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"In Berlin herrscht ständiges Kommen und Gehen"

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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"Frankfurt war damals auch keine gemähte Wiese": Oliver Reese, hier noch im Wolkenfoyer.
"Frankfurt war damals auch keine gemähte Wiese": Oliver Reese, hier noch im Wolkenfoyer. © Peter Jülich

Oliver Reese stellt seine Pläne für das Berliner Ensemble vor: Ein Gespräch über Musealität, Aufbruch und Angst.

Herr Reese, bei Ihrer Frankfurter Abschieds-Pressekonferenz haben Sie gesagt, in Berlin werde man nicht so freundlich empfangen. Da haben Sie wohl nicht nur an Claus Peymann gedacht.
Da habe ich gar nicht an Claus Peymann gedacht. Ich denke überhaupt nicht so oft an Herrn Peymann. Nein, in Berlin ist einfach so viel los. Ich meine das gar nicht abschätzig, das ist ja gerade so herausfordernd. Wenn in Frankfurt ein Theater einen neuen Intendanten bekommt, dann ist das zu Recht ein dickes Ding. Weil: Der macht das dann die nächsten fünf bis zehn Jahre und es gibt vor Ort keine Alternative. In Berlin herrscht dagegen ständiges Kommen und Gehen. Ich habe gerade ein Interview mit dem Bayerischen Rundfunk gemacht, deren Thema hieß „Götterdämmerung“. In Berlin hören jetzt gleich zwei Intendanten auf, beide mit ungewöhnlicher langer Vertragslaufzeit, eben Claus Peymann am Berliner Ensemble nach 18 Jahren und Frank Castorf an der Volksbühne nach unfassbaren 25 Jahren. Und in diesem Zusammenhang werden auch die Grundfesten des Ensemble- und Repertoire-Theaters diskutiert. Das ist schon ein Politikum.

In Frankfurt sind Sie so etwas gewesen wie das Stadttheater.....
...selbstverständlich. Das ist doch ein schöner Begriff!

Das ist eine tolle Rolle, die man ausfüllen muss.
Sie haben recht: Das ist eine Rolle. Man ist das Theater. Man hat, frei nach Faust, vielen vieles zu bringen. Man kann sich nicht damit bescheiden, nur Dokumentartheater zu machen oder nur einen Regiestil zu fördern. Nicht mit 190 000 verkauften Karten pro Saison, vier Spielstätten und 32 Premieren pro Saison. Da kann man nicht Schmalspur fahren.

In Berlin sind Sie eines von vielen Theatern. Sie müssen um Aufmerksamkeit kämpfen.
Ich kenne ja Berlin, ich habe dort bereits fünfzehn Jahre lang an zwei Theatern gearbeitet. Aber ich habe in letzter Zeit Erfahrungen gemacht, die mich die Berliner Situation relativieren lassen, nämlich in Paris und London. In Deutschland empfinden wir alle die Berliner Situation als herausfordernd, weil es dort fünf Theater gibt, die parallel produzieren. Aber in London haben sie ein Modell, bei dem jede erfolgreiche Produktion sofort outgesourct und ins Westend gepackt wird. Und da läuft sie dann en suite, teilweise jahrelang. Da hat man nicht fünf Theater, die konkurrieren, sondern fünfzig. Und mit großen Hits achtmal die Woche. Das ist hart. Und grandios.

Und in Paris?
Ich habe dort mit Kollegen gesprochen. Die kooperieren sehr eng. Der eine zeigt eine Show von sich im Theater des anderen. Also das Théâtre de la Ville hat schon Produktionen im Châtelet gezeigt. Oder eine Star-Schauspielerin kommt von der Comédie-Française und spielt im Odéon. Ich finde das als Haltung souverän. Das immer Kratzbürstige, das Sich-vors-Schienbein-Treten, diese enge Konkurrenz untereinander ist doch eigentlich blöd.

In Berlin hat sich das bis zur Parodie entwickelt.
Finde ich auch. Vielleicht eine Generationenfrage.

Man kann das kaum mehr ernstnehmen.
Aber dem kann ich ja mit einem neuen Stil begegnen, den ich mit einbringe. Die sehr freundliche Annemie Vanackere vom HAU, die ich dort zum Anstandsbesuch getroffen habe, sagte: Das ist ja mal eine schöne Geste, dass einer schon vor seinem Amtsantritt vorbeikommt. Lass uns doch kooperieren.

Muss man befürchten, ohne scharfes Profil unter die Räder zu kommen?
Wenn ein Schauspieler bei mir fest engagiert ist, soll er in der Regel auch nicht woanders neu auftreten. Wenn jemand bei uns kontinuierlich als Regisseur arbeitet, soll er bitte an keinem anderen Berliner Theater vorkommen. Ausnahmen bestätigen die Regel. Dimiter Gotscheff hat immer am Deutschen Theater und an der Volksbühne gearbeitet, Ersan Mondtag hat am Gorki Theater gearbeitet, und wir haben eine lange Verbindung mit ihm. Manchmal soll man Gelassenheit an den Tag legen. Ich habe jetzt schon gehört, dass zu einem freien Schauspieler gesagt worden ist: Ach, du bist jetzt beim BE dabei, dann sollst du an meinem Haus nicht mehr spielen. Das finde ich unnötig.

Sie werden Kooperationen versuchen mit anderen Häusern in Berlin?
Ich fange nicht damit an. Aber ich weiß: Es wird sich ergeben. Auch mit der freien Szene. Ich gehe mit Offenheit in die Berliner Szene. Ich kann mir auch vorstellen, mit Museen zu kooperieren, wie wir es in Frankfurt oft gemacht haben.

Das BE ist durch die Brecht-Tradition etwas Besonderes. Mit einem besonderen Publikum. Macht Ihnen das auch Angst?
Man hat als Theatermacher neben großer Lust auch immer Angst. Am wenigstens allerdings vorm Publikum. Man hat Angst, die nächsten Proben zu beginnen, weil man denkt, man kann es gar nicht mehr. Als Schauspieler hat man Angst, aufzutreten. Als Theaterleiter hat man Angst, dass keiner kommt. Ich hatte schon als Kind Angst, dass zum Geburtstag keiner kommt – auch wenn das nie passiert ist. Als wir in Frankfurt planten, dass Falk Richter als Uraufführung ein neues Stück 15-mal en suite im großen Depot spielen sollte. Kommen da genug Leute? Und dass man auch, nennen wir es Respekt, nennen wir es Angst vor so einem Neubeginn hat, mit einem ganz neuen Programm, das sich schon sehr deutlich vom Old-School-Programm des BE absetzen wird – das ist doch etwas ganz Gesundes. Aber ich kann ja gar nicht anders, ich muss doch an das glauben, von dem ich von Herzen meine, dass es für das Haus das Richtige ist. Ich sehe das künftige BE ja in einer Tradition, die über die letzten 18 Jahre hinaus geht.

Inwiefern?
In den letzten Jahren wurden hier irre viele Klassiker gespielt. Aber das ist nicht die eigentliche Tradition des Berliner Ensembles, das ja vorher das Theater am Schiffbauerdamm war. Lieb ist mir die Linie des wagemutigen, jungen Intendanten Ernst Josef Aufricht, der 1928 ins Amt kam. Der setzte auf ein gewisses neues Stück namens „Die Dreigroschenoper“. Später die Weigel und die Berghaus, mutige Theaterfrauen. Das Haus war aber auch mal ein Tingeltangel über Jahre mit vielen Operetten. Zuletzt war das Berliner Ensemble ein Theater, in dem vor allem „Die Räuber“, „Faust“ und „Drei Schwestern“ gespielt wurden.

Wäre das ein Ansatz: eine Spielzeit nur mit Uraufführungen oder mit Stücken ab 1950?
Jedenfalls sollte man nie etwas, das an einem Ort funktioniert hat, auf einen anderen zu übertragen versuchen. Am Anfang der acht Jahre in Frankfurt war es ganz wichtig, das Theater auf eine Stunde null zurückzuführen, mit „Ödipus“ vor geschlossenem eisernen Vorhang anzufangen und im ersten Jahr bei den Klassikern der Moderne zu enden, also „Geschichten aus dem Wienerwald“ und „Lulu“. Das hat uns aber mit der Zeit überhaupt nicht mehr gereicht. Wir haben ästhetische Grenzen überschritten – das fast sprachlose Körpertheater des Dave St-Pierre zum Beispiel –, in der letzten Saison wurden mit Ausnahme des „Prinzen von Homburg“ nur lebende Autoren gespielt. Am BE möchte ich mich um Gegenwärtiges kümmern.

Wenn Sie am Berliner Ensemble scheitern würden, wäre das ein viel dramatischeres Scheitern als in Frankfurt.
Das ist ja rührend, dass Sie sich Sorgen um mich machen. Aber vergessen wir nicht, dass Frankfurt vor acht Jahren alles andere als eine gemähte Wiese war. Im Rückblick sieht das bloß leicht aus!

Haben Sie in Berlin nicht Angst, an eine Stelle zu kommen, wo es existentiell wird?
Nein. Das habe ich schon hinter mir. Als wir 1994 am Gorki Theater neu angefangen haben, ich war Chefdramaturg und Stellvertreter von Bernd Wilms, stand das Haus schon auf der Schließungsliste. Wenn das nicht so funktioniert hätte mit Aufführungen wie den „Ratten“ mit Katharina Thalbach und dem legendären „Hauptmann von Köpenick“ mit Harald Juhnke, wäre das Theater weg gewesen. Heute sind die Zeiten andere. Das Berliner Ensemble wird ganz sicher weiter unterstützt werden.

Was ist das für ein Publikum, das Sie da erwartet?
Das Berliner Ensemble ist heute sehr gut besucht, und es hat sehr gute Einnahmen. Aber: Ich kenne auch eine ganze Reihe von Leuten, die sagen: Ich bin da schon lange nicht mehr gewesen. Die möchte ich mit einem neuen Programm reinholen. Wir wollen auch die Generation meiner Töchter, die Mitt-, Endzwanziger in das Haus holen. Und die mittlere Generation – die ist überall am schwersten zu „kriegen“.

Würden Sie das Wort verstaubt akzeptieren für das Haus?
Ich sage keine hässlichen Sachen über die Vorgänger.

Sagen Sie ein anderes Wort.
Museal.

Wir haben den Verdacht, dass auch viele Touristen das Berliner Ensemble füllen, die auf Klassiker eingestellt sind.
Wir leben in Zeiten, in denen das Thema „Europa und das Andere“ als brennend empfunden wird. Die Gegenwartsstücke verkaufen sich gut. Die Leute wollen sich auseinandersetzen. Wir eröffnen unmittelbar vor den Bundestagswahlen. Da erwartet doch niemand die deutschen Klassiker. Sondern vielleicht etwas, das mit Politik zu tun hat.

Sie werden das fortsetzen, was Sie in Frankfurt gemacht haben, politische Zeichen setzen? Wir denken an den Schwerpunkt „Flucht und Vertreibung“, die Matinee für Deniz Yücel.....
Das werde ich unbedingt fortsetzen, noch stärker als in Frankfurt. Es wird thematische Schwerpunkte zur Gegenwart geben. Ich habe in den letzten beiden Jahren so viel gelesen, wie in meinem recht langen Regisseurs-, Dramaturgen- und Intendantenleben noch nicht. Stücke, Stoffe, neue Romane, bin viel dienstlich ins Kino gegangen. Wie kriegt das Kino es hin, die Leute zu faszinieren wie mit „Moonlight“ oder „Manchester by the Sea“? Zwei Meisterwerke. Da laufen doch auch keine Remakes der Filmklassiker. Neue Stoffe braucht das Land!

Neue Schauwerte auch?
Keine Frage. Wir leben in Zeiten, in denen sich das Theater rasch verändert. Wir müssen uns thematisch öffnen, neu erfinden.

Warum funktionieren neue Stoffe im Theater so schlecht?
Weil viele neue Autoren sich nicht trauen, auf starke Geschichten zu setzen und zu wenig Interesse am Schauspieler haben. Und es gibt viel zu wenig starke Figuren im gegenwärtigen Theater. Wo sind die Rollen, die Schauspieler spielen wollen? Dazu kommt eine starke Fraktion in den Feuilletons, die findet es das Schönste, wenn vor allem neue Formen entstehen. Aber das erfüllt nicht unbedingt die Bedürfnisse der Zuschauer.

Die politische Situation in Berlin ist eine besondere. Wie sind Ihre bisherigen Erfahrungen mit der Kulturpolitik?
Erst einmal positiv. Sicher muss sich da einiges noch zurechtruckeln in der Koalition. Aber Klaus Lederer, der neue Kultursenator, ist schnell, lebendig. Er ist interessiert, hat Power, will helfen und gestalten.

Sie fürchten nicht, dass die Politik Ihnen reinregiert?
Nein. Da weiß die Politik: Das kommt immer ganz schlecht.

Lassen Sie uns zum Schluss noch mal über Gefühle reden. Sie kehren in Frankfurt noch mal zu „Ödipus“ zurück, dem Stück, mit dem Sie 2009 hier begonnen haben.
„Ödipus“, das war und ist thematisch eine richtige Wahl. Ich habe das damals in der Premiere schon stark empfunden. Im Publikum saß ganz Frankfurt. Und auf der Bühne wurde verhandelt das Schicksal einer Stadt, einer Welt, die ein existentielles Problem hat. Jetzt spielen wir es noch einmal, aber open air. Der „Ödipus“ vor der Skyline: Das ist toll.

Was werden Sie vermissen an Frankfurt?
Die kurzen Wege. Berlin ist Horror, was Wege angeht. Die U-Bahnen sind rappelvoll, auf dem Fahrrad müssen Sie Angst haben, dass Sie vom nächsten, der die Tür aufmacht, gefällt werden. Ist mir schon passiert. Die Autos stehen im Stau. In Frankfurt gab es auch die metaphorisch kurzen Wege zu den Menschen, Einladungen aus der Bürgerschaft, Kooperationen mit den Kolleginnen und Kollegen von den Museen. Diese Offenheit des raschen Andockens ist phantastisch. Das kann man von Frankfurt gut lernen.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert und Judith von Sternburg

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