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Es wurde auch in diesem Jahr wieder allerhand nicht eingeladen. Diese Inszenierung aber schon: Sebastian Nüblings „Orpheus steigt herab“ aus den Münchner Kammerspielen.
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Es wurde auch in diesem Jahr wieder allerhand nicht eingeladen. Diese Inszenierung aber schon: Sebastian Nüblings „Orpheus steigt herab“ aus den Münchner Kammerspielen.

50 Jahre TT / 3. bis 20. Mai 2013

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

Lange war das Theatertreffen eine Erfindung für den Westteil der Stadt. Jetzt ist es ein schönes Schauspiel der Kulturindustrie. Mit enormem Einfluss - und doch bildet das Festival nur einen kleinen Ausschnitt des Theaterlebens ab. Das, was gerade in Mode ist. In den großen Städten.

Von Dirk Pilz

Früher soll es ja anders gewesen sein. Nicht so aufgeblasen, weniger Getue. 1968 zum Beispiel. Zum Theatertreffen waren gebeten: „Endspiel“ in der Regie von Samuel Beckett, Fritz Kortner mit Strindbergs „Der Vater“, außerdem: zwei Mal Peter Zadek, zwei Mal Peter Stein. Keine Regiefrau, keine Freie Szene, dafür eine symbolische Einladung des Berliner Ensembles mit Brechts „Brotladen“, inszeniert von Manfred Karge und Matthias Langhoff.

Das ist lange her. Beckett, Kortner, Zadek sind gestorben. Karge und Langhoff haben jüngst nach langer Pause wieder versucht, gemeinsam zu arbeiten; die Premiere wurde abgesagt. Inzwischen dürfen dafür die Freien Szenen (immer noch selten, ja) und Frauen zum Theatertreffen (auch zu selten, ja ja). Und das Berliner Ensemble ist keine Ost-Bühne mehr, sondern eine Claus-Peymann-Trotzburg.

Ich war nicht dabei 1968, aber die Alten sagen mit leuchtenden Augen, es sei toll gewesen damals. War es bestimmt, zumindest in der Erinnerung ist es so.

1968 war das Theatertreffen noch im Kindergartenalter, es feierte gerade seinen fünften Geburtstag. Wie unbeschwert und heiter das gewesen sein muss! Peter Stein war 31 Jahre alt und gefeiert für ein als Regietheater betiteltes Inszenieren, das erst sehr viel später zum Schimpfwort wurde, beschimpft vor allem von ihm selbst. Zadek war 42 und schon berühmt, Kortner, 76, eine Legende, Beckett, 62, sollte ein Jahr später den Literaturnobelpreis bekommen.

Gnade bei den Juroren

Auch im zarten Vorschulalter versammelte das Theatertreffen sehr verschiedene Künstler und Regiestile. Aber die Theaterwelt war enger, übersichtlicher. Manche sagen: Das Theatertreffen hatte seinerzeit mehr mit Kunst, weniger mit Kunstbetrieb zu schaffen. Manche sagen: Die Kunst war elitärer, abgehobener, der Theaterbetrieb samt Theatertreffen ein geschlossenes Milieu. Vielleicht ist beides wahr.

Peymann und Peter Stein wurden beide je 17 Mal (in Worten: siebzehn!) zum Theatertreffen geladen, früher. Sie machen noch immer Theater, allerdings kein theatertreffentaugliches mehr. Keines, das Gnade bei den Juroren fände, sieben ambitionierte Theaterkritiker, die jeweils drei lange Jahre über die Auswahl für das Theatertreffen herrschen. Sie müssen in Deutschland, Österreich und der Schweiz zehn Inszenierungen zusammensammeln, die nach Berlin dürfen. Im Statut des Theatertreffens ist notiert, es mögen bitte die „bemerkenswertesten“ sein. Keiner weiß, was das eigentlich bedeuten soll. Also kann es alles meinen, von bemerkenswert umstritten bis bemerkenswert aktuell. Oder einfach bemerkenswert gut.

Bemerkenswert erfolgreich beim Publikum gehört in der Regel allerdings nicht dazu. Sonst müsste in den letzten Jahren das Berliner Ensemble fast immer vertreten gewesen sein, zum Beispiel mit den Abenden von Peymann selbst; sie sind immer voll. Zuletzt wurde sein „Richard II.“ von Shakespeare ausgewählt. Das ist zwölf Jahre her. Peymann hat einige Jahre vor Wut und Enttäuschung eine Art Gegenfestival am Berliner Ensemble installiert, stets parallel zum Theatertreffen. Es hat nichts genützt.

Letztes Jahr hat er gefordert: „Schafft das Theatertreffen ab!“ Es sei überholt und viel zu teuer. Außerdem gebe es seit Jahren eine „bewusste Altersausgrenzung“, die „alten Kacker“ würden ausgemustert, und die bemerkenswerten Inszenierungen lade man nicht mehr ein. Kein Luc Bondy, kein Dieter Dorn, kein Peter Stein. Und kein Claus Peymann. Das hat auch nichts genützt; dieses Jahr sind wieder kein Bondy, kein Stein, kein Dorn und kein Peymann dabei.

Die meisten aus der Theaterindustrie sagen: Peymann spinnt. Es ist sehr schwer, Fachmenschen zu finden, die seine Inszenierungen ernsthaft zu verteidigen wüssten. Schillers „Kabale und Liebe“ kürzlich, Büchners „Dantons Tod“ letztes Jahr – dauernd diese ehrpusseligen Figuren, diese klappernde Symbolik, das aufgesetzt bedeutungsvolle Herumstehen. Immer ist es, als spielten diese Abende auf dem Mars. Irgendwo weit weg von Hier und Heute. Vielleicht gefällt das den Leuten. Man will ja auch mal abschalten und so tun, als wäre keine Krise da draußen und keine Angst vor ihren Folgen in einem drin. Das Theatertreffen will das nicht. Es sucht den Kontakt zum Hier und Heute. Und es will Kunst zeigen, ästhetisch Bemerkenswertes, nicht Auslastungserfolge.

Ja gut, sagt Peymann, aber es regiere beim Theatertreffen halt eine Art totalitärer „Gesinnungsgeschmack“.

Unter Kastanienblüten stehen

Und dann geht er doch jedes Jahr zum Theatertreffen, weil eben alle hingehen, die im Theaterbetriebsgewusel mitmischen oder wenigstens dazugehören wollen. Die gesehen werden und sehen möchten, wer so da ist. Oder die einfach auf gutes Theater von anderswo hoffen. Die nicht wie die Juroren auf Kosten der Berliner Festspiele durch die Lande reisen können. Die gern im Garten des Festspielhauses unter den Kastanienblüten herumstehen, weil dort so gut stehen ist.

Claus Peymann geht hin und rennt dann gern Türen schlagend wieder hinaus. So ist das Theatertreffen: immer für Gerede gut, immer einen Auftritt wert. Es kommen das Jahr über in Berliner Theaterfoyers auch nicht so viele Schlips- und Würdenträger zusammen wie beim Theatertreffen. Es riecht anders, die Stimmung ist aufgekratzter, die Seelen sind erregter als sonst. Nur in Salzburg bei den Festspielen jeden Sommer geht es noch aufgeblasener zu. Aber dort ist das Publikum braver, vielleicht biederer, in jedem Fall nicht so ausgesucht lässig und zynisch und altklug wie in Berlin.

Die Berliner sitzen ja immer mit innerlich verschränkten Armen im Parkett. Lehnen sich hochnäsig zurück und tun so, als hätten sie alles schon gesehen und alles längst gewusst. Es gibt keinen undankbaren Ort für das Theatertreffen als diese Stadt. Wahrscheinlich hat auch das zu seinem Erfolg beigetragen: Hier zu bestehen, das ist schon was.

Glaube an starke Männer

Peter Stein dagegen geht gar nicht mehr zum Theatertreffen; er wohnt jetzt bei Rom, baut Oliven an und macht Theater, wann und wie es ihm passt. Kürzlich hat er in der schönen Schinkel-Kirche im ostbrandenburgischen Neuhardenberg Becketts „Das letzte Band“ inszeniert, mit Klaus Maria Brandauer. Es war ein komisch stumpfer Abend, ich fand ihn furchtbar. Brandauer hat sehr eindrücklich zwei Bananen verschlungen, viel gehüstelt, geschnieft und die Stimme verstellt. Nein, dieses Brandauer-Stein-Produkt muss wirklich nicht zum Theatertreffen. Aber vielleicht hätte man über Steins „Zerbrochnen Krug“ vor fünf Jahren, auch mit Brandauer, wenigstens nachdenken können? Kam nicht in Frage.

Peter Stein ist einer, der stur an den Text als heilige Instanz glaubt. Für ihn sind die Hierarchien noch in Takt: Oben stehen Text und Dichter, unten hockt das Theater in treuer Dienerschaft. Das ist gerade out. Es passt nicht in eine Zeit, die ihren Glauben an starke Männer, stabile Herrschaftsstrukturen und geschlossene Milieus verloren hat. Das ganze Denken in Oben und Unten hat an Überzeugungskraft eingebüßt. Besonders im Theater.

Man spielt jetzt lieber auf der Straße oder mit Laien, zerbröselt die Texte, um nachzuschauen, woraus sie gemacht sind, arbeitet gern dokumentarisch, viel mit neuen Medien, nimmt die Dichter nicht ernster als die Schauspieler und die Texte nicht wichtiger als die Regisseure. Es wird häufiger experimentiert und ausprobiert, gern auch herumgestochert und gesucht, besonders nach dem direktem Kontakt zu einer Wirklichkeit, die vielen immer seltsamer vorkommt.

Was für ein Bohei!

Auch das hat sich geändert. Das Theatertreffen wurde einst erfunden, damit das betrauernswerte, von der bösen DDR umschlossene West-Berlin wenigstens einmal im Jahr die bemerkenswertesten deutschsprachigen Inszenierungen des Jahres vor der eigenen Haustür besuchen konnte. Mehr brauchte es nicht als diese hübsche Mitleidsgeste.

Jetzt wird das Theatertreffen fünfzig. Es hat Bauch angesetzt, sich einen schicken Schlips umgebunden und tritt wie der Bundescheflobbyist des Theaterbetriebs auf. Noch immer werden die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen der Saison präsentiert. Aber das Theatertreffen ist zur Betriebshauptversammlung geworden, mit allem, was es dafür braucht. Von der Party bis zum Schnittchenempfang.

Theatertreffen ist ja auch weit mehr als ein Festival mit zehn Inszenierungen. Es gibt den Stückemarkt, der neue Dramen vorstellt; es gibt das Internationale Forum, eine geschlossene Weiterbildungs-Workshop-Veranstaltung für junge Theaterarbeiter; und es gibt den Theatertreffen-Blog, mit dem junge Journalisten über das gesamte Festival berichten (den ich – es sei nicht verschwiegen – seit seiner Gründung 2009 als Mentor betreue und folglich nur empfehlen kann). Das Theatertreffen: was für ein Bohei jedes Mal.

Das Mittlere und Maßvolle

Das Kerngeschäft ist jedoch geblieben: die Auswahl der zehn Inszenierungen. Und die Jury wird Jahr für Jahr emsiger auf der Hatz nach dem Bemerkenswerten – 420?Inszenierungen hat sie für die Auswahl des Jubiläumsfestivals besucht. Früher kamen die Juroren nicht einmal auf die Hälfte.

Die Jury war immer umstritten, die Aufregung um ihre Entscheidungen ist festeste Theatertreffentradition. 1979 hatte die Jury gewagt, nur fünf statt zehn Inszenierungen einzuladen. Der große Kritiker Benjamin Henrichs hat damals aufgezählt, was alles fehlt, Pina Bausch, Robert Wilson und George Tabori etwa. „Der interessanteste Vorgang der Spielzeit, das Aufkommen eines nicht-literarischen, nicht-interpretatorischen Theaters der Assoziationen und Bilder (...): für die Jury uninteressant.“

Unerhört. Aber schlimmer noch: „So hat im Jahre 1979 auch die Theaterjury das Schicksal fast aller ähnlich organisierten Gremien ereilt: dass sich eine Majorität nur noch für das Mittlere und Maßvolle finden lässt. Was in politischen Affären noch einen Sinn geben mag (die Liquidierung der Extreme durch die Mehrheit), ist in ästhetischen eine Katastrophe.“ Sollte man solche ästhetische Entscheidungen überhaupt einer Jury anvertrauen?

Man kann ihre Verbitterung begreifen

Wenn es darum geht, die wesentlichen Entwicklungen im deutschsprachigen Theater einzufangen, dann haben die Juroren des letzten halben Jahrhunderts wahrscheinlich kaum etwas übersehen. Und es gab viel zu streiten in diesen fünf Jahrzehnten. Über die Rolle des Regisseurs und Texte ohne Dialoge, über Nackte auf der Bühne und laute Chöre, über Ekel, Blut und Nazis. Ist ein „Macbeth“, wie ihn Jürgen Gosch in Düsseldorf inszeniert hat, zu sehen in Berlin beim Theatertreffen 2006, besetzt nur mit Männern, allesamt nackt, alle voller Blut, noch Theater oder schon eine Zumutung? Was soll das? Wer braucht das? Das sind die ewig unerledigten Fragen, und nirgends kochen sie schöner hoch als auf dem Theatertreffen.

Es kommt natürlich auch darauf an, wer in der Jury sitzt. Immer zum Ende des Theatertreffens hocken sich die verantwortlichen Juroren aufs Podium und erklären dem Publikum, wie es zur Auswahl kam. Man sieht meist eine Schar schlecht gelaunter, sehr gereizter, extrem überarbeiteter und furchtbar erschöpfter Menschen.

Sie opfern einen Großteil ihrer Freizeit, weil sie ständig wohin müssen; ihre Familien und Freunde leiden unter der Dauerabwesenheit, ihre Nerven unter dem viel zu oft mittelmäßig bis schlechten, zumindest nicht theatertreffengeeignetem Theater. Außerdem ist die Hauptreisezeit im Winter. Wenn es nieselt in Bochum und auf dem Wiener Flughafen die Winde pfeifen. Welche Mühsal, und dann werden sie regelmäßig beschimpft. Man kann die Verbitterung begreifen.

Eine folgenschwere Fußnote

Vor ein paar Jahren kam bei der Abschlussdiskussion die Frage auf, warum schon wieder kein Theater aus Ostdeutschland dabei sei; das war zeitweilig ein Dauerthema. Es fiel ja auch auf. Und damals saß da ein österreichischer Kollege und ließ wissen, dass man das nun wirklich nicht verlangen könne. Die Hotels seien saumäßig im Osten, die Anfahrten eine Zumutung. Man müsse sich nicht alles antun.

Das würde inzwischen keiner mehr sagen. Heute sitzen zunehmend Kollegen in der Jury, die kaum Mühen sparen und eine Mission haben. Mehr Freie Szene! Mehr neues Theater! Mehr Experiment! Mehr Wirklichkeit! Und bitte weniger Stein- und Peymann-Sachen.

Auch darin spiegelt sich die Wandlung des Theatertreffens: Einst stand das legendenumwobene Auswahlkriterium „bemerkenswert“ schlicht für herausragende Güte und ästhetische Besonderheit; offenbar war man sich seinerzeit noch sicher, woran sie abzulesen ist. Heute heißt „bemerkenswert“ zwar auch Güte und Besonderheit, aber das Kriterium hat die folgenschwere Fußnote „die Besten“ bekommen; anscheinend ist sich die Jury nach wie vor sicher, das Beste vom Guten und Schlechten sondern zu können. Die Juroren und Theatertreffenchefs betonen zwar immer, dass das Theatertreffen nicht der Laufsteg für die Klassenbesten sei. Aber das Publikum nimmt es als genau das.

So cool ist niemand

Das war auch früher schon so, aber es fiel nicht derart auf. 1979 zum Beispiel hat Dieter Dorn die Einladung zum Theatertreffen für seine Münchner Botho-Strauß-Inszenierung „Groß und klein“ abgelehnt. Böse Zungen behaupteten, er fürchte den Vergleich mit Peter Stein – er war mit demselben Stück in seiner Fassung an der Berliner Schaubühne geladen. Aber Dorn kam nicht, weil sein Abend passgenau für den Raum in den Münchner Kammerspielen entworfen war.

Es fand sich nichts Vergleichbares in Berlin; Dorn hätte seine Arbeit für das Berliner Gastspiel ändern müssen, nur minimal, aber immerhin. Das gehe nicht, dachte er – und hat es schnell bereut. Soeben ist seine Autobiografie erschienen. Bis heute, schreibt er, verbinde sich für ihn mit dieser Geschichte ein Albtraum: „Das werde ich mir nie verzeihen.“ So kam Dieter Dorn auf nur sechs Theatertreffen-Gastspiele, nicht auf sieben. Was für ein Jammer.

Das kommt selten vor, sehr selten, dass jemand den Ruf nach Berlin verweigert. Andrea Breth hat 2005 eine Einladung für ihren großartigen, für mich bleibend erinnerungswürdigen „Don Carlos“ am Wiener Burgtheater ausgeschlagen. Christoph Marthaler kam 2009 nicht mit seinem „Theater im Waldhaus“, entstanden am sehr schönen Hotel „Waldhaus“ im Oberengadiner Sils Maria. Beide Mal fehlten die entsprechenden Räumlichkeiten in Berlin. Dass aber wer sagt, er wolle einfach nicht zum Theatertreffen, das gibt es nicht. Vielleicht war das früher möglich, heute ist es fast undenkbar. So cool ist offenbar niemand. Es kann sich auch kaum jemand leisten. Das Theatertreffen ist der Karrierebeschleuniger überhaupt im Theatergetriebe, mit spürbaren Folgen auf den Auftrags- und Kontozetteln.

Vital und vielgestaltig

Daran ist der Mauerfall schuld. Seit 24 Jahren ist West-Berlin von keiner DDR mehr umringt; das Theatertreffen hat seine einstige Funktion verloren – und eine neue gewonnen. Es tritt in der Rolle des Diktators auf, Diktator im Wortsinne: als Ansager. Es präsentiert, was gerade angesagt ist. Und was angesagt ist, lässt sich gut verkaufen. Einmal im Jahr, immer im Wonnemonat Mai, ist in Berlin deshalb bestens zu beobachten, wie die Moden im Theater liegen.

Ist das schlimm? Es ist unvermeidbar. Niemand kann sich dem Druck der Moden entziehen; selbst die Anti-Modischen bestätigen ihn nur.

Man kann das auch vornehmer ausdrücken, so wie Yvonne Büdenhölzer, die Leiterin des Theatertreffens: „Auch in seiner 50. Ausgabe spiegelt das Festival die Vitalität und Vielgestaltigkeit der deutschsprachigen Theaterlandschaft.“ Wie gespielt, was eigentlich warum erzählt, geglaubt und gefürchtet wird im Theater, ist offenbar keine Frage mehr. Hauptsache, vital und vielgestaltig. Als ob das bereits Ausweis für Gegenwärtigkeit und Relevanz wäre.

Im letzten Jahr sagte Büdenhölzer, die Auswahl halte „die Erschütterungen und ästhetischen Umbrüche des gegenwärtigen deutschsprachigen Theaters seismographisch fest“. Erschütterungen und Umbrüche festhalten – mehr kann, mehr will das Theatertreffen nicht. Es ist damit ganz auf der Höhe der Zeit: In Mode ist momentan vor allem eben dieses Reden von Umbrüchen, Erschütterungen, deren Rückseite die Huldigung von Vitalität und Vielgestaltigkeit ist. Die gepriesene Umbruchsvielfalt in diesem Jahr: mehrere Theatertreffen-Routiniers (Michael Thalheimer, Luk Perceval, Karin Henkel, Sebastian Nübling), drei Neulinge (Sebastian Hartmann, Sebastian Baumgarten, Jérôme Bel), kein Stein, kein Peymann.

Keine falsche Betroffenheit

Und es stimmt ja auch: Wie verschieden die auserkorenen Inszenierungen sind! Michael Thalheimer darf das diesjährige Theatertreffen mit seiner Frankfurter Inszenierung von Euripides’ „Medea“ eröffnen. Constanze Becker spielt die Hauptrolle an diesem hochkonzentrierten, erschreckend erbarmungslosen Abend; sie macht Medea zur scharfkantigsten Figur, die sich denken lässt. Eine große, verstörende Inszenierung. Und völlig anders als das „Disabled Theatre“ von Jérôme Bel zum Beispiel. Er lässt Menschen mit Behinderung auftreten, ohne jede Spur von aufgesetzter Authentizität und falscher Betroffenheit. Es ist Tanz- und Selbstdokumentationstheater: die Bühne als Menschenerforschungsstätte. So unterschiedlich kann Bühnenspiel sein.

Dennoch hat man den mulmigen Eindruck, als würde der Theaterbetrieb zusehends zum Schauplatz eines seltsamen Paradoxes: Je mehr er die Vielfalt feiert, desto ähnlicher werden die Inszenierungen, nicht formal, aber inhaltlich. Ist es nicht, als glichen sich die Weisen des Denkens und Wahrnehmens immer mehr an? Als erzählten sie allesamt dieselben Krisengeschichten, dieselben Storys über kaputte Subjekte, erstorbene Utopien und böse Gesellschaften? Oder hat man nur auf dem Theatertreffen diesen Eindruck?

Die bloße Feier läuft leer

Nicht nur. Es wurde ja auch dieses Jahr allerhand nicht eingeladen. Man kann bestens darüber streiten, ob es nicht Regisseure gäbe, die endlich aufs Theatertreffen gehörten. Der junge Antu Romero Nunes mit seiner irrwitzigen Wiener Inszenierung von „Einige Nachrichten an das All“ des ebenfalls noch jungen Dichters Wolfram Lotz zum Beispiel. Das würde die Vielfalt erheblich erhöhen.

Aber das Problem bliebe: Vielfalt ist keine ästhetische Kategorie, ihre bloße Feier läuft leer. Die aktuelle Theatermode will jedoch, dass sie als höchstes, heiliges Gut gehandelt wird. Dass das große schöne Lob der Vielfalt nicht so weit geht, das Theater von Stein & Co. mit einzugemeinden, offenbart die derzeitige Hauptmode: ein Denken in Fortschrittskategorien. Es redet uns ein, dass ein Theater wie das von Thalheimer oder Bel irgendwie moderner, zeitgemäßer, besser ist. Aber gibt es in Kunstdingen überhaupt so etwas wie Fortschritt? Finden sich nicht stets nur Wandlungen und Differenzierungen? Es gibt jedenfalls viel, das vergessen, beiseite geschoben wird, um es später vielleicht wiederzuentdecken.

Im Modischen geht Kunst ohnehin nie auf, und Moden können irren. Vielleicht ist das Theater von Peter Stein doch bemerkenswert? Wer weiß das schon. Man weiß nur, dass es derzeit aus der Mode ist.

Die heilige Mitte der Bühnenwelt

Das hat Folgen. Wer als Regisseur im Theaterbetrieb mitmischen will, muss den Moden folgen, wie bewusst auch immer. Man muss sich dem Wettkampf stellen, man muss zum Theatertreffen wollen. Man muss die Ranking-Rangelei mitmachen und zum Wetteiferer werden. Das gesamte Theatertreffen ist zum Schauspiel einer Kulturindustrie geworden, die alles und alle duldet. Außer jene, die sich des Wettkampfs entziehen.

Für das Vogtlandtheater Plauen oder das der Stadt Aalen zum Beispiel spielt die Bestenschau in Berlin keine Rolle. Nicht für die Macher, schon gar nicht für das Publikum vor Ort. Das wird in Berlin allzu gern übersehen; das Theatertreffen ist sehr theatertreffenfixiert. Man hält sich für die heilige Mitte der Bühnenwelt, man glaubt sich unverzichtbar.

Die Schönheit, der Reichtum der zu recht vielgepriesenen deutschsprachigen Theaterlandschaft ist allerdings vor allem an Orten zu finden, die von Berlin aus gesehen als Provinz erscheinen. Peter Sloterdijk hat einmal gesagt, Theater sei eine „Kaff-Kunst“, gebunden an das Kaff, wo ein Haus steht, sei’s in Berlin oder Plauen. So ist es. Das war immer schon seine Stärke.

Mehr zum Theatertreffen finden Sie hier: www.theatertreffen-blog.de

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