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„Suite für zwei Klaviere“.

Staatstheater Mainz

Wir beide, ohne dich. Wir beide, mit dir

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Komplexe Beziehungen, geschmeidige Körper zum Abschluss des Tanzmainz Festival.

Bis zum Ende des elftägigen Tanzmainz Festivals mussten Freunde des Spitzentanzes darauf warten, auf ihre Kosten zu kommen. Die São Paulo Dance Company aus Brasilien führte mit dieser klassischen Form einen dreiteiligen Abend im Großen Haus des Staatstheaters ein, an dem sie ein eigenes kleines Spektrum innerhalb der großen Bewegungswelt entfaltete.

In der „Suite für zwei Klaviere“ verband der aus Hessen gebürtige und im Jahr 2004 verstorbene Choreograf Uwe Scholz ursprünglich für das Züricher Ballett mehrere Kunstformen miteinander. Zur Musik von Sergej Rachmaninoff drehen und wenden sich unter der künstlerischen Leitung von Ines Bogéa drei Tänzerinnen und ihre sechs Partner vor einer Leinwand mit Zeichnungen von Wassily Kandinsky. In schwarz-weiße Ganzkörperbodies gekleidet, von KM 36 Confeccoes – Kris Driscoll kreiert, nehmen sie in präziser Technik nicht nur die Farbgestaltung der Bilder auf. Die geschmeidigen Körper der Frauen biegen sich in den Händen der Männer auch wie die Linien, die der russische Maler entwarf. Gleichzeitig erinnern sie an Bleistifte, was der höchste Zehenstand und die kerzengeraden Haltungen unterstreichen.

Hände werden zu Klauen

Nach diesem poetisch-schwebenden Blick in die Vergangenheit ging es mit der deutschen Erstaufführung von Henrique Rodovalhos „Melhor Unico Dia (der eine schönste Tag)“ in die Dunkelheit. Hier schält sich eine Masse aus Menschen heraus, in roten Samtoberteilen und mit schwarzen Stoffstreifen an den Gliedmaßen. Die an eine Tierherde erinnernde Gruppe aus 14 Tänzern bewegt sich gleichmäßig im dumpfen Rhythmus der Musik von Puplio. Doch immer wieder reißen welche aus. Hände bewegen sich wie Klauen durch die Luft. Köpfe rucken in eine andere Richtung. Die Einzelgänger oder -paare werden wieder eingefangen, sinken zurück in die Gemeinschaft, die wie in Trance, in einem beschwörenden Ritus, weiterstampft.

Nach diesem mystisch anmutenden und gerade deshalb bannenden Rudeltanz kehrt das Ensemble nach einer Pause vor Lebensfreude und Erotik sprühend auf die Bühne zurück. „Ngali“ bezeichnet in der Sprache der Ureinwohner Australiens „Wir beide, du eingeschlossen“ und baut damit einen Gegensatz auf zu Ngalju – „wir beide, du ausgeschlossen“.

Es geht also um Beziehungen, auch komplizierte, wie Arthur Schnitzler sie vor 100 Jahren für seinen „Reigen“ erdachte. Die Leidenschaften und Sehnsüchte aus dem Drama des österreichischen Erzählers schmiegen sich ebenso gut in andere kulturelle Kontexte hinein. Jomar Mesquita erweckt ein Stück Südamerika, indem er die zwölf Tänzerinnen und Tänzer, die zu Beginn ihre Köpfe auf durchsichtige Kissen betten, durch das Auf und Ab der Gefühle schickt, die mit allerlei Liebeleien verbunden sind. Mit sexy Schwung zu Sambaklängen geht’s hinaus aus dem Festival und zurück in den Alltag.

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