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Thomas Köcks „atlas“, Schauspiel Leipzig.

Theater

Kunst mit Füllung

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Bei den Berliner Autorentheatertagen: Enis Macis „Mitwisser“ und der Mülheim-Gewinner „atlas“ von Thomas Köck.

Schreiben diese Dramatiker ihre Stücke, um sich dem Kontinuum von Raum und Zeit zu widersetzen? Machen sie Theater, um der Chronologie und der Ortsbestimmtheit, in die uns die Wirklichkeit zwingt, zu entkommen? Um unserer kleinen Wirklichkeit Dimensionen hinzuzufügen oder um sie aufzubrechen und tiefer hineinzugucken? Dem würden beim Autorentheatertreffen, dem Gegenwartsdramatikfestival des Deutschen Theaters Berlin, bestimmt alle zustimmen. Was passiert aber, wenn man in diesen Kunstwelten dann doch einen Bezug zur Wirklichkeit sucht?

Stehen geblieben war die Kollegin Doris Meierhenrich bei ihrem Bericht über das Eröffnungswochenende mit ihrer Eloge auf René Polleschs „Ich weiß nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis (Manzini-Studien)“, worin Kathrin Angerer, Marie Rosa Tietjen und Martin Wuttke wortreich und mit großer gegenseitiger Anteilnahme ihr Sein auf der Bühne bedenken, diesen Reflexionsfluss fragmentieren, während ihnen Bärte und Frisuren wachsen und die anlasslos gewechselten Kostüme jegliche figürliche Identität unterlaufen. Wie befreiend, bereichernd und beispielgebend für das Leben!

Nun folgten unter anderem zwei Inszenierungen, die direkt von den Mülheimer Theatertagen, dem anderen wichtigen Gegenwartstheatertreffen, weitergezogen sind: „Mitwisser“ von Enis Maci und „atlas“ von Thomas Köck. Letzterer bekam den Mülheimer Theaterpreis jetzt zum zweiten Mal hintereinander. Beide Texte sind postdramatisch, feiern die Formulierungs- und Denkfähigkeiten ihrer Autoren, kommen ohne echte Dialoge aus, beackern fleißig die Metaebene und springen wie satanische Kryptologen durch Raum und Zeit. Weil das Ganze irgendwie dennoch welthaltig sein soll, spritzt man die Kunstprodukte inhaltistisch mit authentischen Begebnissen der finsteren Art auf.

In den Uraufführungsinszenierungen, die in Wien und in Leipzig entstanden sind, wird redlicherweise der Text übermittelt und mit dekorativen sowie illustrativen Inszenierungsideen bepfropft. In „Mitwisser“, das drei wirkliche Tötungsdelikte abarbeitet, aber eigentlich nur fragmentarisch die additive Dramaturgie des Internets abbildet und am Ende mit kulturpessimistischem Bums kritisiert, sehen wir fünf Schauspieler mit Masken unter Neonröhren Boule spielen, tanzen, Debilitätsvarianten zelebrieren, Schlagstöcke schwingen und am Ende als desorientierte Zombies herumtapsen, deren Augen nach übermäßigem Internetkonsum mit einer weißen Schicht überzogen sind. Sie sprechen, was sollen sie mit diesen Symbol- und Informationstransporttexten auch sonst tun, rampenwärts in Varianten. Elektronische Tonabnahme bietet weitere verzerrende und dynamische Vielfältigkeit, zu der industrielle Musik gepumpt werden kann.

Ganz so auf der Stelle steht „atlas“ nicht, hier hat man immerhin die Chance, jemanden kennenzulernen, auch wenn auf unnötig verrätselte und indifferent gehaltene Weise. Konkret geht es um Vietnam und um historische Linien, die vom Krieg gegen die USA, über die Fluchtwelle der Boat People zu den Vertragsarbeitern in der DDR und ihr Schicksal nach der Wende führen. Das Ganze bekommt einen Rahmen, der auf einem Flughafen spielt. Ein Vulkan ist ausgebrochen und hat den Flugverkehr lahmgelegt, es entsteht ein Zeitloch, in dem sich die angerissenen Geschichten treffen.

Hier hat der Regisseur Philipp Preuss versucht, die Texte nicht nur auf die Sprecher zu verteilen und die Darbietungsvarianz mittels Fremdsprachen zu erhöhen. Er schreckt nicht davor zurück, die lyrisch gepimpten und künstlich strukturierten Betrachtungen als direkte Figurensprache zu behandeln. So wird mit Schreckensblicken von illegalen Abtreibungen berichtet oder mit tränenerstickter Stimme vom Tod der Tochter. Noch schwerer zu ertragen ist der obsessive Gebrauch von Wasser in allen Aggregatzuständen und mit allen mikrofonverstärkten Gurgel- und Schluckgeräuschen, weil doch so viele Vietnamesen ertrunken sind damals. Und weil doch auch heute so viele ertrinken.

Auf dem Theatervorplatz haben anonyme deutsch-asiatische Künstler der Heinz-Hilpert-Statue einen Protestbrief ins Gesicht geklebt. Sie halten das Stück für eine „Neuauflage kolonialer Tradition“, weil sich weiße Menschen einer vietnamesischen Familiengeschichte bedienten, sich damit schmückten und bereicherten. So kunstfern diese Argumentation auch sein mag, die Wut ist welthaltig und lässt sich durchaus nachvollziehen.

Berliner Autorentheatertage:bis 8. Juni. www.deutschestheater.de

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