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„Da kursierte auch viel Unsinn“, sagt Bernd Loebe, hier im Intendantenzimmer in Frankfurt. 

Oper in Erl

Bernd Loebe: „Sicher denkt auch jemand: Der macht da jetzt furchtbares deutsches Regietheater“

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Derzeit noch fast wie eine Außenstelle der Oper Frankfurt: Bernd Loebe, seit Herbst auch Intendant der krisengeschüttelten Tiroler Festspiele in Erl, über seine erste Wintersaison und künftige Möglichkeiten.

Herr Loebe, seit September sind Sie nicht nur Intendant der Oper Frankfurt, sondern auch der Tiroler Festspiele in Erl. Wie das?

Man ist auf mich zugekommen, Sie werden kaum annehmen, dass ich mich da beworben habe. Das erste Gespräch zwischen Herrn Haselsteiner (Bauunternehmer Hans Peter Haselsteiner, der Festspielpräsident, d. Red.) und mir fand in einem Ort an einem See zwischen Kärnten und der Steiermark statt, und er landete mit seinem Hubschrauber dort. So was ist ja ganz imposant. Ich selbst hatte gerade einen Hörsturz erlitten und machte mir um das Ende meiner Karriere Gedanken. Ich musste also erstmal sagen: Wenn Sie wirklich an mir Interesse haben, müssen Sie sich gedulden. Und Herr Haselsteiner hatte Geduld.

Wie lang zog sich der Hörsturz hin?

Drei Wochen etwa. Interessanterweise nicht so selten in dieser Branche, wo das Hören so zentral ist, obwohl letztlich nicht klar ist, woher ein Hörsturz kommt. Es ist ein kleiner Infarkt im Ohr, und die Ärzte sagen einem dann, man solle sein Leben ändern, viel weniger arbeiten. Und man macht womöglich das Gegenteil, und das Gegenteil ist in diesem Fall richtig nach meiner Erkenntnis.

Und wie war Herr Haselsteiner auf Sie gekommen?

Wir kannten uns flüchtig. Ich war zweimal bei den Festspielen gewesen. Es gab dann offenbar Bewerbungen, in Österreich ist das immer sehr ordentlich mit Ausschreibung und so weiter. Zugleich waren wohl Headhunter entsandt worden, bei denen ich ganz vorne auf der Liste gestanden haben muss.

Jenseits des Hörsturzes: Haben Sie lang gezögert?

Bei mir läuft so etwas schnell über Sympathie oder Nichtsympathie, und Herr Haselsteiner hat mir gefallen in seiner direkten Art. Außerdem ist der Ort sehr schön. Ich hatte die Hoffnung, dass das eine ganz andere Art von Arbeit sein würde – durchaus intensiv, aber anders. Meine Hoffnung hat sich bisher bestätigt. Man ist sofort in einer anderen Welt. Und irgendwie sortieren sich Dinge da oben anders.

Wie oft fahren Sie hin?

Die Proben für die Wintersaison haben am 1. Dezember angefangen, da bin ich fast jede Woche mal da, während der Festspielzeit selbst ohnehin. Aber wie ich in Frankfurt für Erl mitdenke, bin ich in Erl unentwegt mit Frankfurt beschäftigt. Das bereitet keine Probleme: der einzige Vorteil der digitalen Welt neben den vielen Nachteilen.

Was haben Sie in Erl vorgefunden nach der Krise und dem unrühmlichen Abgang des langjährigen Leiters?

Zunächst mal eine Medienlandschaft, die beglückt war, nach einer Phase, in der es mit Blick auf die Festspiele ausschließlich um die MeToo-Thematik ging, wieder etwas Erfreuliches vermelden zu können. Vor Ort Irritation, auch Zorn über all das, was geschehen war, außerdem viel Fatalismus und Scham. Jeder, der bei den Festspielen tätig war, hatte das Gefühl, irgendwie betroffen zu sein. Es war in Österreich selbst permanent darüber berichtet worden, das kann man sich hier gar nicht vorstellen. Meine Ernennung war wohl so etwas wie ein Befreiungsschlag. Zu meiner Überraschung war die Berichterstattung im Land ausschließlich positiv, obwohl Österreicher gerne einen Grund dafür finden, weshalb ein Deutscher eine Fehlbesetzung ist. Jetzt herrscht tendenziell Vorfreude, würde ich sagen.

Im Zuge der Vorwürfe gegen den damaligen Leiter ging es auch um Chor und Orchester: Die schlechten Arbeitsbedingungen und die schlechte Bezahlung wurden beklagt. Was hat sich da getan?

Da kursierte auch viel Unsinn. Jeder, der in Erl arbeitet, arbeitet für wenig Geld, ob das jetzt Regisseure sind, Dirigenten oder eben Orchestermusiker. Das Zusammengehörigkeitsgefühl war in Erl immer das Wesentliche. Das Orchester ist auch nicht gewerkschaftlich organisiert. Es überzieht im Notfall, aber nicht, weil es geschunden wird, sondern weil das im Festspielbetrieb Identität schafft. Ein großer Teil der Orchestermitglieder kommt aus Weißrussland, aus Minsk. Sie werden das ganze Jahr über bezahlt. Das ist eine sehr überschaubare Summe, die aber für weißrussische Verhältnisse doch viel ausmacht. Wenn sie in Erl ankommen, haben sie das Programm also schon komplett durchgespielt.

Die proben auch in Minsk?

Ja, genau. Im Wesentlichen ist das der Streicherkorpus. Dazu gesellen sich, und das ist natürlich ein merkwürdiges Konglomerat, Holz- und Blechbläser tendenziell aus Norditalien. Da sind Orchestermusiker dabei, aber auch Professoren, die Lust haben, zweimal im Jahr Oper zu spielen, hochqualifizierte Leute. Wir hatten im Oktober schon die ersten beiden Konzerte, und die Dirigenten wollen nicht nur wiederkommen, was mich sehr freut, sondern sie waren auch beeindruckt von der Orchesterleistung. Das Zusammengeschusterte wird oft so abfällig erwähnt und die Geschichte ist auch merkwürdig. Aber es funktioniert sehr gut.

Das heißt, das übernehmen Sie, wie es war?

Wir hatten erwartet, dass einige Musiker, die Gustav Kuhn sehr nah standen, aus Prinzip aufhören würden. Aber so war es nicht, eigentlich sind alle geblieben. Nachdem eine Person mehr als zwanzig Jahre lang das Orchester dominiert und auch im wörtlichen Sinne erzogen hat, kommen jetzt viele verschiedene Dirigenten. Das ist für das Orchester interessant, und wir nutzen die Zeit, um zu gucken, ob wir jemanden finden, den wir in zwei, drei Jahren vielleicht zum Chef machen wollen. Das könnte ich auch sofort machen, aber ich will das Orchester mit im Boot haben.

Bernd Loebe und die Tiroler Festspiele

Bernd Loebe,1952 in Frankfurt geboren, ist seit der Spielzeit 2002/2003 Intendant der hiesigen Oper. Zum dritten Mal in seiner Amtszeit wurde das Haus 2018 in der Fachzeitschrift „Opernwelt“ zur Oper des Jahres gewählt. Seit dem 1. September ist Loebe außerdem Intendant in Erl.

Die Tiroler Festspielewurden 1997 gegründet und 1998 mit Richard Wagners „Das Rheingold“ eröffnet. Zur Verfügung stehen für eine Winter- und eine Sommersaison das Passionsspielhaus – in dem alle sechs Jahre allerdings die Passionsspiele Erl über die Bühne gehen – sowie (seit Ende 2012) ein eigens erbautes Festspielhaus. Wagner-Opern stellten lange einen Schwerpunkt dar. Mitgründer, Intendant, Dirigent und Regisseur Gustav Kuhn geriet 2018 in Misskredit: Mitwirkende beklagten sein autoritäres Gebaren, Sängerinnen warfen ihm sexuelle Übergriffe vor. Im Herbst 2018 zog er sich von allen Ämtern zurück.
Zur Wintersaison(26.12.-6.1.) gibt es Konzerte und zwei Opern: Florentine Klepper inszeniert und Alexander Prior dirigiert „Rusalka“, Dorothea Kirschbaum inszeniert und Sesto Quatrini dirigiert den „Liebestrank“ (Jonathan Abernethy debütiert als Nemorino). Das Frankfurter Publikum wird sich also zurechtfinden, auch mit Blick auf den Sommer, wenn u. a. Katharina Thoma und Johannes Leiacker „Lohengrin“ zeigen, mit AJ Glueckert als Debütant in der Titelpartie. www.tiroler-festspiele.at

Und der Chor?

Kommt ebenfalls aus Weißrussland. Eine ähnliche Konstruktion. Der Hintergrund ist: Als die Festspiele vor 21 Jahren gegründet wurden, waren weder in Deutschland noch in Österreich ein Orchester und ein Chor zu finden, die bereit gewesen wären, für diese Konditionen zu arbeiten. Als ich meinen Vertrag unterschrieb, wurde mir erklärt, dass man viel Wert darauf lege, das Orchester zu behalten: Das seien die Leute, die von Anfang an dabei waren, während andere die Nase rümpften und sagten: Ist doch Quatsch, hier Wagner zu spielen. Stand jetzt: Ich bin eher positiv überrascht.

Wenn man sich Ihr erstes Winterprogramm anschaut, ist es von den Namen her fast wie eine Außenstelle der Oper Frankfurt.

Ich wurde im Oktober ernannt und musste im Februar ein Programm präsentieren. Da habe ich mich an dem orientiert, das ich kenne. In Frankfurt hatte es zum Beispiel gerade wieder eine „Rusalka“-Serie gegeben, von Karen Vuong und Gerard Schneider hinreißend gesungen, da dachte ich mir: Die packe ich gleich ein. Allerdings habe ich in den vergangenen Monaten auch mehr als 150 Sängerinnen und Sänger vorsingen lassen, von denen viele bisher in Erl mitgewirkt haben. Ich wollte mir nicht vorwerfen lassen, radikal zu brechen mit dem, was war. Mein Eindruck ist, dass ich das sängerische Niveau hebe. Ja, stimmt, es ist ein bisschen eine Frankfurt-Filiale, aber das wird sich in den kommenden Jahren sicher noch mehr vermischen.

Sind das nicht irgendwie auch immer Testläufe? Nur drei Vorstellungen jeweils?

Nur drei, sagen Sie, aber für Erl ist das schon viel. Früher waren es eine bis zwei, letztlich oft konzertante Abende in Kostümen. Und dann manchmal noch mit zwei Besetzungen. Etwas erfahrenere Sänger lassen das nicht mit sich machen. Ich versuche im Idealfall noch ein Konzert einzubauen, damit die Mitwirkenden wenigstens auf vier Auftritte und Gagen kommen. In Verbindung mit interessanten Rollendebüts kann das eine Art Kreativurlaub sein, und ich hoffe, daraus schöne Besetzungen basteln zu können. Auch den „Ring“ ...

... inszeniert von Brigitte Fassbaender ab 2021 …

... kann ich nicht nur mit Anfängern besetzen.

Wie haben Sie Frau Fassbaender nur dazu bekommen?

Wir sind gut befreundet, außerdem hat sie den „Ring“ noch nie gemacht. Und sie hat eine Tiroler Vergangenheit, war elf Jahre Intendantin in Innsbruck am Landestheater. Sie kennt die Mentalität dort, das kann vielleicht auch helfen. Sie wohnt am Chiemsee und hat es nicht ganz so weit. Ich habe offene Türen eingerannt. Als ich die Höhe der Gage genannt habe, hat sie geschluckt und dann lakonisch gesagt: Ja, wenn es so ist, dann ist es so.

Ist es ein Vorteil für die Planungen in Erl, dass man Sie als Intendanten der Oper Frankfurt kennt?

Ich will mal so sagen: Ich glaube, wir können das eine oder andere Paket schnüren.

Sie übernehmen für das Sommerprogramm in Erl die Rossini-Rarität „Bianca e Falliero“, die im April in Frankfurt Premiere haben wird. Ist das auch umgekehrt denkbar, dass Sie Stücke aus Erl in Frankfurt zeigen?

Was das Passionshaus betrifft, sind die Bühnen zu unterschiedlich. Das Orchester ist hier hinter den Sängern platziert: Sie befinden sich im Rücken des Dirigenten auf einer sehr großen Spielfläche. Das bedingt eine sehr gute Akustik, aber es ist eine ungewohnte Situation. Beim Festspielhaus lässt sich daran schon denken. Der „Liebestrank“, den wir dort jetzt im Januar zeigen, soll 2021/22 ins Opernhaus nach Frankfurt kommen. Andersherum werden wir in der nächsten Spielzeit einen „Don Pasquale“ im Bockenheimer Depot produzieren, der später nach Erl soll. Selbstverständlich muss man da etwas aufpassen. Festspiele dürfen nicht den Eindruck bekommen, dass sie zur Zweitverwertung dienen.

Was für ein Publikum kommt denn nach Erl?

Man sagt mir, im Winter eher ein regionales Publikum, auch viele Familien. Im Sommer ist es ein Festspielpublikum, Leute, die auch nach Bayreuth gehen oder nach Salzburg weiterfahren. Es ist sicher zu erwarten, dass einige wegbleiben, Gustav-Kuhn-Fans oder Menschen, die denken: Der macht da jetzt sicher furchtbares deutsches Regietheater. Es gibt da schon eine konservativere Grundhaltung. Es soll Wagnerianer geben, die nicht mehr nach Bayreuth, sondern nach Erl pilgern. Dahinter steckt ja die Vermutung oder Hoffnung: Da wird der Wagner noch gebracht, wie es sich gehört. Das werde ich vorsichtig in eine neue Bahn bringen müssen.

Ihr Vertrag hier in Frankfurt läuft bis 2023. Könnten Sie, wollten Sie Erl noch länger machen?

Ich habe einen Fünf-Jahres-Vertrag in Erl, wir haben uns entschieden, uns nach drei Jahren zusammenzusetzen und uns auszutauschen. Ich denke, da ist alles möglich. Sie müssen sich vorstellen, dass wir in Erl circa 7 Millionen Euro zur Verfügung haben, für Sommer und Winter zusammen. Viel ist das nicht. Andererseits tut sich einiges. Herr Haselsteiner hat zwölf Millionen bereitgestellt, um an den Gebäuden Verbesserungen vorzunehmen und anbauen zu können. Das ist keine Kleinigkeit, er gibt sich wirklich Mühe. Darum will ich es schon auch richtig gut machen.

Interview: Judith von Sternburg

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