Josephstädter Theater, wo Herbert Föttinger für eine angemessen wortgetreue Uraufführung sorgte, die, glaubt man den ächzenden Kritikern, die Schwächen des Frühwerks erfahrbar machte.

Vieles in „Niemand“, das Horváth unter dem frischen Eindruck der Hyperinflation geschrieben hat, deutet auf den späteren Dramatiker hin. Es treten prekäre Gestalten auf – gefallene Fräuleins, Prostituierte, Diebe, Zuhälter, Missgestaltete – deren Notlage moralische Abgründe aufreißt und dramatische Konflikte spannt. Die in Schleifen angelegte Handlung spielt im Treppenhaus einer Mietskaserne, deren Besitzer – der beinkranke Wucherer Fürchtegott Lehmann – die Bewohner in Schulden und Abhängigkeit zwingt. Fast scheint es, als würde die verarmte Ursula seine Seele erweichen können, schließlich heiratet er sie, kurz bevor sie sich von Frau Schulze, genannt Gilda Amour, und ihrem Luden Wladimir auf den Strich schicken lässt. Dann aber taucht Kaspar auf, Fürchtegotts wohlgestalteter, aber armer Bruder, und schnappt ihm die Ursula weg. Dazu kommen viele Nebenfiguren, die zugrunde gehen und ersetzt werden, und immer wieder geht ein Bierkrug zu Bruch. Das ist schon alles ziemlich etüdisch, konstruiert und aufgeladen, vor allem machen die Gestalten, anders als man es heute von Horváth gewohnt ist, sehr viele Worte.

Die deutsche Erstaufführung, die am Samstag in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Premiere feierte, durfte freier mit dem Text umgehen. Der 1971 im tschechischen Brno geborene Regisseur Dusan David Parizek mochte aber bei allen Strichen nicht auf die originalen, interessanten Mängel des Stückes verzichten. Er hat die Unreife, das rohe Pathos und den verschwatzten Furor nicht herausgefiltert, sondern er geht auf Abstand.

Zwei Projektoren werfen besagte Typoskriptseiten an die getäfelte Rückwand, die Schauspieler sitzen neben der Szene, wenn sie nicht dran sind, kommentieren das Geschehen, machen sich auch übereinander lustig und stellen ihre Theatermittel aus. Diese Verkünstlichung ist ein kluger Zugriff, mit dem auch jeglicher Sozialkitsch vermieden wird, der eigentlich zwangsläufig entsteht, wenn sich wohlsituierte Zuschauer unreflektiert mit armen Elenden identifizieren. Da die Bedingungen des Abends schnell geklärt sind, dürfen sich Spieler und Zuschauer einlassen. Dann beginnt die Freiheit des Spiels.

Und die Spieler, vor allem die Spielerinnen, nutzen sie. Franziska Machens als Gilda Amour geht das sexistische Klischee von der passionierten Hure, die ihrem Zuhälter verfallen ist, ohne irgendwelche Korrektheitshemmungen, dafür mit spielerischer Genauigkeit und Blitzschlagfertigkeit an. Lisa Hrdina bremst mit bemerkenswerter Dominanz und seltsam maschinellem Eifer in einigen der besagten Nebenrollen das Geschehen immer mal wieder ab. Und wie Wiebke Mollenhauer, als ihre Ursula den Hurenauftritt übt und sich unter Gildas Anleitung immer ordinärer und lächerlicher in die Verstellung zurückzieht, Tränen aufsteigen lässt – da ist der Abend richtig groß.

Schöne Nummern liefern Henning Vogt als schnurrbärtiger Macho Wladimir und Elias Arens als kreischig-selbstmitleidiger Musiker Klein. Die Aufmerksamkeit des Jungdramatikers galt aber eher dem ungleichen Brüderpaar Fürchtegott und Kaspar. Mit dem Ergebnis, dass diese einfach nicht fertig werden wollen, Gerechtigkeits- und Religionsfragen, sowie sonstiges Allgemeingültiges und Existenzielles zu besprechen, was Marcel Kohler und Frank Seppeler tapfer mit ironischem Gebrüll, Lachkrampfanfällen und prügelndem Körpereinsatz durchexzerzieren.

Deutsches Theater Berlin, Kammerspiele: 30. März, 8., 18., 25. April.

www.deutschestheater.de

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