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„Ich fürchte, die Leute denken, der Loebe wird das schon machen“, sagt Bernd Loebe, Intendant der Oper Frankfurt.
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„Ich fürchte, die Leute denken, der Loebe wird das schon machen“, sagt Bernd Loebe, Intendant der Oper Frankfurt.

Oper Frankfurt

„Ich muss doch der erste sein, der sagt: Klar, es geht weiter“

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Der Frankfurter Opernintendant Bernd Loebe über geschlossene Häuser und offene Neubaudebatten, erholte Stimmen und die Frage, wo genau das Herz des Theaters schlägt.

Herr Loebe, was geschieht momentan hier am Haus, was machen Sie, worauf bereiten Sie sich vor?

Momentan geschieht relativ wenig. Vor ein paar Tagen haben wir entschieden, unsere „Luisa Miller“ nicht szenisch, sondern konzertant zu zeigen. Entsprechend haben wir alle szenischen Proben gestrichen. Wir wollen aber relativ bald wieder anfangen, vorsichtig zu proben, um für eine Wiedereröffnung am 1. April gewappnet zu sein.

Sie gehen davon aus, dass das klappen wird.

Selbstverständlich, auch wenn ich mich jetzt bereits öfter zu früh gefreut habe. Geplant sind zum Beispiel weitere Vorstellungen von „Orlando“ von Händel, ohne Chor mit kleinem Orchester. Statt „Boris Godunow“ sehen wir zwei überschaubarere Werke an einem Abend vor, „Ein Zar lässt sich fotografieren“ von Kurt Weill und „Die Kluge“ von Carl Orff.

Keith Warner inszeniert, der ursprünglich „Boris Godunow“ hätte machen sollen.

Das Team bleibt dasselbe. Wir übernehmen sogar Teile des Bühnenbildes. Und dann wollen wir noch „Dialogues des Carmélites“ von Poulenc machen, Claus Guth wird eine ganz besondere Fassung zeigen, wo Blanche praktisch alleine auf der Bühne ist und sich das Ganze wie in ihrem Kopf abspielen soll. Das ist Maria Bengtson, die hier eine wunderbare Daphne war. Wenn wir dürfen, sollte das ein toller Abend werden. Dazu zahlreiche Wiederaufnahmen, auch konzertante, „Salome“ vermutlich nur konzertant, weil das große Orchester dann auf die Bühne muss. „Die Entführung aus dem „Serail“ soll noch mal kommen, „Xerxes“ und auch unser Pergolesi-Abend, der nur wenige Vorstellungen hatte. Wir hoffen auf eine kleinere Version vom „Fliegenden Holländer“ und von „Eugen Onegin“ ...

Aber wir reden noch von dieser Spielzeit.

Ja, selbstverständlich, wir proben schließlich fast die ganze Zeit. „Le vin herbé“ von Frank Martin war vor dem Lockdown bis zur Generalprobe fertig, dieser Abend muss also auch unbedingt noch kommen. Wir hatten außerdem Pläne für das Bockenheimer Depot, aber da gibt es zwischen den Terminen von Schauspiel und Ballett keine Zeitfenster mehr. Darum bringen wir „Don Pasquale“, ebenfalls bis zur Generalprobe vorbereitet, vielleicht ins Große Haus. Wir müssen immer wieder neuen Anlauf nehmen, das ist eine frustrierende Zeit.

Trotzdem klingen Sie nicht frustriert.

Wenn Sie als Intendant den Eindruck vermitteln, total am Boden zu liegen und nicht weiter zu wissen, dann überträgt sich das auf alle. Ich muss doch der erste sein, der sagt: Klar, es geht weiter, es wird weitergehen. Dabei gibt es auch hier immer jemanden, der sagen wird: Die Welt macht auf Homeoffice, und der Loebe will immer noch Theater machen. Aber in einer gesunden Abwägung sind Proben zu rechtfertigen. Und beim Orchester zum Beispiel habe ich das Gefühl, die brennen auf Arbeit, die werden zu Hause allmählich wahnsinnig. Auch darum werden wir im Februar einige Konzert-Streams planen.

Wenn Sie gewusst hätten, dass sich das dermaßen hinzieht, hätten Sie dann Sachen anders gemacht? Eine Streaming-Premiere, wie es sie an etlichen großen Häusern inzwischen gegeben hat?

Wenn ich ganz ehrlich bin, glaube ich, dass unser Herz hier im Gebäude schlägt und für Aufführungen mit Publikum. Das ist der Kern unserer Arbeit. Wir sind kein Kino.

Was Ihnen derzeit auch nichts helfen würde. Aber Sie sind jedenfalls kein Bildschirm.

Klar, „Le vin herbé“ zum Beispiel hätte man aufzeichnen können, alles war fertig. Den Schuh zieh ich mir vielleicht an. Da ich aber fest davon ausgehe, dass wir den Abend diese Saison noch bringen können, wollte ich die Premiere auch ungern verbrennen.

Was ist denn derzeit Ihre Prognose für die Saison 21/22?

Es ist nicht gesagt, dass wir ab September wieder normal spielen können. Ich befürchte inzwischen, es wird nicht so sein. Wir setzen darauf, dass wir auf der Bühne dann einigermaßen in die Vollen gehen können, wobei die erste Premiere glücklicherweise ohnehin ein Werk ohne Chor ist, das auch mit kleinerem Orchester funktionieren wird. Aber vor allem werden wir wohl kaum wieder direkt hundert Prozent der Karten verkaufen dürfen. Wenn ich mir gegenüber ehrlich bin, wird der Januar 2022 hoffentlich der Monat sein, in dem wir wieder ein richtig volles Haus haben und wirklich wieder so agieren können wie in guten Zeiten.

Sie rechnen noch mal ein ganzes Jahr drauf.

Natürlich hoffen wir darauf, dass sich die Menschen impfen lassen, wobei ich schon den Satz höre: Macht doch den Laden auf für die, die geimpft sind. Das ist eine gesellschaftspolitische Frage, eine ethische Frage, die wir nicht zu entscheiden haben. Auch hier im Haus könnte es Personen geben, die sich nicht impfen lassen wollen. Wie geht man damit um? Corona wird uns noch eine Weile beschäftigen.

Wie beurteilen Sie, auch als Vorsitzender der Opernkonferenz, die Stimmungslage in der Branche insgesamt?

Da viele Theater auf Kurzarbeit gehen konnten, ist zumindest bei den großen Dampfern nicht die ganz große Krise zu erwarten. Wir selbst zum Beispiel haben festgestellt, dass wir durch die Kurzarbeit einen Teil der erheblichen Einnahmeausfälle kompensieren können. Außerdem wollen wir bezogen auf die Gastkünstler kulant sein.

... die an den ausgefallenen Produktionen beteiligt gewesen wären und denen rein rechtlich meistens gar nichts zusteht.

Es wäre angesichts unserer eigenen Situation unfair gewesen zu sagen, Ihr bekommt nichts. Wir haben für Frankfurt seit einigen Monaten beschlossen – ähnlich wie andere große Opernhäuser – einen Teil der Gage aus Kulanzgründen zu zahlen. Das kann man ein bisschen schichten, je nach Vertrag und Situation. Denkbar übrigens, dass die Situation zum Anlass genommen werden wird, Verträge künftig anders zu gestalten. Viele Agenturen wollen jetzt den Begriff der „höheren Gewalt“ aus den Verträgen entfernen und stattdessen schreiben: Falls der Termin nicht stattfinden kann, ist das Theater trotzdem verpflichtet, soundsoviel Prozent zu zahlen.

Wird Corona insofern den Markt verändern? Mehr Wunsch nach Sicherheit, womöglich auch mehr Interesse daran, fest in ein Ensemble zu kommen?

Die Mitglieder unseres Ensembles haben es sehr genossen, dass jeden Monat der Scheck da war. Erst recht die, die aus England oder Amerika kommen, wo es keine Sozialfonds und fast keine staatliche Hilfe gibt und die Lage äußerst dramatisch ist. Sechzig Prozent des Orchesters der Metropolitan Opera haben sich im ganzen Land verstreut, wo sie Musik unterrichten oder sonst etwas arbeiten. Die wieder zusammenzubekommen, wird nicht einfach sein. Covent Garden hat ein Gemälde von David Hockney zur Versteigerung gegeben. Da muss es schlimm bestellt sein um das Königliche Opernhaus.

Zur Person

Bernd Loebe, 1952 in Frankfurt geboren, ist seit der Spielzeit 2002/03 Intendant der Oper Frankfurt. Sein jetziger Vertrag ist soeben erneut verlängert worden und läuft nun bis 2028. Schon mehrfach ist das Haus unter Loebes Leitung von der Fachkritik zur „Oper des Jahres“ gewählt worden – zuletzt 2020, gemeinsam mit dem Grand Théâtre von Genf.

Die Frankfurter Oper konnte coronabedingt zwischen Mitte März und Anfang Juni keine Aufführungen zeigen, auch seit Anfang November ist das Haus für Publikum wieder geschlossen. Das digitale Programm ist über www.oper-frankfurt.de zu erreichen: Bis Sonntag kann man sich hier beispielsweise die „Fledermaus“ in der Inszenierung von Christof Loy mit Christian Gerhaher als Eisenstein (von 2010/2011) anhören.

Als Termin für die Wiedereröffnung ist der 1. April geplant: Verdis „Luisa Miller“ als (inzwischen) konzertante Aufführung mit Guanqun Yu (Luisa), Stefano La Colla (Rodolfo) und Zeljko Lucic (Miller). Jader Bignamini dirigiert. Wie es gelingt, hierfür eine Karte zu erwerben, steht in den Sternen.

Was macht die lange Pause eigentlich mit den Stimmen?

Es hat mich selbst überrascht, aber ich würde sagen, dass vielen die Pause guttut. Auch hier im Ensemble gibt es Sängerinnen und Sänger, bei denen ich zuletzt den Eindruck hatte, die Stimmen würden weiß, würden an Farbe verlieren. Jetzt höre ich, wie sie wieder viel frischer und farbiger klingen, regelrecht erholt. Das muss uns zu denken geben. Der Opernbetrieb ist sehr anstrengend. Dabei ist es ein Missverständnis, wenn Sängerinnen und Sänger glauben, sie müssten alles zusagen. Es sollte ihnen jetzt eine Ermutigung sein, auch einmal ein Angebot auszuschlagen. Das nimmt doch keiner übel, wenn es ohne Trickserei abläuft.

Zurück ins Heute. Das ganze Haus ist weiter auf Kurzarbeit?

Bei uns in der Oper ja. Selbst wenn wir wieder spielen würden, bliebe das zunächst so. Wir können ohnehin nicht das gesamte Orchester in den Graben setzen, den Chor nicht komplett agieren lassen. Auch in den Werkstätten lässt sich das reduzierte Programm mit der Kurzarbeit vereinbaren.

Es erinnert einen an die unangenehme Tatsache, dass Spielen immer teurer ist als Nicht-Spielen.

Wenn Sie eine große Produktion haben, großes Orchester, großer Chor, viele Solisten, Aufwand auf der Bühne, dann kann man sich das ausrechnen. Trotzdem muss es sein. Wir bekommen Briefe, wir werden angesprochen. Unser treues Publikum leidet in und an dieser Situation. Wir spüren, wie wichtig ihnen das Theater, die Oper ist.

Wobei ich mich manchmal frage: Finden Sie das Publikum laut genug? Finden Sie, dass Sie genug Unterstützung und Ermutigung bekommen?

Das erstaunt mich eher an einer anderen Stelle, bei der Diskussion über die Zukunft des Gebäudes, die Diskussion über Sanierung, Neubau, Standort. Da ist unser Publikum erstaunlich wohlerzogen. Stattdessen melden sich da sehr viele zu Wort, die vielleicht nie in die Oper Frankfurt gehen und unser Haus mehr als Architekturmuseum betrachten. Das ist doch ein Ort, an dem es pocht und pulsiert, 1200 Menschen arbeiten hier. Und dann liest man die Zeitung und hat den Eindruck, dass es nur ums Foyer geht. Es ist die große Stunde der Architekten, und ich vermisse die, die nach außen tragen, dass das Herz des Ganzen doch die Aufführung ist.

Hat das mit Frankfurt zu tun?

Ich fürchte, es hat ein bisschen damit zu tun, dass die Leute denken, der Loebe wird das schon machen. Dieses Gefühl, dass das seit 2002 gut läuft und schon irgendwie gut weitergehen wird. Dieses Irgendwie stört mich etwas, denn wir arbeiten hier auf höchstem Niveau und keineswegs aus einem Irgendwie heraus.

Was ist denn aus Ihrer Sicht der Stand der Gebäudediskussion?

Insgesamt wäre es mir jedenfalls lieber, wenn man sich mehr damit beschäftigen würde, was wir als Theater brauchen, als mit der Frage, was aus dem Foyer werden soll. Auch wenn ich das Foyer sehr mag.

Und Ihr Favorit unter den derzeit kursierenden Vorschlägen?

Ich neige zu dem Plan von Frau Hartwig (die Frankfurter Kulturdezernentin, d. Red.), eine Kulturmeile einzurichten. Grundsätzlich für eine Entscheidung gegen eine lange Übergangszeit.

Kulturmeile: die Oper in der Neuen Mainzer Straße und das Schauspielhaus am Willy-Brandt-Platz.

Das erscheint mir sehr vielversprechend. Ich kann mir angesichts des Lärms keine Sanierung bei laufendem Betrieb vorstellen. Auch kein mehrjähriges Interim in einer wie auch immer gearteten Halle. Das würde der Oper sehr schaden, ich könnte die Spitzenkräfte nicht halten und bekäme keine neuen. Außerdem halte ich es nicht für realistisch, dass Opernhaus und Schauspiel weiterhin in einem Gebäude unterkommen werden. Das ist schön, das war auch sehr gut hier, aber es hat aus vielen Gründen keine Zukunft, denke ich.

In Ihrer eigenen Hand liegt immerhin die Suche nach einem neuen Generalmusikdirektor, wenn Sebastian Weigles Vertrag 2023 ausläuft.

Wobei das Entscheidungen sind, die ich nicht ohne das Orchester treffen kann und will. Das wäre sinnlos. Sebastian Weigle wird dann 15 Jahre am Haus gewesen sein. Es war eine sehr gute Zeit, gerade deshalb kann man nicht nach einer Weigle-Kopie suchen. Eher muss es eine völlig andere Persönlichkeit sein, im Auftreten, im Alter, in der Herangehensweise.

Sie wissen bereits, wen Sie wollen.

Es gibt mehrere Personalien, die mir sehr passend erschienen. Aber es ist noch nicht so weit.

Wann wollen Sie das geklärt haben und verkünden können?

Am liebsten bis zum Sommer, vielleicht erst im Herbst.

Ihr eigener Vertrag ist unterdessen noch einmal verlängert worden. Das nimmt enorme Dimensionen an.

Informelle Gespräche hierzu gab es schon länger. Frau Hartwig hatte mich bereits vor einiger Zeit darauf angesprochen. Es ist schön, dieses Vertrauen zu bekommen. Ich dachte auch, es würde vielleicht boshafte Kommentare oder Unmut geben, aber das Gegenteil war der Fall. Wenn es jetzt bis 2028 geht, werden es am Ende 26 Jahre gewesen sein. Dafür gibt es in der Theaterwelt nicht viele Beispiele, das ist ziemlich einmalig. Man wird sich gar nicht mehr vorstellen können, wie es vorher war. Ich habe mich selbst gefragt: Kann ich das, will ich das? Aber ich muss sagen: Ja, ich fühle weder Überdruss noch Müdigkeit.

Interview: Judith von Sternburg

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