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Peter, hier mit Ellen, gibt Rätsel auf, aber nicht denen, die „Mörder“ an die Wand geschrieben haben.

Nationaltheater Mannheim

„Peter Grimes“: Der Hass, die Traurigkeit, das Rätsel

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Ein unaufdringlicher und gerade darum starker „Peter Grimes“ am Nationaltheater Mannheim.

Markus Dietz, der in Kassel an einer in Deutungsfragen bislang äußerst zurückhaltenden „Ring“-Tetralogie arbeitet (die „Götterdämmerung“ steht 2020 noch aus), kann mit dieser Diskretion jetzt viel erreichen: Benjamin Brittens „Peter Grimes“ scheint ideal zu sein für sein interessiertes, aber auch eng am Gegenstand bleibendes Bebildern, das ohne Verlogenheit schön ist.

In der aktuellen Produktion am Nationaltheater Mannheim, erarbeitet praktisch mit dem „Ring“-Inszenierungsteam, lässt es dem Publikum Luft zum Atmen und Denken, übergeht aber nicht schamvoll, wovon erzählt wird. Im riesigen Video ist immer wieder ein kleiner Junge zu sehen, er liegt im seichten Wasser, der Oberkörper ist unbekleidet, die Augen sind geschlossen. Eine nicht zu deutende Szene, auch wenn einem klar ist, dass in der Obhut des Fischers Grimes schon mehr als ein Lehrling unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen ist.

Der Mannheimer Grimes, Roy Cornelius Smith, ist ein bärtiger, bäriger, eher defensiver Typ mit ratlosem Blick. Auch das unendlich verlorene Waisenkind, das er diesmal zu sich nimmt – er kann die harte Arbeit alleine nicht bewältigen, erklärt er –, hat bald eine Wunde am Rücken. Unglück wohnt in der Hütte des Fischers, aber es bleibt in Mannheim wie in der Oper offen, was hier eigentlich geschieht: Schlägt Peter Grimes die Kinder, ist er ein Sexualstraftäter, geht es um Lieblosigkeit, Pech, ein überhartes Arbeitsleben? Im Dorf hat man seine Meinung und schwankt zwischen Sensationsgier und blankem Hass auf den Einzelgänger,

Dietz sorgt dafür, dass die Bevölkerung ein Mob ist, eine Menschen- und Klangwand, die uns regelrecht anschreien kann, wenn sie vorne am Bühnenrand in den Saal ruft und auf uns zeigt, als wären wir die Sünderlein. Für den Mannheimer Chor (geleitet von Dani Juris) ist das ein großartiger Auftritt, trotz individueller Ausstattung (Kostüme: Henrike Bromber) wirkt er wie ein einziger schrecklicher und Grimes auch erschreckender Gegenpart zum Außenseiter. Die schneidend aggressiven wie die melancholischen Passagen werden in konzertmäßiger Perfektion geboten, selbst wenn in den Wogen der Musik der Zusammenhalt zwischen Orchester und Bühne manchmal verloren zu gehen droht. Der Mannheimer GMD Alexander Soddy vermittelt dann geschmeidig, das musikalische Geschehen ist nicht schüchtern, aber hochkultiviert. Zumal Smith kein schmetternder, sondern ein sensibler und angenehm natürlich deklamierender Tenor ist, an seiner Seite Astrid Kessler als Ellen Orford, die ihrer sanften Vernunft auch stimmlich Ausdruck zu geben vermag.

Die Füße im Wasser

Die Gewalt des Chores und die Gewalt des Meeres – der eigentlichen, aber wortlosen Hauptfigur des Dramas – gehen nicht nur in der Musik, sondern auch in den Bildern in eins. Eine Menschen- und Klang- und auch eine Wasserwand. Öffnet sich der Vorhang schließlich, zeigt sich die Bühne wasserbedeckt, ein starkes Bild für die Unbehaustheit, der Grimes und das Kind in der stückweise von der Klippe rutschenden Fischerhütte ausgesetzt sind. Ines Nadler nutzt wie im Kasseler „Ring“ die dort geradezu überstrapazierte Neonröhreninstallation. An einer beweglichen Aufhängung sorgt sie für abstrakte Lichteffekte.

Nachher werden auch leuchtende Birnchen herabgelassen, die besinnlich über dem Wasser baumeln, und da ihnen im Halbdunkel Kinder beigesellt werden wie kleine Totengeister, wird die Grenze zum Rührstück getestet und knapp nicht überschritten. Ehrenwert natürlich der Versuch, Kinder wirklich anwesend sein zu lassen, sie zwischendurch in Großaufnahmen auch zu zeigen. Die lachenden Gesichter mit den Mündern im individuellen Übergang zu den zweiten Zähnen.

Auch die verschwiegene Offenheit der Kindergesichter demonstriert die unaufdringliche, aber doch besondere Leistung des Abends: Dass alles da ist außer eine Lösung. Das Publikum, mit harten Erkältungsfällen in den eigenen Reihen, geriet anschließend aus dem Häuschen, gepackt von der Ensembleleistung, aber sicher auch von Brittens Werk, das seit 75 Jahren nichts von seiner Kraft und Traurigkeit verloren hat.

Nationaltheater Mannheim:29. November, 18. Dezember. www.nationaltheater-mannheim.de

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